Telemedizin - Fluch oder Segen?

Telemedizin - Fluch oder Segen?

Von Simon Bartsch

Eine Erstdiagnose per Videoübertragung und die passende Therapie gleich mit? Telemedizin soll unter Einsatz verschiedener Kommunikationstechnologien eine Erstversorgung ermöglichen und vielleicht schon bald den Gang zum Arzt ersparen. "Diese Entwicklung wird sicherlich ein Teil der Zukunft sein. Aber Telemedizin ist nur dann sinnvoll, wenn sie als Ergänzung der ärztlichen Behandlung gesehen wird, nicht als kompletter Ersatz", so Dr. Christiane Groß, Vorsitzende des Ausschusses "E-Health" der Ärztekammer Nordrhein.

Telemedizin

Die Telemedizin ist ein Teilbereich der Telematik (zusammengesetzt aus "Telekommunikation" und "Informatik") und bezeichnet ein Verfahren, bei dem Ärzte Diagnosen und Therapien über das Internet übermitteln - an ihre Patienten, an Apotheker oder an Kollegen. Erprobt wird es seit den 80er Jahren, vor allem in Gebieten, wo Arzt und Patient weit voneinander entfernt sind. Heute liegt das Augenmerk auf der Qualitätsverbesserung, etwa wenn eine Zweitmeinung eingeholt oder dem Patienten lange Wege erspart werden sollen.

In Bochum befindet sich das ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin, das Projekte im Rahmen der Landesinitiative eGesundheit.nrw koordiniert. Dabei geht es um die elektronische Gesundheitskarte, Datenschutz im Gesundheitswesen oder die Entwicklung einer "painApp" für die schmerztherapeutische Versorgung älterer Menschen. Das ZTG testet aber auch selbst sogenannte "Gesundheits-Apps", etwa für Diabetiker.

Mittels Telekommunikation sollen Diagnostik und Therapie zwischen Patient, Arzt und Apotheker über eine große Distanz überbrückt werden. Auch der direkte Austausch zwischen zwei beratenden Medizinern wird vereinfacht. Schon jetzt wird die Telemedizin in vielen Bereichen erfolgreich eingesetzt. Zum Beispiel bei Herzschrittmacher-Patienten. Der "lästige" Gang in die Praxis gehört mitunter der Vergangenheit an. "Man muss nicht mehr zwingend zum Arzt gehen. Mittlerweile gibt es beispielsweise Apps, die es ermöglichen, Muttermale mit dem Handy abzufotografieren. Die schickt man dann zum Dermatologen", sagt Dr. Guido Noelle, Informatik-Professor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. "Es gibt Studien, die besagen, dass die Trefferquote genauso hoch ist wie beim direkten Arztbesuch. Sollte ein Verdacht bestehen, muss der Patient natürlich in die Praxis kommen und wird dort weiterbehandelt."

Telemedizin Anbieter "TeleClinic" und "Patientus"

Per Web oder App – für das lange Sitzen im überfüllten Wartezimmer oder der Notfallambulanz gibt es elektronische Alternativen. Die Anbieter "TeleClinic" und "Patientus" bieten eine ärztliche Beratung mit Allgemeinmedizinern und Fachärzten als Videogespräch oder Telefonat an. Eine erste Beratung, eine Zweitmeinung, Kontrolluntersuchungen aber auch Hilfe in kleineren Notfällen ist mit diesen Diensten per Online-Sprechstunde möglich.

Die Zentrale der TeleClinic ist von 6:00 Uhr bis 23:00 Uhr täglich erreichbar. Bei einem Anruf spricht der Patient zuerst mit einer Krankenschwester. Sie leitet den Patienten an Allgemeinmediziner oder Fachärzte weiter, die im Bereitschaftsdienst-System arbeiten. Wenn der benötigte Facharzt zum Zeitpunkt des Anrufes keine Bereitschaft hat, wird der Patient innerhalb von 48 Stunden zurückgerufen. In der Bereitschaftszeit bekommen Ärzte kein Geld. Für jede Sprechstunde via Video-Streaming oder am Telefon bekommen Ärzte 20,11 Euro – genauso viel wie für eine persönliche Beratung im Sprechzimmer. Momentan können Patienten die TeleClinic kostenlos für einen Monat testen.

Ab Juli 2017 soll die Onlinesprechstunde im Katalog der ärztlichen Kassenleistungen aufgenommen werden: Heißt, alle gesetzlichen Krankenkassen würden ab dann die Kosten für die Online-Sprechstunden übernehmen.

Allerdings gibt es einen großen Haken: In Deutschland gilt das Fernbehandlungsverbot. Das heißt, Ärzte dürfen Patienten nicht behandeln, wenn sie diese nicht wenigstens einmal physisch gesehen haben. Das heißt, Ärzte dürfen über die Online-Dienste nur beraten. Der persönliche Gang zum Arzt ist für eine ärztliche Behandlung, für Krankschreibungen und Rezepte aktuell noch unumgänglich. Bei Patientus benötigen die Ärzte einen kostenpflichtigen Account, der entweder 29€/Monat oder 59€/Monat kostet. Die Patienten zahlen keinen monatlichen Beitrag, müssen aber mit einem Selbstkostenbeitrag rechnen.

Wie steht es um den Datenschutz?

Kabel in einer DSL-Box

Viele Patienten machen sich Sorgen um den Schutz ihrer Daten

Doch die Entwicklung wird nicht überall positiv aufgenommen. In einer Emnid-Umfrage von 2014 gaben 52 Prozent der Befragten an, mit Telemedizin eher Risiken zu verbinden. Eine der Hauptsorgen: der Datenschutz. "De facto gibt es keinen Datenschutz. Sie hinterlassen überall Spuren", so Dr. Noelle. "Es ist für mich aber eher ein Problem der fehlenden Transparenz. An meine Daten kommen Ärzte und Krankenkassen doch ohnehin. Die liegen da schon vor. Ich will wissen, was passiert mit meinen Spuren." Der IT-Experte macht sich eher Sorgen um eine mögliche Manipulation der Daten. "Da gibt es gravierende medizinische Risiken. Wenn zum Beispiel die Datenströme zwischen Geräten etwa bei einem Herzschrittmacher von extern verändert werden. Das ist ein wunder Punkt."

Experten erhoffen sich dennoch von der Digitalisierung eine flächendeckende medizinische Notfallversorgung. Gerade im ländlichen Bereich eine wichtige Entwicklung, da dort der Gang zum Haus- oder Facharzt erschwert ist. "Zukünftig kann es sein, dass diese Ärztinnen und Ärzte unterstützt werden durch geschulte Praxisangestellte", sagt die Medizinerin. Diese könnten mit dem nötigen technischen Equipment einen Teil der Besuche übernehmen, bei denen der Arzt nicht zwingend vor Ort sein muss. "Der persönliche Arzt-Patient-Kontakt bleibt aber Grundlage der Behandlung."

Doch ausgerechnet auf dem Land ist die digitale Infrastruktur nicht immer gewährleistet. Die Speedrate des Internets weist gravierende Unterschiede auf. Ein Risiko für den Patienten? "Auch im ländlichen Bereich ist eine Entwicklung zum schnellen Internet absehbar, medizinisch wird die Versorgung auf dem Land aber nicht besser", sagt der Informatikprofessor Noelle. Die digitale Infrastruktur wird also kontinuierlich verbessert, das Problem der fehlenden Fachärzte bleibt bestehen.

Das Praxissytem als Auslaufmodell?

Ein Mann liegt in einem Krankenwagen

Im Notfall können wichtige Daten direkt aus dem Krankenwagen ins Krankenhaus geschickt werden

Doch nicht nur Patienten machen sich Sorgen. Auch Ärzte befürchten, dass das etablierte Praxissystem unter der Entwicklung leiden könnte. Für Christiane Groß besteht da keine Gefahr. Ganz im Gegenteil. Laut der Medizinerin gehe es nicht um die Notfallbehandlung sondern um die Routinekontrollen - gerade wenn deren Daten elektronisch übermittelt werden können. "Das ist durchaus eine Win-Win-Situation: Der Arzt hat mehr Zeit für die Patienten vor Ort, diese müssen dann nicht viel Zeit im Wartezimmer verbringen."

Berührungsängste müssen die Patienten mit den elektronischen Neuerungen nicht haben. Eine Schulung ist sinnvoll, die Gefahr, dass es zu Behandlungsfehlern aufgrund einer möglichen Falscheingabe oder Fehlmessung kommt, sieht die Expertin nicht. "Ist bei telemedizinischen Daten erkennbar, dass eine gesundheitlichen Gefährdung besteht, ergibt sich zwingend, dass sich ein Arztbesuch anschließen muss. Telemedizin ist kein Ersatz für eine persönliche ärztliche Behandlung sondern kann nur eine Ergänzung sein", sagt Dr. Groß.

Eine Ergänzung, die in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie in Dänemark, der schweiz oder Großbritannien noch in den Kinderschuhen steckt. Das hat auch juristische Gründe. "Rechtlich sind nach der ärztlichen Berufsordnung die Möglichkeiten der Telemedizin viel begrenzter als die tatsächlichen Möglichkeiten. Das Fernbehandlungsverbot besagt beispielsweise, dass Ärzte nur dann diagnostizieren und behandeln dürfen, wenn sie sich ein unmittelbares und persönliches Bild von dem Patienten und seinen Beschwerden gemacht haben. Das heißt, dass der Patient bei seinem Arzt physisch vorstellig geworden sein muss. ", sagt Dr. Albrecht Wienke.

Laut dem Rechtsanwalt für Medizinrecht gebe es aber Ausnahmen. So gelte das Fernbehandlungsverbot nur für den Fall, dass der Patient ausschließlich über Telekommunikation mit dem Arzt in Verbindung trete. Nach einer persönlichen Untersuchung oder Beratung könne also ein Folgebehandlung bei demselben Arzt durchaus auch unter Nutzung telemedizinischer Möglichkeiten erfolgen. "Sinn und Zweck der Regelung ist, dass der behandelnde Arzt von dem jeweiligen Patienten ein unmittelbares Bild durch die eigene Wahrnehmung verschafft und sich nicht allein auf Schilderungen des Patienten oder Informationen Dritter verlassen soll", so Wienke. Ganz im Sinne der Patienten.

Stand: 25.10.2016, 11:22