Wie gefährlich sind die frei verkäuflichen Medikamente?

Risiko Schmerzmittel

Wie gefährlich sind die frei verkäuflichen Medikamente?

Von Patricia Metz

Bei akuten Beschwerden sind frei verkäufliche Schmerzmittel oft ein Segen. Bis die Ursache für den Schmerz behandelt ist, machen sie das Leid in den meisten Fällen erträglich. Ihre Nebenwirkungen werden aber häufig unterschätzt. Immer wieder kommt es durch Schmerzmittelmissbrauch zu schweren Organschäden und sogar zu Todesfällen.

Frei verkäufliche Schmerzmittel haben zahlreiche Risiken und Nebenwirkungen – genau wie andere Medikamente. Dennoch werden sie häufig so sorglos geschluckt wie Nahrungsergänzungsmittel. Vor einem anstrengenden Arbeitstag, der feucht-fröhlichen Party oder dem Marathon, wappnen die scheinbar ungefährlichen Medikamente vermeintlich für alle Lebenslagen. Ihr Umsatz betrug in 2013 rund 550 Millionen Euro, Tendenz steigend.

Organschäden durch Schmerzmittel

Doch bei dauerhaftem Gebrauch von Schmerzmitteln drohen ernsthafte Organschäden. So können die gängigen antientzündlichen Wirkstoffe Acetylsalicylsäure, Ibuprofen und Diclofenac nach längerer Einnahme buchstäblich an die Nieren gehen oder Magen- und Darmprobleme verursachen. Der Wirkstoff Paracetamol kann die Leber schädigen.

Alle diese Medikamente funktionieren relativ ähnlich: Sie hemmen Enzyme (die Cyclooxogenasen) und damit den Aufbau von Schmerzbotenstoffen (Prostaglandine), wodurch der Schmerz unterdrückt wird. Allerdings wird auch die zweite wichtige Funktion der Prostaglandine außer Kraft gesetzt: Sie dienen als körpereigene Schutzhormone. Wird ihre Bildung verhindert, kann es zur erhöhten Bildung von Magensäure, verstärkter Darmbewegung, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen und Blutungsgefahr kommen. Um diese Nebenwirkungen zu vermeiden, verordnen Ärzte häufig vorbeugend einen Protonenpumpen-Hemmer zusammen mit dem Schmerzmittel.

Schmerzmittel, die die körpereigenen Schutzhormone hemmen, steigern das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko bei längerem Gebrauch und höherer Dosis deutlich. Besonders gefährdet sind Menschen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko, wie Raucher und Übergewichtige. Das hat eine Studie der Fachzeitschrift „Lancet" mit Daten von 350.000 Patienten belegt. Untersucht wurden Dosierungen von 150 Milligramm Diclofenac und 2400 Milligramm Ibuprofen pro Tag.

Grafik, die die menschliche Niere, Magen- und Darmtrakt zeigt.

Bei dauerhaftem Gebrauch von Schmerzmitteln drohen ernsthafte Organschäden.

Rezeptfreie Schmerzmittel nur kurzzeitig anwenden

Wer wegen Schmerzen zur Tablette greift, sollte sich bewusst sein: Schmerz ist ein Warnsignal des Körpers und muss beachtet werden. Hält der Schmerz länger als drei Tage an, ist es ratsam, einen Arzt aufzusuchen und die Ursache abklären zu lassen. Andernfalls droht die Gefahr, ernsthafte Krankheiten zu verschleppen.

„Alle frei verkäuflichen Schmerzmittel sind ja dafür da, sie allerhöchstens mal drei, vier Tage am Stück zu nehmen und auch nur in den angegebenen Einzel- und Tagesdosen. Leider wird sehr häufig vergessen, dass die Gefahr von Nebenwirkungen steigt mit der Einnahmedauer - und natürlich auch mit der Dosis,“ warnt der Schmerzmediziner Dr. Michael Küster aus Bonn. Er ist ein entschiedener Gegner von leichtfertigem und unüberlegtem Schmerzmittelkonsum.

Schmerzmittel Paracetamol – viele Risiken, fragwürdige Wirkung

Paracetamol ist das weltweit am meisten verkaufte Schmerzmittel. Im Gegensatz zu antientzündlichen Schmerzmitteln wirkt Paracetamol nur im zentralen Nervensystem. Allerdings behindert es genau wie die anderen gängigen Schmerzmittel die körpereigenen Schutzstoffe. Gleichzeitig sind die Abbauprodukte von Paracetamol hochgiftig für die Leber. Schon bei geringer Überdosierung kommt es zum Absterben von Leberzellen. Innerhalb von höchstens 24 Stunden fängt die Leber an, ihre Funktion einzustellen. Dann hilft nur noch ein Spenderorgan. Das Problem: Die therapeutische Dosis (maximal vier Gramm verteilt auf vier Einzeldosen für einen Erwachsenen) und eine Überdosierung liegen sehr eng beieinander. Und deshalb kommen Überdosierungen immer wieder vor, berichtet Prof. Ali Canbay von der Universitätsklinik Essen.

Zahlreiche Grippemittel enthalten ebenfalls Paracetamol. Doch das wissen viele Verbraucher nicht. Wer diese Mittel dann mit Paracetamol kombiniert, läuft Gefahr, kritische Dosen zu erreichen. Übergewicht und Alkohol erschweren den Abbau von Paracetamol und können daher Leberschäden begünstigen. Einen Kater mit Paracetamol zu bekämpfen, kann also fatale Folgen haben.

Ein Schmerztherapeut testet das Schmerzempfinden an der Hand eines Patienten.

Menschen mit dauerhaften Schmerzen bedürfen einer individuellen ärztlichen Behandlung.

Seitdem die frei verkäuflichen Packungen auf insgesamt zehn Gramm Paracetamol begrenzt wurden, sind unbeabsichtigte Vergiftungen seltener geworden. Dennoch: Der Inhalt einer Packung reicht in 24 Stunden eingenommen aus, um schwere Leberschäden hervorzurufen.

Das Wirkungsspektrum von Paracetamol ist verglichen mit anderen rezeptfreien Schmerzmitteln relativ gering: Denn Paracetamol ist ausschließlich für die Anwendung bei leichten bis mäßigen Schmerzen geeignet. Bei Rückenschmerzen ist die Wirkung von Paracetamol nicht größer als von einem Placebo. Das haben Forscher der Universität Sydney im Rahmen einer Placebo-kontrollierten Doppelblindstudie herausgefunden.

Gern wird Paracetamol auch als Mittel der Wahl bei Schmerzen und fieberhaften Erkrankungen in der Schwangerschaft beschrieben. Doch Studien legen einen Zusammenhang zwischen Paracetamoleinnahme in der Schwangerschaft und dem Hyperaktivitätssyndrom bei Kindern nahe. Neueste Untersuchungen weisen außerdem daraufhin, dass Paracetamol in der Schwangerschaft die Zeugungsfähigkeit männlicher Nachkommen negativ beeinflussen kann. Ältere Untersuchungen wiesen bereits auf einen Zusammenhang zwischen der Einnahme durch die werdende Mutter und Hodenhochstand sowie Asthma hin.

Kopfschmerz durch Kopfschmerzmittel

Besonders häufig werden frei verkäufliche Schmerzmittel bei Kopfschmerzen angewandt. Doch wer deshalb über längere Zeit zu Tabletten greift, läuft Gefahr, noch mehr Kopfschmerzen zu bekommen. Fachleute sprechen dann von Arzneimittelkopfschmerz. Besonders häufig davon betroffen sind Frauen, die Kombipräparate mit Koffein einnehmen. Gleichzeitig bergen diese Präparate durch ihren Koffeinanteil ein erhöhtes Suchtpotential.

Eine Frau sitzt im Doktorkittel an ihrem Schreibtisch vor einem Bildschirm. Vor ihr liegt ein Totenschädel.

Rezeptfreie Schmerzmittel werden meistens bei Kopfschmerzen angewandt.

Am Westdeutschen Kopfschmerzzentrum in Essen sieht man das Risiko von frei verkäuflichen Schmerzmitteln kritisch. Die Neurologin Dr. Kasja Solbach betrachtet sie als eine Hauptursache für Arzneimittelkopfschmerz. „Wäre die Packungsgröße kleiner, würden die Patienten häufiger zum Arzt gehen müssen und es ist davon auszugehen, dass wir seltener einen schmerzmittelinduzierten Kopfschmerz zu behandeln hätten.“ Wer wegen Kopfschmerzen an zehn oder mehr Tagen im Monat Schmerzmittel einnimmt, gilt als gefährdet und sollte sich in professionelle Behandlung begeben.

Frei verkäufliche Schmerzmittel – nicht bei chronischen Schmerzen

Ob Kopfschmerzen, Gelenk- oder Rückenschmerzen – bei Nichtbehandlung können die meisten Schmerzen chronisch werden. Doch Menschen mit dauerhaften Schmerzen bedürfen einer individuellen ärztlichen Behandlung. Frei verkäufliche Schmerzmittel sind für die Behandlung chronischer Schmerzen nicht dauerhaft geeignet.

Zudem birgt eine längere Anwendung ohne ärztliche Aufsicht die Gefahr schwerwiegender Nebenwirkungen. Schmerzmediziner Michael Küster, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) e.V., sieht angesichts 15 Millionen Betroffener hierzulande dringenden Bedarf an einer angemessenen Schmerzbehandlung. Neben der medikamentösen Therapie sind lokale Anästhesie, manuelle Therapie, Nervenblockade sowie Elektrostimulation des Rückenmarks mögliche Methoden zur Behandlung chronischer Schmerzen.

Doch Schmerztherapie als eigenständiges Fachgebiet ist an den Universitäten immer noch nicht etabliert: „Wir müssen begreifen, dass Schmerz ein individuelles Erlebnis ist. Jeder Schmerz eines jeden Patienten ist anders. Diesen Schmerz müssen wir individuell erfassen und ganz persönliche Therapiepläne aufstellen, die bei jedem anders aussehen,“ erläutert Küster die Forderung nach einem Facharztstudiengang Schmerztherapie. „Gelingt uns das nicht, Patienten gut zu betreuen, droht die soziale Isolation, das Chronischwerden von Schmerzen, die Isolation am Arbeitsplatz, der Verlust des Arbeitsplatzes unter Umständen. Letzten Endes steht ein solcher Patient irgendwann am Ende der Kette.“

Stand: 29.01.2016, 09:00