Mangel oder Masche?

Vitamin D Präparate

Mangel oder Masche?

Von Birgit Bonk & Birgit Brückner

Gerade jetzt im Winter sind Vitamin D Präparate Verkaufsschlager in Apotheken und Drogerien. Klar ist: Wer lange Zeit an Mangel leidet, riskiert Osteoporose und andere Knochenkrankheiten. Aber muss deshalb jeder zur Tablette greifen?

Zu wenig UVB im Winter
Um Vitamin D zu bilden, braucht der Körper Sonnenlicht. Im Winter reicht die Intensität der Sonnenstrahlen in unseren Breitengraden dafür allerdings nicht aus. Von November bis März reichen die wenigen UVB Strahlen nicht, damit unser Körper das Vitamin bilden kann. Ab Herbst muss der Körper an die Reserven ran. Wurden die Speicher aber schon im Sommer nicht gut aufgefüllt, können ernstzunehmende Knochenkrankheiten die Folge sein.

Risiken
Was haben die Knochen mit Vitamin D zu tun? Eine Menge: Fehlt es an Vitamin D, sinkt der Kalziumspiegel. Die Knochen geben Kalzium frei, damit das Herz und die Muskeln keinen Mangel erleiden. Durch fehlende Härtung des Knochenäußeren wird der Neuaufbau des Knocheninneren verhindert. Die Knochen altern frühzeitig und brechen daher schneller. Einige Experten gehen sogar davon aus, dass Vitamin D auch mit Diabetes, Alzheimer und Herz-Kreislaufkrankheiten in Zusammenhang stehen. Das ist allerdings nicht eindeutig bewiesen. Belegt dagegen ist, dass ein optimaler Vitamin-D-Spiegel das Risiko, sich nach einem Sturz einen Knochen zu brechen, um 23 Prozent verringert.

Solarium bringt nichts
Auch die künstliche Sonne der Solarien ist keine Lösung. Oft ist unklar, welche Strahlen die Röhren tatsächlich liefern. Die meisten Lampen in Solarien geben heute hauptsächlich bräunendes UVA-Licht ab. Das wiederum bringt für die körpereigene Vitamin-D-Herstellung gar nichts. Dagegen ist die Gefahr des Hautkrebses hoch. Experten raten vom Besuch eines Solariums dringend ab.

20 Nanogramm pro Mililiter Vitamin D sind ausreichend für die Knochengesundheit.

20 Nanogramm pro Mililiter Vitamin D sind ausreichend für die Knochengesundheit.

Essen alleine reicht nicht
Auch durch Nahrungsaufnahme können wir nicht genügend von dem Vitamin produzieren, täglich wären kiloweise fetter Lachs oder Aal nötig – und selbst Liter von Lebertran würden nicht ausreichen.

Grenzwerte
Laut Bundesinstitut für Risikobewertung sind über 20 Nanogramm pro Mililiter Vitamin D für die Knochengesundheit ausreichend. Bei Werten unter 20 Nanogramm besteht ein erhöhtes Risiko für Frakturen. Und wenn die Werte unter 12 Nanogramm rutschen, herrscht ein erheblicher Mangel und auf Dauer das Risiko für schwere Knochenkrankheiten.

Risikogruppen
Mit zunehmendem Alter nimmt die Eigensynthese-Leistung der Haut deutlich ab. Daher sind Menschen über 65 Jahre besonders gefährdet, zu wenig Vitamin D zu haben. Auch Frauen in der Menopause gehören zur Risikogruppe. Besonders Dunkelhäutige, die hierzulande leben, haben ein Problem. Die Pigmente ihrer Haut lassen ohnehin weniger UVB durchdringen. Sie leiden deshalb häufig unter Vitamin D Mangel. In die Risikogruppe gehören auch alle die, die sich sehr selten draußen aufhalten.

Bluttest selbst bezahlen
Ob man an einem Vitamin-D-Mangel leidet oder nicht, kann mit einem einfachen Bluttest herausgefunden werden. Diesen müssen die meisten Patienten allerdings aus eigener Tasche bezahlen. Der Test kostet um die 30 Euro.

Keine Selbstmedikation
Wer einen ernsthaften Mangel feststellt, sollte zusätzliche Vitamine schlucken. Experten raten bei einem echten Mangel 800 bis 1.000 Einheiten künstlicher Vitamin-D-Präparate am Tag einzunehmen. Aber bitte keine Selbstmedikation! Die Einnahme sollte mit dem Arzt besprochen werden. Eine Überdosierung von Vitamin D kann tatsächlich auch gesundheitsgefährdend sein und zu Nierenschäden führen.

Tipps: Wie man den Vitamin D Speicher wieder auffüllt
Was man auf jeden Fall tun kann: Ab April Sonne tanken und den Speicher für den nächsten Winter voll machen. Dabei sollte man tatsächlich für einige Zeit die Sonnencreme weglassen. Achtung: Auch normale Gesichtscremes haben in vielen Fällen bereits einen UVB-Schutz. Das heißt: Auch darauf kurze Zeit verzichten. Die Faustregel: 5 bis 25 Min pro Tag Gesicht, Hände und Teile von Armen und Beinen in die Sonne halten. Nach spätestens 30 Minuten Sonnenanbeterei hat die Haut genug UVB-Strahlen für die Vitamin-D-Produktion aufgenommen. Das tut gut und ist völlig kostenlos.

Interview mit Dr. Mario Fabri, Vitamin D - Experte an der Uniklinik Köln, Fachbereich für Dermatologie und Venerologie

Serviczeit: Bei welchen Krankheiten hilft Vitamin D mit Sicherheit?
Dr. Mario Fabri: "Nach aktueller Studienlage können wir bisher mit fast 100% Sicherheit sagen, dass Vitamin D bei der Prophylaxe für Knochenerkrankungen wie Rachitis und Osteoporose hilft."

Serviczeit: Gibt es weitere Hinweise, dass ein Vitamin D Mangel in Zusammenhang mit anderen Krankheiten stehen kann?
Dr. Mario Fabri: "Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Hinweise, die einen Vitamin Mangel mit verschiedenen Erkrankungen in Verbindung bringen. Hierzu zählen sicherlich: Multiples Sclerose, Diabetes mellitus, verschiedene Infektionskrankheiten wie die Tuberkulose, Bluthochdruck und verschiedenste Krebserkrankungen. Aber letzlich fehlen hier noch die Beweise, dass Vitamin D hier wirklich hilft. Auch für die Vermutung, dass Vitamin D ursächlich mit Depressionen zusammenhängen könnte, ist die Studienlage so kontrovers und unübersichtlich, dass man keine eindeutigemn Aussagen treffen könnte."

Serviczeit: Was macht Vitamin D so wichtig in unserem Körper?
Dr. Mario Fabri: "Man weiß, dass Vitamin D unglaublich viele Stoffwechselwege im menschlichen Körper reguliert. Wir gehen davon aus, dass 5% aller Gene,die im menschlichen Körper zu finden sind, durch Vitamin D reguliert werden."

Serviczeit: Was empfehlen Sie?
Dr. Mario Fabri: "Wenn man alle wissenschaftliche Untersuchungen zusammen nimmt, dann würden die meisten Experten und mich eingeschlossen, sagen, dass wir vermutlich in Deutschland zu wenig Vitamin D auf das Jahr betrachtet in unserem Blut haben. Und deshalb sollte man Vitamin D als Ergännzung in Form von Tabletten einnehmen. Eine Dosis, die immer wieder diskutiert wird, sind 1000 Einheiten täglich. Das ist auch die Dosis, die meine Familie und ich einnehmen."

Stand: 01.02.2016, 11:00