Kernspaltungen, Heavy Metal und öde Innenstädte

Jahreszahl 2016, Arbeiter mit Helm vor flüssigem Stahl

Ausblick auf die NRW-Wirtschaft 2016

Kernspaltungen, Heavy Metal und öde Innenstädte

Von Jörg Marksteiner

Die NRW-Wirtschaft wächst 2016 um 1,4 Prozent, sagen Experten. Doch auch jenseits der abstrakten Zahlen gibt es im kommenden Jahr in den Firmen spannende Geschichten, meint WDR-Wirtschaftskorrespondent Jörg Marksteiner in seinem ganz persönlichen Ausblick.

Vonovia plant feindliche Übernahme

Vonovia-Firmenschild

Spannend im Januar: Gelingt Vonovia eine feindliche Übernahme?

Eine der spannendsten Geschichten spielt gleich im Januar in Bochum: Der Bochumer DAX-Konzern plant eine feindliche Übernahme. "Bochum" und "DAX-Konzern" – daran muss man sich als Korrespondent auch noch gewöhnen. Bochum, das klang ja bislang eher nach "Opel", "Nokia" und "Arbeitsplätzen" (die wegfallen). Aber mit dem Wohnungsriesen Vonovia hat Bochum jetzt einen echten, deutschen Top-30-Konzern. Und der will Mitte Januar 2016 bekannt geben, ob seine feindliche Übernahme der "Deutschen Wohnen" gelingt. Feindliche Übernahmen sind immer spannend. Meistens gewinnt zwar der Angreifer – aber auch diesmal? Und müssen am Ende die 500.000 Mieter dafür bezahlen, wenn der 14-Milliarden-Euro-Deal gelingt?

Noch spannender ist die Geschichte dahinter: "Vonovia" klingt so schön kuschelig-wohlig. Doch dahinter steckt die früher lange Zeit von Mieterverbänden scharf attackierte "Deutsche Annington". Die hatte bis 2014 einen britischen Finanzinvestor, der – glaubt man den Mieterschützern – kein, sagen wir mal, übermäßiges Interesse an Investitionen und Reparaturen hatte. Doch seit der Investor per Börsengang ausgestiegen ist, bemüht sich der Wohnungskonzern um eine Kurs- und Imagekorrektur: Kooperation statt Konfrontation. Sagen auch die Mieterschützer. Es bleibt spannend: Kann ein Wohnungskonzern vom Saulus zum Paulus zu werden? Und Mieter und Aktionäre an der Börse zufrieden stellen? Oder sind die Befürchtungen berechtigt, dass bei solchen Großfusionen nichts Gutes für die Mieter herauskommt? So oder so: Immerhin profitiert die Stadt Bochum, denn dort wird Vonovia ihre Firmenzentrale neu bauen.

"Kernspaltung" bei RWE und Eon

Peter Terium auf der Bilanzpressekonferenz der RWE

Apropos Imagekorrektur: Luftig grün statt stickig braun – so könnte das Motto von Eon und RWE heißen. Dort beginnt 2016 eine Art wirtschaftlicher "Kernspaltung". Beide Unternehmen teilen sich auf, in einen Kraftwerksteil und eine grüne Zukunftssparte. Hatte ich nicht gerade erst vor einem Jahr mit meinem Mikro aufgenommen, dass RWE so etwas für ziemlich blödsinnig hält? Und hatte Eon nicht noch vor wenigen Jahren erzählt, der Erfolg liege bei Investments im Ausland? Egal, da war die Krise offenbar noch nicht heftig genug.

Zehntausende Mitarbeiter werden jetzt erst einmal neuen Einheiten mit neuen Namen zugeteilt. Die Aktion Energieriesen-Rettung läuft jetzt an. Ob es was hilft? Die Debatten bei den Aktionärstreffen dürften jedenfalls heftig werden. Schön für den Reporter: Beide Multis sitzen künftig in Essen, denn Eon (grün, Zukunft) zieht von Düsseldorf ins Ruhrgebiet. Eine kleine Gemeinheit haben bringen sie aber mit: Seiner Alt-Energiewelt-Sparte mit dem Neunamen "Uniper" hat Eon die Farbe blau gegeben – die RWE-Farbe.

Was wird aus dem Heavy Metal bei Thyssen-Krupp?

Stahlarbeiter beim Abstich

Thyssen-Krupp - bald ein Wohnzimmer ohne Sofa?

Ein Logo mit geradezu fragil wirkenden, dünnen Strichlein hat sich der ehemalige Stahlriese Thyssen-Krupp gegeben. Soll wohl heißen: Wir stehen eher auf filigrane Ingenieurs-Kompositionen als auf Heavy Metal. Da ist wahrscheinlich auch was dran. Es bleibt spannend, ob die Traditionsfirma schon 2016 mit der Meldung um die Ecke kommt, dass die Stahlsparte mit ihren rund 27.000 Mitarbeitern abgetrennt und mit einem Wettbewerber fusioniert wird. Anders kann man die Andeutungen von Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger eigentlich kaum verstehen.

"Thyssen-Krupp ohne Stahl ist wie ein Wohnzimmer ohne Couch", sagt der Betriebsrat gerne. Trotzdem wird sich der Konzern vermutlich irgendwann von seiner historischen DNA trennen. Schon heute beschäftigt die Aufzugsparte fast doppelt so viele Mitarbeiter – nur anders als beim Stahl arbeiten die zum Großteil im Ausland. Dass der Konzern seit einiger Zeit einen als ziemlich aktiv geltenden Investor an Bord hat, dürfte die Abtrennung eher beschleunigen als bremsen.

Online-Kauf: Größte Veränderung seit Selbstbedienung

Online-Shopping-Seite.

Harte Zeiten für den stationären Handel

Und dann ist da noch eine stille Revolution, die aber unsere Städte schneller verändern wird, als viele glauben. Die Rede ist vom Online-Einkauf. 60 Prozent der Händler merken schon, dass weniger Kunden in die Läden kommen. Vor allem kleinere Städte unter 100.000 Einwohnern und City-Randlagen werden Probleme bekommen, da sind sich alle einig. Die Frage ist: Was können kleine Läden tun? Viele Inhaber machen sich wohl was vor und hoffen einfach auf bessere Zeiten. Die werden für viele vermutlich nicht mehr kommen. Die Zahlen sprechen eine gnadenlose Sprache: Wenn man Lebensmittel mal außen vor lässt, wo online praktisch nichts läuft, dann wird 2020 bereits jeder fünfte Euro bei Onlinehändlern landen. Mindestens. Da wir alle aber insgesamt nicht viel mehr ausgeben, heißt das: Im Grunde sind ein Fünftel der Flächen und der Mitarbeiter im Handel gefährdet.

Aber wenn man mit Händlern spricht, hört man als Reporter meist nicht viel mehr als die Klagen über den bösen E-Commerce und schnäppchengeile Kunden. Die Wut ist verständlich. Aber eine Vorwärtsstrategie ist das nicht. Und während ihr über einen Webshop nachdenkt, arbeiten die Onlineprofis - jung, mit neuem Blick auf die Branche und oft mit finanzkräftigen Investoren im Rücken - schon an neuen Serviceangeboten und Algorithmen, die schon drei Schritte weiter sind.

Einzelhandel nicht im Netz = nicht existent

Immerhin machen sich immer mehr Städte und Regionen auf, etwas gegen die Verödung der Innenstädte und das absehbare Händlersterben zu versuchen. "Local Commerce"-Portale sprießen geradezu aus dem Boden: Wuppertal hat einige seiner Läden ins Netz gebracht, auch Attendorn versucht, seine stationären Händler googlebar zu machen. Das ist überlebenswichtig.

Besonders spannend: die Kooperation von Mönchengladbach mit Ebay – als einzige Stadt neben Brooklyn/New York. 70 Geschäfte testen den Marktplatz, sind jetzt bundesweit auffindbar– müssen sich preislich aber damit auch mit reinen Onlinern messen. Nicht einfach. Mitte kommenden Jahres wollen die Läden und Ebay entscheiden, ob sich das Projekt für sie lohnt. Im Grunde einer der spannendsten Termine des Jahres. Sagen beide nein, wäre das ein ziemlich entmutigendes Signal. Denn es hieße: In der künftigen Einkaufswelt können nur die Großketten bestehen, die das nötige Kleingeld für die digitale Aufrüstung haben.

Stand: 29.12.2015, 06:00