Dächer begrünen fürs Klima

Ein vor allem mit Fetthennen und Gräsern begrünter Carport

Dächer begrünen fürs Klima

Von Sabine Krüger

Ab Anfang 2018 müssen neue Flachdächer in der Essener Innenstadt begrünt werden. Die Regelung soll das Klima schützen – und begrünte Dächer schaffen Lebensräume.

Dachbegrünungen als Lebensräume

Begrünte Dächer schonen nicht nur das Klima, sondern können auch neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere schaffen. Vorausgesetzt, sie werden entsprechend gestaltet. Wie das geht, zeigt Biologin und Naturgartengestalterin Ulrike Aufderheide.

Naturgartengestalterin Ulrike Aufderheide

Aus der vormals toten Dachfläche des Anbaus von Roswitha Schönwitz hat Ulrike Aufderheide eine Landschaft modelliert. Mit Biotopen für Wildbienen, Hummeln, Schmetterlingen, Schwebfliegen und eventuell sogar für Vögel. "Auf Dächern werden nistende Vögel weder von Menschen noch von Fressfeinden wie Katzen gestört." Damit aber Nestflüchter auf dem Dach überleben können, muss es dort auch Insekten geben, sonst haben die Jungvögel keine Nahrung.

Aus der vormals toten Dachfläche des Anbaus von Roswitha Schönwitz hat Ulrike Aufderheide eine Landschaft modelliert. Mit Biotopen für Wildbienen, Hummeln, Schmetterlingen, Schwebfliegen und eventuell sogar für Vögel. "Auf Dächern werden nistende Vögel weder von Menschen noch von Fressfeinden wie Katzen gestört." Damit aber Nestflüchter auf dem Dach überleben können, muss es dort auch Insekten geben, sonst haben die Jungvögel keine Nahrung.

Bevor es ans Pflanzen und Gestalten ging, hat Ulrike Aufderheide sich in Schutzmontur geworfen und mit einem Seil gesichert. Das ist bei Dächern ab drei Metern Höhe vorgeschrieben. So kann man gefahrlos Materialien und Werkzeug über die Dachkante von unten nach oben ziehen.

Das erste Biotop, das die Biologin eingerichtet hat, ist diese Sandlinse für Wildbienen. Die Insekten nisten in bindigem Sand und werden hier willkommen geheißen. Roswitha Schönwitz freut sich jetzt schon darauf, es künftig vor ihrem geöffneten Fenster summen zu hören. Dahinter eine malerische Wurzel.

Auch am linken und rechten Rand des Daches hat Ulrike Aufderheide Totholz arrangiert: "Die Engländer finden Totholz romantisch, bei uns gilt es als Dreck. Deshalb gibt es die meisten Hirschkäfer in Europa mitten in London." Hirschkäfer leben in abgestorbenen Eichen. Aber nicht nur die brauchen totes Holz: "Ein Drittel der Tierarten in Flächen, wo Bäume stehen, sind abhängig von Totholz."

Vor dem toten Ast auf der linken Seite des Daches hat die Biologin noch eine Tränke im Substrat versenkt – für Insekten und Vögel. Am rechten oberen Rand des Bildes sieht man im Schatten den Notüberlauf. Der sollte bei der Planung eines Gründaches keineswegs vergessen werden. Denn bei Starkregen sorgt er dafür, dass das Dach nicht zur Badewanne wird, so Aufderheide.

Dies ist zwar kein Foto von Roswitha Schönwitz‘ Dach, aber es zeigt, wie schön die rundblättrige Glockenblume blüht. Das ist eine der speziellen Dachbegrünungs-Stauden, die Ulrike Aufderheide auf das Dach gepflanzt hat. Darüber hinaus: weiß-blühende Graslilien, violetten Alpenquendel, kriechendes gelbblühendes Habichtskraut, milden Mauerpfeffer sowie rosafarbenen Berglauch.

Nach den Jungpflanzen hat die Gartengestalterin weitere Blühpflanzen gesät und den Samen mit der Rückseite der Schaufel festgeklopft. Bald wachsen hier Nelkenleimkraut, Natternkopf und echte Schlüsselblume. Das werde ein Feuerwerk aus pink, blau, gelb, verspricht Ulrike Aufderheide.

Vielleicht schon in einigen Wochen wird das Nelkenleimkraut so intensiv pink blühen wie auf diesem Foto. Und die Hummel tritt den Beweis an: Diese Pflanzen schaffen Lebensräume! Dabei sind sie extrem pflegeleicht: Nur einmal zu Beginn düngen und dann werden sie sich selbst überlassen. Extensive Dachbegrünungen wie diese werden nicht gegossen.

Sedumarten, also Fetthennen, wird Roswitha Schönwitz auch noch pflanzen. Hier ein Foto von einer Dachbegrünung auf einem Carport in Bonn-Friesdorf. Sedumpflanzen sind sehr widerstandsfähig und überstehen auch lange Trockenzeiten. Dieser Carport ist aber auch nur aus einiger Entfernung vom Kinderzimmerfenster aus zu sehen. Da muss die Bepflanzung nicht so vielseitig sein wie bei Roswitha Schönwitz, die häufig von ihrem Schreibtisch aus draufschaut.

Das ist der Blick vom Kinderzimmer auf den Carport der Familie Wallraff-Beck. Sie haben ihn selbst bepflanzt: "Das war ganz schön anstrengend, hochzuklettern und alles hochzuhieven", gesteht Anke Wallraff-Beck. Neben den Sedumarten hat sich auch der Blauschwingel gut entwickelt, eine Gräserart. Zudem wachsen auf dem Carport der Familie noch Felsennelke, Rispenflockenblume, Echtes Johanniskraut und Frühlingsfingerkraut.

Dächer begrünen fürs Klima

WDR 4 Drinnen und Draußen | 19.08.2017 | 02:29 Min.

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Diese Dächer können begrünt werden

Nicht jedes Dach eignet sich für eine Begrünung. "Bis zu einer Neigung von 23 Grad ist Dachbegrünung gut machbar. Ist die Neigung höher, spricht man von einer Steildachbegrünung, die erheblich aufwändiger wäre", erklärt Naturgartengestalterin Ulrike Aufderheide. Unbedingt auch vorher sollte geklärt werden: Wieviel Last kann mein Dach tragen? Die Fachfrau: "Ab 60-80 kg zusätzliche Dachlast pro qm wird Begrünung möglich und das entspricht dann als Faustregel ungefähr 6-8cm möglicher Substrathöhe."

Für Abfluss, Dichtigkeit und Feuerschutz sorgen!

Zudem braucht man einen Rand, der das Substrat festhält. Das Dach sollte möglichst ein geringes Gefälle haben, damit es nicht zu Staunässe kommt. Und es sollte Notüberläufe haben, damit das Dach nicht zur Badewanne wird, ergänzt Ulrike Aufderheide. Fragen der Dichtung und des Feuerschutzes muss man mit einem Dachdecker oder einem Hochbauarchitekten klären. Der Gartenbauer übernimmt dann ein fertig gedichtetes Dach und gestaltet die Bepflanzung.

Extensive oder Intensive Bepflanzung

Man kann ein Dach intensiv oder extensiv bepflanzen. Eine intensive Begrünung auf dem Dach ist ein richtiger Garten: Da können Bäume stehen, da kann man Gemüse anbauen. Da wird gedüngt, gewässert, gepflegt. Eine extensive Begrünung ist eine relativ dünne Begrünung von 6 bis 30 cm Höhe. Hier müssen die Pflanzen mit dem auskommen, was ihnen das Substrat und der Himmel bieten. Auf extensiver Begrünung fühlen sich Pflanzen wohl, die magere Standorte mögen. Und die sind in unseren überdüngten Landschaften rar. Gründächer sind also seltene Biotope.

Pflegeleicht, aber lebensreich!

Die Naturgartengestalterin Ulrike Aufderheide pflanzt auf dem Dach des Hausanbaus von Roswitha Schönwitz in Wachtberg bei Bonn eine extensive Begrünung mit einer Substrathöhe von 18 Zentimetern. Sie begnügt sich aber nicht mit der Pflanzung von Dachhauswurz, sondern schafft mit vielfältigen Wildpflanzen, Totholz und Sand verschiedene Lebensräume für Wildbienen, Hummeln, Schmetterlinge, Schwebfliegen und vielleicht sogar Vögel. "Pflegeleicht, aber lebensreich", so bringt sie ihr Projekt auf den Punkt. Und: "Je vielfältiger und höher die Bepflanzung ist, desto mehr Insekten finden sich ein."

Dächer zu Nistplätzen!

Beim aktuellen Insektensterben können begrünte Dächer also wichtige Biotope sein. Auch als Nistplätze für Vögel sind Gründächer attraktiv: "Denn da werden die Vögel in der Regel kaum von Menschen gestört und auch nicht von Fressfeinden wie Katzen bedroht. Für Nestflüchter würde so ein Dach ohne Insekten aber zur Todesfalle: Sie könnten zwar aus dem Ei schlüpfen, hätten dann aber keine Nahrung. Wer also auf dem Dach Insekten anlockt, schafft potenziell auch Nistplätze für Vögel", erklärt Ulrike Aufderheide.

Mehrere positive Effekte fürs Klima

"Die aktuellen Extremwetterlagen mit Dürre und Starkregen werden wir zunehmend erleben", warnt die Biologin. Dachbegrünungen können hier helfen: Sie sind Zwischenspeicher für Regenwasser. "Bei einer Dachbegrünung gelangt nur noch circa die Hälfte des Regenwassers in die Kanalisation. Diese wird also bei Starkregen entlastet. Zudem sorgt die Verdunstung des Wassers auf dem Dach für eine Abkühlung der direkten Umgebung. Ein Dach alleine kann da nicht viel bewirken, aber wenn es immer mehr werden, kann das zum Klimaschutz in Städten beitragen", weiß Ulrike Aufderheide und wünscht sich noch mehr Initiativen wie die der Stadt Essen.

Lesetipps

Dachbegrünung. Planung, Ausführung, Pflege
Autor: Walter Kolb
Ulmer Verlag, 2016
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Dächer begrünen. Planung, Ausführung, Praxistipps
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Stand: 19.08.2017, 00:00