Spalierobst – Antreten zur Ernte!

Spalierobst im Gut Melaten in Aachen

Spalierobst – Antreten zur Ernte!

Von Sabine Krüger

Hätten Sie gerne Obst im Garten, der aber zu klein ist für einen großen Obstbaum? Dann wäre vielleicht Spalierobst die Lösung. Wir zeigen, worauf beim Pflanzen und Schneiden zu achten ist.

Spalierobst - Antreten zur Ernte!

WDR 4 Drinnen und Draußen | 18.03.2017 | 02:15 Min.

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So wachsen Bäume normalerweise

Um Obst als Spaliere zu ziehen, muss man wissen, wie Bäume natürlicherweise wachsen. Das erklärt Kajo Strank, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH Aachen und Geschäftsführer des Freundeskreises des Botanischen Gartens in Aachen: "In einer Krone bestimmt die Spitze, wie hoch der Saft steigen kann. Die obersten Knospen treiben am stärksten aus. Und auch die seitlichen Äste streben soweit nach oben wie der Mitteltrieb", so der Biologe. Ein kultivierter Obstbaum, der Ertrag bringen soll, solle aber nicht nur senkrecht nach oben schießende belaubte Äste entwickeln, sondern vor allem Fruchttriebe. Deshalb müsse man Obstbäume beschneiden. "Alte, unbeschnittene Bäume wachsen kreuz und quer und sehen aus wie Besen", meint Kajo Strank.

Obst als Spalier – so geht’s!

Auf kleinem Raum Obst anbauen, das ermöglichen Spaliere. Mit ihnen kann man auch Fassaden begrünen oder Hecken pflanzen. Die ersparen einem auch, auf einer Leiter in den Baum zu steigen. Allerdings brauchen Spalierpflanzungen Geduld und man muss wissen, wie man sie pflanzt und schneidet.

Dr. Kajo Strank von RWTH Aachen schneidet am Ast

Dr. Kajo Strank ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fachgruppe Biologie an der RWTH Aachen. Als Geschäftsführer des Freundeskreises des Botanischen Gartens Aachen informiert er gerne auch Hobbygärtner über den richtigen Spalierschnitt.

Dr. Kajo Strank ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fachgruppe Biologie an der RWTH Aachen. Als Geschäftsführer des Freundeskreises des Botanischen Gartens Aachen informiert er gerne auch Hobbygärtner über den richtigen Spalierschnitt.

Dazu erläutert er zunächst an der Tafel im Pumpenhäuschen auf Gut Melaten, wie ein Baum wächst, wenn er nicht beschnitten wird: Alle Äste haben die Tendenz nach oben zu wachsen. Und die obersten Knospen treiben jeweils am stärksten aus. Der Mitteltrieb entscheidet, wie hoch der Baum wachsen kann.

Ein ganz anderes Bild zeigen die beiden Spalierbäume an der Wand des Pumpenhäuschens. Links eine U-Form und rechts die sogenannte Verrier-Palmette. Sie sieht aus wie ein Kandelaber, ein mehrarmiger Kerzenleuchter.

Wer möglichst viel Ertrag erzielen möchte, muss den Baum dazu anregen, Blühtriebe zu bilden. Die erkennt man daran, dass sie kurz sind und zwiebelförmige Knospen ausbilden. Aus ihnen wachsen Früchte.

Lang nach oben schießende Triebe, mit winzigen dreieckigen Knospen dran, bilden Laub aus, keine Früchte. Diese Triebe müssen gekürzt werden.

An einem Spalier, das an einer Wand wächst, sollten die Fruchttriebe logischerweise nach vorne wachsen. Denn hinten ist die Wand. Durch Schnitt erzieht man den Baum so, dass er etwa eine halbe Armlänge nach vorne wächst, also ungefähr 30 bis 40 Zentimeter.

Neben den beiden Spalieren an der linken Wand setzt Kajo Strank rechts einen jungen Birnbaum. Der soll auch in Armleuchter-Form gezogen werden. Dazu stutzt er den Mitteltrieb auf eine Handbreite über der ersten Drahtetage. Und lässt nur jeweils einen Ast nach links und einen nach rechts wachsen. Alle anderen Äste schneidet er ab.

Die beiden Seitentriebe werden mit Kabelbindern an der untersten Drahtetage festgebunden. So wird der Ast in die Richtung gelenkt, in die er wachsen soll. Da er noch wächst und auch dicker werden wird, darf er natürlich nicht zu eng angebunden werden.

Die Spalierbäume im Bauerngarten wachsen nicht an einer Wand, sondern als Hecke. Hier übernehmen sie auch die Funktion eines Raumteilers: Die Obstspaliere trennen den Ziergarten vom Nutzgarten.

Das Gut Melaten in Aachen diente von 1230 bis 1550 als Leprastation. Passenderweise befindet sich heute davor das Aachener Universitätsklinikum. Der Bauerngarten, der Karlsgarten, eine Imkerei und Streuobstwiesen mit ungefähr 400 Obstbäumen werden von Landschaftspflegern und Freiwilligen betreut. Lehrpersonal und Studierende der Biologie nutzen die Flächen auch für ihre wissenschaftlichen Beobachtungen.

Laubtriebe kürzen, Fruchttriebe fördern

An senkrecht nach oben wachsenden sogenannten "Wassertrieben" wachsen keine Früchte. "Nur an Trieben, die sich seitlich und flach orientieren, an denen entstehen Blüten und Früchte", erklärt Kajo Strank. Wenn man also konsequent Wassertriebe kürzt und Seitentriebe fördert, dann steigert man den Ertrag. Beim Spalierobst, das in ganz bestimmten Formen wachsen soll, müssen die Bäume extrem beschnitten werden. "Und zwar von Anfang an", sagt der Biologe, "im Nachhinein gebogen bekommt man die Äste nicht. Sie müssen über den Schnitt lernen, wohin sie wachsen sollen."

Lichten für guten Ertrag

Ein Ast bildet Knospen in alle Richtungen aus. Und die Endknospen treiben jeweils am stärksten aus. Um das Wachstum in eine bestimmte Richtung zu lenken, kürzt man einen Ast daher immer auf die Knospe, die da steht, wohin der Ast weiterwachsen soll. Damit ein Obstbaum gesunde, gut sonnenbeschienene und belüftete Fruchttriebe ausbildet, lichtet man ihn folgendermaßen: Die mittleren Leittriebe dürfen am höchsten wachsen. Äste, die sich gegenseitig beengen, die sich kreuzen oder nach innen wachsen, müssen rausgeschnitten werden. Bei einem Wand-Spalier wird natürlich alles, was zur Wand wachsen will, gekappt.

Verschiedene Spalierformen

Das bekannteste Spalier ist der Rebstock. Die einfachste Spalierform ist der Spindelbaum. Darauf folgt die U-Form. Komplizierter sind die Palmetten. Das sind palmenförmige, symmetrische Pflanzungen. Es gibt sie mit horizontalen Ästen und mit solchen, die schräg, im 45-Grad-Winkel, wachsen. Das sieht dann aus wie ein Fächer. Die sogenannte Verrier-Palmette hat waagerechte Äste und erinnert an einen mehrarmigen Kerzenleuchter, einen Kandelaber.

Einen Spalierbaum pflanzen

Im Spalierobst-Kurs auf Gut Melaten pflanzt Kajo Strank eine einjährige "Conférence-Birne" als Verrier-Palmette. Dazu setzt er die Pflanze mittig vor das Draht-Bambus-Geflecht. Dann kürzt er den Mitteltrieb eine Handbreit über der ersten Drahtetage. Als nächstes wählt er zwei Äste aus, die auf der Höhe der ersten Drahtetage wachsen. Alle anderen schneidet er ab. Zum Schluss bindet er mit Kabelbindern den nach links wachsenden Ast links an und den nach rechts wachsenden rechts. Im ersten Jahr sollen diese beiden Äste ans Ende der Wand wachsen. Dort werden sie dann rechtwinklig nach oben gebogen. In der Zwischenzeit wächst der Mitteltrieb bis zur zweiten Etage. Aus ihm sprießen dann die Seitentriebe für die zweite Etage.

Vorteile von Spalieren

Bis das Spalier so – Etage für Etage – nach oben wächst, vergehen Jahre. Spalierobst braucht also Geduld und regelmäßigen Schnitt. Dafür bietet es aber auch Vorteile: Man kann viele Früchte auf kleinem Raum ernten. Spaliere können an eine Wand gepflanzt werden, also Fassaden begrünen. Sie können aber auch freistehen und als Sichtschutz oder Raumteiler dienen. "In einem Spalier kann man verschiedene Obstsorten aufpfropfen. Ergänzt man mit schnell bestäubenden Sorten, lässt sich auch der Ertrag steigern. Und man erntet eine größere Geschmacks-Vielfalt. Das war im Barock beliebt und hat sich bis heute gehalten", resümiert Kajo Strank.

Lesetipps:

Peter Himmelhuber
Spalierobst im Hausgarten
Ökobuch Verlag, 2016
14,95 €

Brigitte Kleinod
Grüne Wände für Haus und Garten: Attraktive Lebensräume mit Kletterpflanzen. Planen, Bauen, Bepflanzen
pala-Verlag, 2014
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Karl Pieber, Peter Modl
Spalierobst für Mauer, Hecke, Pergola. Anlegen, Formen, Pflegen
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Stand: 17.03.2017, 00:00