Die Reise unserer Nutzpflanzen

Die Frucht einer Mexikanischen Minigurke

Die Reise unserer Nutzpflanzen

Von Sabine Krüger

Globalisierung ist kein neues Phänomen. Vieles, was wir heute anbauen und essen, kam und kommt aus anderen Kontinenten zu uns. Eine Freiluft-Ausstellung im Botanischen Garten Düsseldorf erzählt die spannende Geschichte der Nutzpflanzen.

Nutzpflanzen, die die Welt verändern

Viele unserer Nutzpflanzen sind weitgereist. Manche führten zu bahnbrechenden Forschungsergebnissen. Andere ließen im Lauf ihrer Geschichte ganze Wirtschaftszweige erblühen und einbrechen. Ein Blick auf altes Gemüse und neue Superfoods.

Gärtnermeisterin Ulla Hannecke

Gärtnermeisterin Ulla Hannecke führt als Reviergärtnerin im Botanischen Garten Düsseldorf durch die Freiluft-Ausstellung mit dem Titel "Nutzpflanzen – gestern, heute, morgen". Hier stellt sie die Inkawurzel vor, auch Yacón genannt. Sie kommt aus den Hochebenen Südamerikas und kann bis zu 3 Meter hoch werden. Dennoch empfiehlt Ulla Hannecke sie für den Kleingarten: "Sie garantiert reiche Ernte auf kleinem Raum, denn sie bildet viele große unterirdische Knollen, die man wie Kartoffeln ernten kann".

Gärtnermeisterin Ulla Hannecke führt als Reviergärtnerin im Botanischen Garten Düsseldorf durch die Freiluft-Ausstellung mit dem Titel "Nutzpflanzen – gestern, heute, morgen". Hier stellt sie die Inkawurzel vor, auch Yacón genannt. Sie kommt aus den Hochebenen Südamerikas und kann bis zu 3 Meter hoch werden. Dennoch empfiehlt Ulla Hannecke sie für den Kleingarten: "Sie garantiert reiche Ernte auf kleinem Raum, denn sie bildet viele große unterirdische Knollen, die man wie Kartoffeln ernten kann".

Auch der Amaranth kommt aus den Anden und zählt bei uns, wie die Inkawurzel, zu den sogenannten Superfoods. Die getreideähnliche Pflanze ist glutenfrei und enthält verglichen mit echtem Getreide mehr Eiweiß, Fett und Ballaststoffe sowie besonders viel Kalzium, Magnesium und Eisen. Der Fuchsschwanz, wie die Pflanze bei uns auch genannt wird, ist anspruchslos: "Er liebt magere Böden, bei Düngung kippt er schnell", erklärt Ulla Hannecke, die ihn auch als Zierpflanze schätzt.

Eine weitere, aus Südamerika stammende Neuheit bei uns ist die Mexikanische Minigurke. Die empfiehlt die Gärtnermeisterin vor allem Balkongärtnern: "Sie rankt sehr schnell innerhalb von einem Jahr, ist also ein prima Sichtschutz zum Nachbarn und man kann noch ernten". Die Mini-Gurke bedient den Trend des Baby-Gemüses und kann direkt von der Pflanze genascht werden. Sie schmeckt wie Gurke mit einer leichten Note von Zitrone.

Die Indigopflanze kommt aus Indien und war dort in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ein sehr wichtiges Exportgut, weil aus ihr die tiefdunkle blaue Farbe hergestellt wurde. Als der deutsche Chemiker Adolf von Baeyer das Indigo-Blau aber künstlich produzieren konnte, führte das zum Einbruch dieses Wirtschaftszweiges in Indien. Ulla Hannecke ist auch vom Zierwert der Färberpflanze überzeugt:  "Der Indigostrauch blüht jetzt noch im Spätsommer, das ist selten bei Gehölzen!"

In Europa wurde die Farbe Blau seit dem Mittelalter aus dem Färberwaid hergestellt. Als dann ab 1650 aus Indien das ergiebigere Indigo eingeführt wurde, ging der Waidanbau kontinuierlich zurück bis er zum Ende des 19. Jahrhunderts eingestellt wurde. Hier sieht man die dekorativen Samen des Färberwaids. Im Garten schätzt Ulla Hannecke ihn auch, weil er besonders früh blüht: "Ende März, Anfang April, und zwar in überschäumenden, zarten, hellgelben Blütenwolken".

Nicht für den Gaumen, aber für Auge und Nase ein Genuss sind die zahlreichen Duftwicken im Botanischen Garten Düsseldorf. Sie heißen auch Duftende Platterbsen und sind mit den essbaren Gartenerbsen verwandt. Letztere gehören zu den ältesten Kulturpflanzen überhaupt: Archäologische Funde belegen, dass sie bereits um 8.000 v. Chr. angebaut wurden. Mithilfe von Erbsen entdeckte zudem Gregor Mendel im 19. Jahrhundert die Regeln der Vererbung.

Die vielen verschiedenen Kohlarten, die wir heute in unseren Gärten anbauen, zeigen, was Züchtung leistet. Im Bild sieht man eine Wildart des Kohls mit panaschierten, also zweifarbigen Blättern. "Die wilde Form des Kohls war der Blattkohl. Der hat einen langen Trieb und daran wachsen die Blätter. Der Mensch hat diesen mittigen Trieb in der Züchtung immer mehr gestaucht, sodass am Ende unsere heutigen Kopfkohlsorten daraus wurden", so die Gärtnermeisterin.

"Der Gute Heinrich hat eigentlich alles, was der Mensch braucht, trotzdem hat er sich nicht durchgesetzt", wundert sich Ulla Hannecke. Die Blätter kann man als Spinat verwenden, die Blüten wie Brokkoli essen und die Samen rösten und ins Müsli mischen. Zudem stellt diese Pflanze keine großen Ansprüche an den Boden und kann mehrmals geerntet werden. Deshalb ist er zumindest bei Permakultur-Gärtnern beliebt, die bevorzugt das pflanzen, was dauerhaftes Ernten ermöglicht. 

Auch der Mais ist eine uralte Kulturpflanze: Die ersten Maisbauern waren Ureinwohner Amerikas wie die Azteken und die Inkas. Nach Europa kam der Mais auf den Schiffen von Christoph Kolumbus.

Mais wird inzwischen vor allem für Bioenergie angebaut. In der Zukunft könnte er dafür eventuell von dieser gelb-blühenden nordamerikanischen Becherpflanze (auch: Silphie) abgelöst werden. Denn Mais muss jedes Jahr neu ausgesät werden, die Silphie ist eine wiederkehrende Staude. Zudem ist sie, wie alle Korbblütler, eine hervorragende Bienenweide.

Die Reise unserer Nutzpflanzen

WDR 4 Drinnen und Draußen | 09.09.2017 | 02:36 Min.

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Vielfältige Einsatzmöglichkeiten

Pflanzen ernähren uns nicht nur, sie werden zum Färben genutzt, als Medikamente, als Rauschmittel, für technische Zwecke oder als nachhaltige Rohstoffe für die Herstellung von Biogas. Ganz klar: Nutzpflanzen sind bedeutende Wirtschaftsfaktoren. Im Lauf ihrer Entwicklungsgeschichte entschieden sie immer wieder über das Wohl verschiedener Nationen. Sei es, weil sie besonders nahrhaft waren, wie der Mais, oder weil sie selten waren und die Nachfrage groß, wie zum Beispiel die indische Indigopflanze, aus der die Farbe Blau gewonnen wurde.

Am Anfang war der Bauer

"Zunächst sind wir als Jäger unserer Nahrung hinterher gelaufen. Als der Mensch gemerkt hat, hier gibt es Wildpflanzen, die dickere Blüten, Blätter oder Körner haben, hat er begonnen, diese auszulesen und anzubauen. Das war der Beginn der Landwirtschaft und damit der Sesshaftigkeit", erklärt Ulla Hannecke. Die Gärtnermeisterin ist im Botanischen Garten Düsseldorf für die Nutzpflanzen zuständig. Diese Entwicklung fand in den verschiedenen Regionen zu unterschiedlichen Zeiten statt. Zuerst um 11.000 v. Chr. im Nahen Osten, in Europa dann zwischen 7.000 und 4.000 v. Chr.

Von den Römern über die Klöster zu Kolumbus

"Die Rheinische Gemüsekultur geht erwiesenermaßen auf die Römer zurück. Die haben viel Gemüse aus dem Osten über den Süden zu uns nach Mittel- und Nordeuropa transportiert", so Hannecke. Einen weiteren Beitrag leisteten die Mönche und Nonnen, die im Gemüseanbau schon viel ausprobiert hatten und es auch aufschreiben konnten. Einen weiteren entscheidenden Anteil an der Gemüsewanderung hat auch Christoph Kolumbus mit der Entdeckung Amerikas. Innerhalb von hundert Jahren waren viele amerikanische Pflanzen auf der ganzen Welt verteilt. 

Gelehrte, Industrialisierung und Monokultur

Im 16. und 17. Jahrhundert haben viele Gelehrte wie Priester, Botaniker und Apotheker Pflanzen analysiert, gemalt und festgehalten. "Davon profitieren wir heute noch", sagt Ulla Hannecke anerkennend. Im 19. Jahrhundert brachte die Industrialisierung eine große Veränderung. Bis dahin war die Gemüsekultur in Händen derer, die auch ernteten. "Dann ging der Samenbau an einige wenige Firmen, was zum Verlust von Sorten führte, die vorher regional von Bauern als gut befunden worden waren", beschließt Ulla Hannecke ihre Entwicklungsgeschichte der Nutzpflanzen.

Experimente für die Zukunft

Bei der Gegenwart bleibt die Freiluft-Ausstellung im Botanischen Garten der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aber nicht stehen. Derzeit experimentiert man dort mit Pflanzen zur Herstellung von Biogas, die künftig eventuell den Mais ablösen könnten. Es handelt sich um die nordamerikanische Becherpflanze, auch Silphie genannt. Anders als der einjährige Mais, der jedes Jahr neu ausgesät werden muss, wächst die Staude nach und ist generell anspruchslos. Dass sie als Korbblütler auch noch Insekten Nahrung bietet, ist ein weiteres Plus. Vielleicht also revolutioniert bald die Silphie den Nutzpflanzenmarkt.

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Zwiebel, Safran, Fingerhut. 50 Pflanzen, die unsere Welt verändert haben
Autor: Bill Laws
Gerstenberg Verlag, 2014
16,95 €

Stand: 09.09.2017, 00:00