Gesund durch Fett?

Ketogene Ernährung

Gesund durch Fett?

Von Claudia Wolfgramm

Der Verzicht auf Zucker beziehungsweise Kohlenhydrate kann sich auf viele Krankheiten positiv auszuwirken: Migräne, Rheuma, Alzheimer, Diabetes, Arthrose und sogar Krebs. Die strengste Form dieser Ernährung ist die „Ketogene Diät“.

Die Ernährung

Fett und Eiweiss statt Kohlenhydrate. Durch sehr fettreiche Kost lässt sich der Stoffwechsel umbauen. Bei einer sehr strengen kohlenhydratarmen Diät sollen täglich nur ca. 20-50g Kohlenhydrate verzehrt werden. Das heißt, Kohlenhydrate wie Brot, Nudeln, Kartoffeln und Hülsenfrüchte müssen runter vom Speiseplan. Ähnliches gilt für viele Obstsorten, wie zum Beispiel Bananen, Melonen oder Äpfel. Auch manche Gemüsesorten (Kartoffeln, Kürbis) und sogar Milch lassen den Blutzucker steigen.

Wesentlicher Bestandteil der Diät sind hochwertige Öle und Fette. Sie liefern den Hauptteil der Energie. Rund 70 % der Kalorien und das sind bis zu 200g Fett sollen täglich verzehrt werden. Zum Vergleich: bei einer kohlenhydratreichen Ernährung, wie von der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) empfohlen, nehmen wir gerade einmal 30-60g Fett pro Tag auf.

Wer nicht auf Brot verzichten will, greift auf Saatenmehle zurück.

Wer nicht auf Brot verzichten will, greift auf Saatenmehle zurück.

Vorsicht vor Sonnenblumenöl – dies kann Entzündungen im Körper verstärken oder auslösen. Auch Milch sollte man reduzieren, da diese ebenfalls den Insulinspiegel ansteigen lässt. Sahne dagegen hat diesen Effekt eher nicht und wird oft besser vertragen. Außerdem sollen umfangreich grünes Gemüse, sowie Käse, Eier und Nüsse gegessen werden. Ganz wichtig: genügend Eiweiß. Auch fette Wurst ist nicht tabu, sie sollte allerdings qualitativ hochwertig sein. Vorsicht dagegen beim Obst: hier sind nur Beeren wie Heidel- oder Himbeeren erlaubt.

Tipp: Wer nicht auf Brot verzichten will, greift auf Saatenmehle zurück. Die bestehen z. B. aus Nüssen oder Mandeln und anderen Saaten. Daneben gibt es zahlreiche Backmischungen für die lowcarb Ernährung. Auch so lässt sich Brot backen – nur eben ohne Getreide. Für Zucker gibt es inzwischen zahlreiche Austauschstoffe. Dagegen gilt: Hände weg vom "normalen" Süßstoff.

Die Idee

Indem wir auf Kohlenhydrate verzichten, stellt der Körper seinen Stoffwechsel um. Nun nutzt er Fett als Energiequelle. Das holt er sich entweder aus den Körperdepots oder direkt aus der Nahrung. Das Fett baut er in der Leber in Ketonkörper um. Diese liefern hochwertige Energie an sämtliche Zellen. Ob Gehirn, Nerven oder Muskeln.

Fett wird in der Leber in Ketonkörper umgewandelt.

Fett wird in der Leber in Ketonkörper umgewandelt.

Um diesen Effekt zu erreichen, müssen Ketarier, so der Fachbegriff, mehr als 40 Prozent der Kalorien über Fette aufnehmen. Dafür lässt man die Kohlenhydrate weg. So behält man sein Gewicht im Griff; Durch den hohen Anteil an Gemüse und Eiweiss nehmen viele Patienten sogar ab. Aber gerade Krebspatienten können ihr Gewicht mit dieser Ernährungsform sogar stabilisieren, so Prof. Dr. Ulrike Kämmerer in ihrem Buch "Krebszellen lieben Zucker - Patienten brauchen Fett".

Ob sich der Körper im Keton-Stoffwechsel befindet, lässt mit speziellen Keton-Sticks über einen Urin-Test nachweisen.

Ketonkörper

Die Forschung rund um Ketone und ihre Wirkungen stehen noch ganz am Anfang. Manche beurteilen sie allerdings jetzt schon als „Wunderstoffe“. Ihre Energie ist für den Körper besonders gut und rückstandslos verwertbar. Außerdem kann der Ketonkörper z. B. gezielt an Immunzellen andocken und deren Funktion ähnlich wie ein Medikament beeinflussen und zwar so, dass die Immunzellen nicht so stark Entzündungen ausregeln, weiss Prof. Dr. Ulrike Kämmerer, die zu den führenden Wissenschaflern auf diesem Gebiet zählt.

Kolibri-Studie

Ketogene Ernährung kann für alle Patienten hilfreich sein, die unter Krankheiten leiden, die im Zusammenhang mit entzündlichen Prozessen im Körper stehen. Diese Entzündungsprozesse werden durch eine zucker- bzw. kohlenhydratreiche Ernährung negativ beeinflusst. Das Weglassen von Zucker kann Linderung verschaffen.

Gerade Krebspatienten setzen auf die Wirkung der fettreichen Ernährung. Das kann den Blutzuckerspiegel regulieren. Ein gleichmäßiger Blutzuckerspiegel führt dazu, dass weniger Insulin ausgeschüttet wird. Insulin gilt als eines der stärksten Wachstumshormone im Körper. Dieses Insulin lässt z.B. auch Tumore schnell wachsen.

Wer den Zucker weglässt, vermeidet überflüssigen Insulinausstoß und damit einen ausgeprägten Zell-Wachstum. Laut Prof. Kämmerer ist das wahrscheinlich einer der Hauptmechanismen, warum der Verzicht auf Zucker tatsächlich hilft, das Krebswachstum zu verzögern. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Autorin Dr. Susann Cichon, die u.a. Adventist Health Study 2 und die Allen-Studie (2008) zusammenfasst. Schulmedizinisch lassen sich die Einzelerfahrungen noch nicht final bewerten.

Allerdings: die meisten Menschen, die diese Ernährungsform ausführen, berichten von positiven Erfahrungen. Sie fühlen sich gut und das subjektive Wohlbefinden spiegelt sich auch in positiven Blutwerten wider. Zu diesem Ergebnis kommt auch Prof. Reuss-Borst aus Bad Kissingen in der KOLIBRI-Studie, die 2015 zu Ende ging. Dazu wurden über einen Zeitraum von 4 Monaten Brustkrebspatientinnen befragt. Ziel der Studie war, herauszufinden, wie eine kohlenhydratarme Ernährung möglicherweise das subjektive Wohlbefinden sowie den Gesundheitszustand beeinflussen könnten.

Trotz Fettreicher Ernährung ging der Fettanteil zurück.

Trotz fettreicher Ernährung ging der Fettanteil zurück.

Die ersten Ergebnisse:

  • Die Cholesterinwerte – auch das ldl-Choleterin – blieb bei ketogener Ernährung stabil.
  • Verbesserung der Leistungsfähigkeit Verbesserung des persönliche Wohlempfindens 
  • Besonders interessant: trotz fettreicher Ernährung nehmen viele Menschen an Muskelmasse zu, der Fettanteil ging dagegen runter

Welche Fette sind gesund?

Hier scheiden sich die Geister. Einige Studien verweisen nach wie vor auf die negative Wirkung gesättigter Fettsäuren, andere versuchen, dies zu widerlegen. Verzichten sollten man in jedem Fall auf raffinierte Fette und industriell verarbeitete Fette. In jedem Fall positiv zu bewerten ist der Verzehr von nativem Kokosfett, Ölen mit einem hohen Anteil an Omega 3 Fettsäuren wie z.B. Rapsöl, Hanföl oder das Leinöl mit seinem etwas strengeren Geschmack. Auch gutes Olivenöl ist prima geeignet.

Die Kritik

Kritiker befürchten nach wie vor eine Fehlernährung ausgelöst durch den hohen Fettanteil eine Mangel- oder Fehlernährung. Die deutsche Krebsgesellschaft kommt zu folgender Einschätzung:

" [...[ Da in einigen Fällen ein erheblicher Schaden resultieren kann, sollte Patienten in der ärztlichen Beratung von "Krebsdiäten" abgeraten werden."

"Zum derzeitigen Zeitpunkt kann eine Anwendung einer kohlenhydratarmen oder ketogenen Diät für diese Indikation nicht empfohlen werden."

Positive Studienergebnisse

Prof. Monika Reuss-Borst kam in Anlehnung an die ersten Ergebnisse der aktuellen Kolibri-Studie dagegen zu dem Ergebniss, dass „[…] man über einen Zeitraum von 4 Monaten den wir untersucht haben, keinerlei Schaden erleidet.“ Wichtig allerdings: ketogene Ernährung kann Medikamente nicht ersetzen, sondern immer nur Unterstützung bei der Behandlung von Krankheiten sein.

Buchtipps:

  • Prof. Ulrike Kämmerer, Dr. Christina Schlatterer, Gerd Knoll: Ketogene Ernährung bei Krebs - Die besten Lebensmittel bei Tumorerkrankungen
  • Prof. Ulrike Kämmerer, Dr. Christina Schlatterer, Gerd Knoll: Krebszellen lieben Zucker – Patienten brauchen Fett
  • Gonder, Ulrike: Kokosöl (nicht nur) fürs Hirn!: Wie das Fett der Kokosnuss helfen kann, gesund zu bleiben und das Gehirn vor Alzheimer und anderen Schäden zu schützen
  • Gonder, Ulrike: Matthaei, Bettina: Ketoküche zum Genießen. - Mit gesunden Gewürzen und Kokosnuss. 100 ketogene Rezepte für Genießer.
  • Lutz, Wolfhang: "Leben ohne Brot", Systemed-Verlag, 15. Auflage 2004
  • Strunz,Ulrich; Jopp, Andreas: Mehr Fett! - Warum wir mehr Fett brauchen, um gesund und schlank zu sein.

Stand: 11.01.2016, 10:23