Rücken-OP: Wie sich Ärzte daran bereichern

Eine Ärztin betrachtet die Röntgenaufnahme einer Wirbelsäule

Rücken-OP: Wie sich Ärzte daran bereichern

Von Andrea Wille

Viele Experte sind sich einig: In Deutschland wird zu viel am Rücken operiert. Doch warum ist das so? Die Datenlage dazu ist unbefriedigend und es gibt kaum systematische Untersuchungen, die den Ursachen auf den Grund gehen. Die Datenanalyse des WDR hat aber Auffälligkeiten ergeben. Während in Deutschland pro 100.000 Einwohner durchschnittlich 1.000 Eingriffe an der Wirbelsäule stattfinden, kommen auf 100.000 Einwohner im osthessischen Landkreis Fulda 2.700. Auch in umliegenden Kreisen sind die Zahlen ähnlich auffällig hoch – und sie sind über die Jahre stetig gestiegen. Was ist der Grund dafür? Haben Menschen in Osthessen mehr Rückenprobleme als in anderen Regionen? Oder stecken vielleicht wirtschaftliche Interessen dahinter?

Der Fall Karin V.

Isabella Erb-Herrmann, Vorstandsmitglied der AOK Hessen, weiß um die Auffälligkeiten in Osthessen: "Wir sehen nicht, dass die Versicherten in Osthessen kränker am Rücken sind als anderswo. Unsere Hypothese ist, dass dort nicht alle Operationen nötig sind." Was eine unnötige Operation im echten Leben bedeuten kann, zeigt der Fall von Karin V., die ihren Namen nicht genannt haben möchte. Es fing an, als sie Mitte dreißig war. Da arbeitet sie im Vorstand einer großen Firma. Alles läuft gut, bis auf die Rückenprobleme.

Screenshot Karte Fulda

In Fulda werden überduchschnittlich viele Wirbelsäulen-Operationen durchgeführt.

Karin V. geht erst zum Hausarzt, der sie schließlich an einen Spezialisten verweist. Dann geht alles ganz schnell. Der Facharzt stellt einen Bandscheibenvorfall fest. Krankengymnastik oder Medikamente zieht er nicht in Betracht, stattdessen empfiehlt er eine minimalinvasive OP. Für Karin V. klingt das nach einem harmlosen Eingriff. Wenige Wochen nach der OP fangen die Schmerzen wieder an. Es folgt ein Teufelskreis: Schmerzen - OP, neue Schmerzen - wieder OP. Insgesamt siebenmal wird Karin V. am Rücken operiert.

Heute ist Karin V. zu 60 Prozent schwerbehindert und verbringt acht Stunden am Tag im Liegen. Der Gutachter Dr. Uwe Oppel, der von der Krankenkasse beauftragt wird, ihren Fall zu überprüfen, stellt fest, dass der Arzt keine Aufzeichnungen zur Vorgeschichte der Patientin geführt hatte. "Der hat wie ein Wilder operiert." Für keine der OPs sei eine Indikation sichtbar. Karin V. hat inzwischen die Hilfe eines Anwalts gesucht, um den Arzt zur Rechenschaft zu ziehen.

Zahl der Neurochirurgen in Osthessen ist angestiegen

Die Daten aus Fulda lassen befürchten, dass Karin V. kein Einzelfall ist. Auch Experten hegen diesen Verdacht. Professor Robert Behr ist Chefarzt für Neurochirurgie und arbeitet seit 15 Jahren im Klinikum Fulda. Zudem ist er Zweitmeinungsgutachter. In den letzten anderthalb Jahren hat er rund zwei Dutzend Gutachten zu Operationsempfehlung von Kollegen aus der Region angefertigt: "Bei keinem dieser Gutachten habe ich die Indikation zur Operation sofort nachvollziehen können", sagt Behr.

Seinen Zahlen zufolge hat sich die Zahl der Neurochirurgen in der Region Osthessen erheblich vermehrt. "Neurochirurgische Fachärzte werden ja nicht nur konservative Behandlungen durchführen. Das sind schließlich Chirurgen", sagt Behr. Ein Chefarzt, der sich in den auffälligen Kliniken aus der Region auskennt und der namentlich nicht genannt werden möchte, erklärt die Hintergründe: Einige der Neurochirurgen arbeiten in eigener Praxis und als Honorarärzte in umliegenden Kliniken. Sie können die Patienten, die in ihre Praxis kommen, so selbst in einer Klinik operieren. Zudem haben einige der Ärzte eine Art Kooperationsvertrag mit den Krankenhäusern in der Region.

Was Neurochirurgen durch eine solche Kooperation verdienen können, zeigt das Beispiel eines "Konsiliararztvertrages" zwischen zwei niedergelassenen Neurochirurgen und einer osthessischen Klinik, der uns vorliegt. Darin wird festgelegt, dass die Ärzte Festpreise für bestimmte Operationen bekommen. In anderen Fällen 18 Prozent jeder Fallpauschale (LINK auf Glossar) von jedem Patienten, den sie in die Klinik mitbringen und dort operieren. Auch unser Informant kennt Kliniken, die dieses System anwenden. 20 bis 30 Prozent an Honorarsätzen seien dort üblich. Wenn eine Operation beispielsweise 10.000 Euro einbringt, erhält der Operateur zwischen 2000 und 3000 Euro. Die Operation dauert etwa eine bis eineinhalb Stunden. Unser Informant sagt: "Da fängt es vielleicht an, dass man an Korruption denken muss. Denn für eine Stunde Arbeit kann man, glaub ich, als Krankenhaus nicht jemanden mit 1.000 bis 1.500 Euro Stundenlohn auszahlen."

Der Fall Susanne H.: Aus eins mach zwei

Auch Susanne H. ist ein geplagter Rückenpatient: Sie hatte Schmerzen und Lähmungserscheinungen im rechten Arm. Ein wenig Krankengymnastik, so dachte sie, und die Sache wäre wieder in Ordnung. Doch der Hausarzt überwies direkt zu einem Chirurgen. Der riet dringend zu einer OP, Susanne H. war einverstanden. Ein Wirbelsegment im Nacken wurde operativ versteift. Vier Wochen später sollte sie dann noch einmal operiert werden. Doch schon der erste Eingriff war nicht verlaufen wie gewünscht. Die Schmerzen und die Lähmungserscheinungen waren nicht besser. Deshalb holte sie sich Rat bei Professor Behr.

Als Zweitgutachter konnte Behr die Operationsempfehlung zwar nachvollziehen, entdeckte aber im Operationsplan Ungereimtheiten: Susanne H. wurde nur an einem Wirbelsäulensegment operiert, einen Monat später sollte sie an einem weiteren Segment operiert werden. Zwei Eingriffe, die man Behr zufolge innerhalb einer Operation machen könnte. Der Grund für die Splittung: "Das kann man zweimal abrechnen", sagt Behr. 6.036 Euro bringt eine OP ein. Zwei kleine OPs dagegen jeweils 4.723 Euro. Das macht 3.410 Euro an Mehreinnahmen für die Ärzte – das doppelte OP-Risiko mit möglichen Infektionen, Vernarbungen und anderen Komplikationen für den Patienten.

Systematische Überprüfung wäre kostspielig

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Wirbelsäulenversteifungen in Hessen deutlich gestiegen. Abrechnungsdaten der AOK Hessen zeigen, dass der Anteil an mehrfach operierten Patienten in einer osthessischen Klinik zwei- bis dreimal so hoch wie in der Region ist. Susanne H. ist also kein Einzelfall. Zwar kennt die AOK Hessen diesen Missstand. Doch eine systematische Prüfung aller Fälle wäre für die Kassen enorm kostspielig und selbst dann ist es in den meisten Fällen nicht möglich zu beweisen, ob eine OP medizinisch wirklich notwendig war oder nicht. Das Problem, so unser Informant: "Weder im niedergelassenen Bereich noch im stationären Bereich gibt es irgendeine Form von wirklicher Kontrolle."

Stand: 19.06.2017, 10:00