Die Zweitmeinung zählt

Stethoskop und Computertastatur

Die Zweitmeinung zählt

Ist die Bandscheiben-OP nötig? Muss die Gebärmutter wirklich entfernt werden? Oder gibt es vielleicht eine Alternative? Als Patient ist es häufig schwierig, die Empfehlung des behandelnden Arztes einzuschätzen. Herrscht Unsicherheit, hat man das Recht, sich eine zweite Meinung einzuholen. Doch wie geht man am besten dabei vor?

"Wir müssen die Bandscheibe operieren“ - was nach einer eindeutigen Entscheidung des Arztes klingt, hinterlässt oft Unsicherheit beim Patienten. Ist die OP wirklich nötig? Das fragen sich in Deutschland viele Patienten, wie eine repräsentative Umfrage der Barmer GEK und der Bertelsmann Stiftung zeigt: Von insgesamt 1598 Befragten Bürgern hatte jeder Dritte schon einmal überlegt, eine Zweitmeinung zu einer ärztlichen Empfehlung einzuholen. Fast jeder Vierte hat es auch getan.

Welchen Effekt eine Zweitmeinung haben kann, zeigen Auswertungen der Krankenkassen: Wird beispielsweise vor orthopädischen OPs ein zweiter Arzt befragt, wird der Eingriff zu 60 Prozent vermieden. Speziell bei Rücken-OPs ist der Effekt noch stärker. Beurteilt hier ein zweiter Arzt den Fall, wird nur noch jeder zehnte Patient operiert. Und auch die Barmer-Umfrage zeigt: 72 Prozent (also drei von vier Befragten) die eine Zweitmeinung in Anspruch genommen haben, ändern daraufhin ihre Entscheidung.

Wann eine Zweitmeinung sinnvoll ist, und wie man am besten dabei vorgeht - die wichtigsten Fragen und Antworten:

Habe ich immer das Recht auf eine Zweitmeinung?

Der Anspruch auf eine Zweitmeinung ist seit Inkrafttreten des Versorgungsstärkungsgesetz Mitte 2015 gesetzlich festgeschrieben. Das bedeutet auch, dass Krankenkassen die Kosten dafür übernehmen müssen. Allerdings gilt das Recht auf eine Zweitmeinung nicht bei jeder Diagnose, sondern nur bei planbaren und „mengeanfälligen“ Eingriffen. Gemeint sind damit Eingriffe, deren Fallzahlen in Deutschland auffällig steigen und bei denen nicht auszuschließen ist, dass finanzielle Motive hinter der OP-Empfehlung stecken. Typische Beispiele sind orthopädische Eingriffe wie Rücken-, Hüft-, und Knie-OPs oder Herzkatheter-Eingriffe.

Das Problem: Bisher ist im Versorgungsstärkungsgesetz noch nicht definiert, für welche Eingriffe ein Anspruch auf Zweitmeinung bestehen soll. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) erarbeitet derzeit noch immer die Kriterien für die Liste aus. Sobald diese feststeht, ist der Arzt verpflichtet, mindestens zehn Tage vor dem geplanten Eingriff seinen Patienten über das Recht auf Zweitmeinung aufzuklären. Bis dahin gilt: Fragen Sie im Zweifel bei Ihrer Kasse nach, ob sie die Kosten für die Zweitmeinung übernimmt. Die meisten Kassen bieten ihren Mitgliedern auch ein Zweitmeinungsprogramm an.

Kann ich den Arzt für die Zweitmeinung frei wählen?

Zwar erarbeitet der G-BA auch hierzu noch Richtlinien aus, in denen festgelegt ist, welche Kriterien für jene Ärzte gelten sollen, die eine Zweitmeinung abgeben dürfen. Doch grundsätzlich gilt: Gesetzlich Versicherte dürfen den Arzt frei wählen - auch den Zweitgutachter. Um eine Unabhängigkeit zu gewährleisten, sollte dieser aber nicht an der gleichen Einrichtung arbeiten. Der von Ihnen gewählte Arzt kann seine Beraterleistung direkt mit der Krankenkasse abrechnen. Informieren Sie den Arzt darüber, dass es sich um eine Zweitmeinung handelt und händigen Sie ihm die bisherigen Berichte, Laborwerte oder Bilder aus Röntgen-/MRT-Untersuchungen aus. Informieren Sie auch Ihren behandelnden Arzt darüber, dass Sie sich gerne eine Zweitmeinung einholen wollen und fordern Sie von ihm Ihre Patientenunterlagen ein.

Muss ich die bisherigen Patientenunterlagen für die Zweitmeinung vorlegen?

Für den Zweitgutachter kann es sinnvoll sein, die bereits durchgeführten Untersuchungen und Ergebnisse vorliegen zu haben. So kann er sich ein Bild darüber machen, welche Diagnosen und Therapieempfehlungen bereits gestellt wurden. Im besten Fall bestätigt er den Behandlungsvorschlag des Kollegen. Oder aber er führt weitere Untersuchungen durch und zeigt Ihnen mögliche Alternativen zum geplanten Eingriff auf. Durch das Vorlegen der Akten aber vermeiden Sie, dass Untersuchungen unnötig doppelt durchgeführt werden. Fragen Sie Ihren behandelnden Arzt also nach allen vorhandenen Unterlagen - Sie haben auch ein Anspruch darauf, diese einzusehen und ggf. zu kopieren. Manche Praxen stellen gegen eine Gebühr auch selber Kopien für Sie zur Verfügung. Möglich ist es auch, dass Ihr behandelnder Arzt einen Arztbrief erstellt, in dem alle wichtigen Schritte der bisherigen Behandlung dokumentiert sind.

Muss ich meinem behandelnden Arzt sagen, dass ich mir eine Zweitmeinung einhole?

Nein. Verpflichtet sind Sie dazu nicht. Gleichwohl wird ein seriöser Arzt Verständnis dafür haben, wenn Sie sich vor einem schwerwiegenden Eingriff unsicher sind und gerne noch eine zweite Meinung einholen möchten. Rät der Zweitgutachter zu einer anderen Behandlung, können beide Kollegen im Idealfall über Vor- und Nachteile sprechen und kommen dann sogar gemeinsam zu einer Lösung.

Wo hole ich mir am besten eine Zweitmeinung ein?

Am besten ist es, sich einen Spezialisten für das Thema zu suchen. Dabei haben Sie die freie Wahl. Hilfe bei der Arztsuche bietet zum Beispiel die unabhängige Weisse Liste der Bertelsmann Stiftung. Dort können Sie nach Spezialisten - je nach Diagnose oder bevorstehendem Eingriff - in Ihrem gewünschten Umkreis suchen. Auch Ihr Hausarzt kann Ihnen möglicherweise helfen und eine Empfehlung für einen geeigneten Facharzt geben.

Auch ein großer Teil der gesetzlichen Krankenkassen bieten Fachexperten für eine Zweitmeinung an. Diese beraten Sie schriftlich oder am Telefon, nachdem Sie die vorhandenen Patientenunterlagen an die Krankenkasse geschickt haben. Mitunter bieten die Kassen auch freiwillig einen persönlichen Zusatzcheck an, insbesondere bei bevorstehenden Eingriffen an Wirbelsäule, Hüfte, Knie oder Schulter. Bedenken sollten Sie aber, dass auch Krankenkassen gewisse Eigeninteressen verfolgen: Naturgemäß versuchen sie Behandlungskosten, die sie erbringen müssen, zu senken. Informieren Sie sich also in jedem Fall über Qualifikation des beratenden Zweitgutachters.

Eine weitere Möglichkeit, sich einen Experten für eine Zweitmeinung zu suchen: Fragen Sie bei den Fachgesellschaften nach. Beispielsweise bietet die Deutsche Wirbelsäulengesellschaft ein Zweitmeinungsportal an, über das Sie direkt einen Fachspezialisten finden können.

Inzwischen gibt es auch kommerzielle Internetportale, die eine Zweitmeinung anbieten wie etwa Medexo. Wie bei einigen Zweitmeinungsprogrammen der Krankenkasse reichen Sie Ihre Unterlagen aus vorherigen Untersuchungen ein, anschließend erhalten Sie ein Zweitmeinungsgutachten, das mithilfe eines unabhängigen Experten-Netzwerks erstellt wird. Bevor man solche Portale jedoch in Anspruch nimmt, sollten Sie klären, ob Ihre Krankenkasse die Kosten dafür auch übernimmt. Und Sie sollten bedenken, dass eine Beratung dieser Art den persönlichen Kontakt zu einem Arzt nicht ersetzt.

cib | Stand: 19.06.2017, 10:00