Gärtnern wie Karl der Große

Die Dach-Hauswurz sollte vor Blitzen schützen

Gärtnern wie Karl der Große

Von Sabine Krüger

Wenn Karl der Große in seinem Reich unterwegs war, machte er ordentlich Strecke: Von der Nordsee bis zum Mittelmeer. Zur Versorgung seines Trosses erließ er die Landgüterverordnung. Bis heute wirkt sie nach: in unseren Bauerngärten.

Gärtnern wie Karl der Große

WDR 4 Drinnen und Draußen | 29.07.2017 | 02:19 Min.

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Bauerngarten nach Kaiser Karl

Was bringt Bauer und Kaiser zusammen? Die Landgüterverordnung, die Karl der Große um 812 n. Chr. verfügte. Darin sind 90 Pflanzen aufgeführt, die ihn und seinen Tross versorgen sollten, wenn er sein ausgedehntes Reich bereiste.

Biologin Dr. Ruth Gestrich-Schmitz ist aktiv im Freundeskreis des Botanischen Gartens Aachen

Biologin Dr. Ruth Gestrich-Schmitz ist aktiv im Freundeskreis des Botanischen Gartens Aachen. Der hat im Jahr 2000, zum 1200-jährigen Jubiläum der Krönung Karls des Großen, den Karlsgarten auf Gut Melaten ins Leben gerufen. Er zeigt alle Pflanzen, die der Kaiser in seine Landgüterverordnung aufnehmen ließ. Wie zum Beispiel hier den Fenchel.

Biologin Dr. Ruth Gestrich-Schmitz ist aktiv im Freundeskreis des Botanischen Gartens Aachen. Der hat im Jahr 2000, zum 1200-jährigen Jubiläum der Krönung Karls des Großen, den Karlsgarten auf Gut Melaten ins Leben gerufen. Er zeigt alle Pflanzen, die der Kaiser in seine Landgüterverordnung aufnehmen ließ. Wie zum Beispiel hier den Fenchel.

Der Eibisch war die Nummer 50 des "Capitulare de villis vel curtis imperialibus", also der "Verordnung über die Reichshöfe und Krongüter Karls des Großen". Das Malvengewächs enthält viele Schleimstoffe und sollte bei Erkältung helfen. Sein weißes Blütenmeer lockt Hummeln an.

Hier funkelt ein blauer Glanzkäfer auf der Rossminze – Kaiser Karls Nummer 43. Den Käfer scheint deren etwas unangenehmer Geruch nach Petroleum nicht zu stören. Ruth Gestrich-Schmitz findet die Tiere sehr hübsch: "Nur wenn sie überhand nehmen, sollte man gegen sie vorgehen, sonst fressen sie die ganze Minze radikal ab".

Die Katzenminze, wie es der Name schon sagt, wird vor allem von Katzen geliebt. "Aber sie soll auch auf den Menschen beruhigend wirken und fiebersenkend", erklärt die Biologin. Grund genug, um in Karls Landgüterverordnung aufgenommen zu werden.

Der Muskatellersalbei blüht zart und überwältigend üppig. Er gehört zu den Pflanzen, denen berauschende und aphrodisierende Wirkung zugeschrieben wurde. Tatsächlich enthält er starke ätherische Öle, die auch zu Duftpflanzen-Öl verarbeitet werden. Zu viel davon kann aber auch unangenehm riechen.

Eine Pflanze mit dem Namen "Solsequiam" ist als Nummer 21 in Kaiser Karls Landgüterverordnung aufgelistet. Dabei könnte es sich um die Ringelblume handeln. Sie ist eine Färberpflanze und pflegt die Haut. Und in dem Foto wird klar, woher die Ringelblume ihren Namen hat: von den kringeligen Samen.

Gemüse gehörte selbstverständlich auch ins "Capitulare", wie die Landgüterverordnung verkürzt genannt wird. Hier ist der Breitlauch zu sehen, der beeindruckend blüht, wenn man ihn nicht vorher erntet. "Der Karlsgarten ist ein Schaugarten. Wir ernten hier nichts, damit man den ganzen Lebenszyklus der Pflanzen sehen kann", erklärt Ruth Gestrich-Schmitz

Natürlich durfte der Schlafmohn als Betäubungsmittel in der Medizin des Mittelalters in der Landgüterverordnung nicht fehlen. Ruth Gestrich-Schmitz demonstriert, dass die Kapsel des Schlafmohns zudem zur Erfindung des Salzstreuers angeregt hat.

Die kratzige Weberkarde war zu Zeiten Kaiser Karls ein Werkzeug: mit ihr wurde Wolle ausgekämmt. Auch heute ist sie in unseren Gärten wertvoll, und zwar als Insektenweide. So verblüht interessiert sich nur noch die Feuerwanze für sie. Sie sucht nach Samen.

Von der Dachhauswurz glaubte man, dass sie, aufs Dach gepflanzt, Blitze ableiten könne. Auch ein Grund, um in die Landgüterverordnung aufgenommen zu werden. "Physiker haben herausgefunden, dass da etwas dran sein könnte", hat Ruth Gestrich-Schmitz gelesen. Aber verlassen würde sie sich nicht darauf.

Pragmatischer Pflanzplan aus dem Mittelalter

Eine große Hungersnot 792/93 n. Chr. in Aquitanien (Südwestfrankreich) war wohl der Auslöser für die Landgüterverordnung Karls des Großen. Der fränkische Kaiser hatte ein ausgedehntes Reich zu regieren und war viel unterwegs. Meist mit einem Gefolge von bis zu 800 Leuten. Die mussten versorgt sein. Also verfügte er um 812 n. Chr. eine Landgüterverordnung. Sie enthielt 70 Kapitel. Im letzten sind 90 Pflanzen aufgeführt, die in seinen Reichshöfen und Krongütern angebaut werden sollten.

Aachener Karlsgarten an historischem Ort

Der Freundeskreis des Botanischen Gartens Aachen hat einen solchen Garten nach Kaiser Karls Landgüterverordnung wieder aufleben lassen: im Jahr 2000, zu dessen 1200-jährigem Krönungsjubiläum. Und zwar auf Gut Melaten, einem historischen Ort: "Die Straße, die hier entlangführt, war früher die Königsstraße, die 'Via Regia', von der aus diejenigen, die in Aachen zum König gekrönt werden sollten, von Maastricht nach Aachen zogen", erklärt Ruth Gestrich-Schmitz vom Freundeskreis. Heute ist der Schneebergweg eine ziemlich unbedeutende Sackgasse.

Vorbild Klostergarten, modern gebrochen

"Wir haben mit einem Gartenplaner den Garten angelegt wie früher die Klostergärten, als einen geschlossenen Garten. Drum herum eine Rotbuchenhecke. Außen davor die Obstgehölze, in der Mitte Eibenhecken und die einzelnen Beete dann mit Buchshecken abgetrennt. Modern ist der diagonale Weg, der den Garten erschließt", so Ruth Gestrich-Schmitz. Umfasst vom Buchs sind fast alle 90 Pflanzen der Liste aus Kaiser Karls Landgüterverordnung. Im Original heißt sie "Capitulare de villis vel curtis imperialibus", übersetzt: "Verordnung über die Reichshöfe und Krongüter".

Lebensmittel, Heilmittel und Werkzeuge

Die einzig überlieferte Handschrift der Liste ist archiviert in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Die Nummern 1-73 benennen Heil- und Nutzpflanzen. Ergänzt werden sie von Obstgehölzen in den Nummern 74-90. Sie waren das einzig Süße, was die Menschen im Mittelalter genießen konnten und lieferten wichtige Vitamine. "Manche Stauden und Gehölze dienten auch als Werkzeuge, wie zum Beispiel die Weberkarde, mit der man Wolle auskämmte", erzählt Ruth Gestrich-Schmitz und lässt die Rundgangsteilnehmer die robust-kratzige Weberkarde betasten.

Einblick in die mittelalterliche Medizin

Viele Pflanzen der Landgüterverordnung wurden zu medizinischen Zwecken angebaut. In der mittelalterlichen Medizin waren das vor allem Abführmittel. Das reichte von leicht verdauungsfördernd, wie die Samen der Gurke und der Zuckermelone, Anis und Fenchel, über stark verdauungsfördernde Pflanzen wie Kümmel, Koriander, Rosmarin bis hin zum Sadebaum, auch Gift-Wacholder genannt. "Diese hochgiftigen Beeren wurden auch für Abtreibungen verwendet. Wurden sie falsch dosiert, starben die Frauen daran", so Ruth Gestrich-Schmitz.

Der Schaugarten macht Pflanzen erlebbar

Der Freundeskreis möchte mit dem Schaugarten nicht nur über die mittelalterliche Bedeutung der Pflanzen aufklären, sondern auch zeigen, wie unsere Nutzpflanzen wachsen. Viele kennen Gemüse nur aus dem Supermarkt und wissen nicht, wie die Pflanzen im Garten, auf dem Feld aussehen. "Deshalb ernten wir hier nichts. Hier kann man also auch sehen, wie geschossener Salat aussieht oder blühender Lauch". Und der ist nun wirklich eine Zierde für den Aachener Karlsgarten.

Lesetipps

Geschichte der Gartenkunst. Streifzüge durch vier Jahrtausende
Autor: Günter Mader
Ulmer Verlag,  2006
39,90 €

Faszination Bauerngarten. Vom Glück zu säen, zu ernten und zu genießen
Autorinnen: Christa Brand, Kathrin Hofmeister
DVA, 2015
29,99 €

Stand: 29.07.2017, 00:00