Glyphosat findet sich in vielen Backwaren

Brot und Brötchen im Test

Glyphosat findet sich in vielen Backwaren

Von Patricia Metz

Wir essen sie in rauen Mengen – Brote und Brötchen.  Doch bereits 2012 gab es Meldungen, dass Backwaren mit dem Totalherbizid Glyphosat belastet sind. In einem Stichprobentest hat der WDR Backwaren unter die Lupe genommen: Findet sich Glyphosat in unserem Hauptgrundnahrungsmittel?

Brötchen

In vielen Brötchen ist Glyphosat nachweisbar

Deutschland ist Brotland Nummer eins - kaum ein Haushalt, in dem nicht täglich Brot auf den Tisch kommt. Weil das Totalherbizid Glyphosat in Deutschland auf knapp 40 Prozent der Ackerflächen angewendet wird, wollte der WDR wissen, ob es in unserem Grundnahrungsmittel Brot nachweisbar ist. Im Test waren 20 Mehrkornbrote und -brötchen auf Weizen- und Roggenbasis. Die Proben kamen aus Supermärkten, Discountern, SB-Backshops, Bäckereien und Biomärkten. Die Analyse ergab, dass sämtliche untersuchten Bio-Produkte frei von Glyphosat waren. Auch in fünf konventionellen Produkten fanden die Lebensmittelexperten kein Glyphosat. Fündig wurden sie bei elf der 16 konventionellen Produkte. Diese wiesen Glyphosatspuren unterhalb der Rückstandshöchstmenge auf. Knapp dreiviertel der konventionellen Produkte in unserer Stichprobe enthielten also Glyphosat.

Glyphosat ist in der Landwirtschaft verbreitet

Bisher können nur wenige Lebensmittellabors die aufwändige Rückstandsbestimmung von Glyphosat in Lebensmitteln mithilfe eines molekularen Messverfahrens durchführen. Mit der so genannten Flüssigchromatographie mit Tandem-Massenspektrometrie (LC-MS/MS) können geringste Spuren des Herbizids nachgewiesen werden. Ein unabhängiges Lebensmittellabor hat die Stichproben-Analyse gemeinsam mit einem Partnerlabor im Auftrag des WDR durchgeführt.

2012 hatte Ökotest eine ähnliche Stichprobe durchgeführt und Glyphosatspuren in dreiviertel aller Proben gefunden. Seitdem hat sich gesetzlich etwas getan: Seit 2014 ist die umstrittene "Vorerntesikkation" zur Reifungsbeschleunigung - also das "Totspritzen" des Getreides kurz vor der Ernte - verboten. Doch es gibt Ausnahmeregelungen, die den Anwendern völlig legal den weiteren Einsatz ermöglichen. Das Problem: Auch bei "guter landwirtschaftlicher Praxis" ist die erforderliche Wirkstoffmenge zur Vorerntebehandlung weiterhin so hoch, dass sich Rückstände in Ernteprodukten finden. "Wieweit das neue Gesetz tatsächlich zu einer Reduktion von Glyphosat in Lebensmitteln führt, muss sich erst noch zeigen“, sagt Jörn Wogram vom Umweltbundesamt.

Verordnungen und Verzehrempfehlungen

Wie hoch Rückstände maximal sein dürfen, ist in der Rückstandshöchstmengenverordnung geregelt. Für verschiedene Lebensmittel gelten unterschiedliche Glyphosatrückstandshöchstgehalte: Diese reichen von 0,05 mg/kg für Milchprodukte über 10 mg/kg für Weizen, Roggen und Leinsamen bis hin zu 50 mg/kg für Wildpilze.

Um Rückstandshöchstmengen von Herbiziden festzulegen, werden Daten aus kontrollierten Versuchen der Glyphosathersteller herangezogen. Maßgeblich sind hier Werte, die bei "guter landwirtschaftlicher Praxis" gemessen wurden. Finden Lebensmittelüberwacher verstärkt höhere Werte als bisher angenommen, dürfen die Höchstmengen unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Verzehrsmenge des jeweiligen Lebensmittels "nach oben" korrigiert werden. Das ist ganz legal, jedoch reduziert sich dadurch auch die empfohlene Verzehrsmenge dieses Lebensmittels.

Werte sind variierbar

Ein Beispiel: Bis 2011 betrug der Rückstandshöchstgehalt für Glyphosat in Linsen 0,1 mg/kg. Als die Lebensmittelüberwachung in 2011 bei 34 Proben erhöhte Rückstandsmengen von Glyphosat feststellte, stellten die Lebensmittelhersteller an die deutschen Behörden einen so genannten "Importtoleranzantrag". Daraufhin wurde der Wert von 0,1 mg/kg auf 10 mg/kg angepasst. Das Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt zur Definition von Rückstandshöchstgehalten auf seiner Homepage"Ein Rückstandshöchstgehalt (…) gibt die maximal zulässige Konzentration eines Pflanzenschutzmittelwirkstoffs in einem Lebensmittel an. Rückstandshöchstgehalte dienen als verbindliche Handelsstandards zur Gewährleistung des freien Warenverkehrs. Lebensmittel sind nur verkehrsfähig, wenn sie die Rückstandshöchstgehalte einhalten."

Kritik am aktuellen ADI-Wert

Der ADI-Wert für Glyphosat beträgt 0,3 mg pro Kilogramm Körpergewicht. ADI steht für "acceptable daily intake", also die Menge eines Stoffes, die täglich ohne gesundheitliche Risiken verzehrt werden kann. Nach Berechnungen der Wissenschaftler bedeutet das im Fall von Glyphosat: Ein 70 Kilogramm schwerer Mensch kann theoretisch täglich 21 mg Glyphosat aufnehmen, ohne Schaden zu nehmen. Doch der aktuell gültige ADI-Wert steht in der Kritik. So hat eine Forschergruppe um den Molekularbiologen Michael Antoniou vom Londoner King’s College den Wert als um das 12-fache zu hoch bezeichnet. Und nicht immer wird bei Rückstandshöchstgehalten und ADI-Werten das besondere Essverhalten von Heranwachsenden berücksichtigt. Der Toxikologe Dr. Peter Clausing vom Pestizid Aktionsnetzwerk (PAN) gibt zu Bedenken: Sollte sich herausstellen, dass Glyphosat tatsächlich krebserregend ist, sei jeder Rückstand in Lebensmitteln inakzeptabel. Denn für kanzerogene Stoffe gibt es keine unschädliche Schwellendosis.

Nachweise auch in Hülsenfrüchten, Tee und Wein

Glyphosatspuren finden sich jedoch nicht allein in Backwaren: Auch in Hülsenfrüchten, Ölsaaten, Tee, Wein und zahlreichen anderen Lebensmitteln wurde Glyphosat bereits nachgewiesen. "Im Zeitraum von Januar 2009 bis Juni 2013 wurden von der amtlichen Lebensmittelüberwachung der Länder insgesamt 3.071 Datensätze zur Untersuchung von Glyphosatrückständen in Lebensmitteln an BVL übermittelt," so die Auskunft des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zu Glyphosatkontrollen in Deutschland. Das sind durchschnittlich 57 Proben pro Monat. Demgegenüber stehen mehr als 5.000 Tonnen reines Glyphosat, die auf deutschen Äckern ausgebracht werden. Der Toxikologe Dr. Peter Clausing ist überzeugt: "Um Verbraucher zu schützen, reicht das nicht aus."

Stand: 26.10.2015, 00:00