"Operieren und kassieren" - über das Projekt

Ärzte bei einer Fettabsaugung im Operationssaal.

"Operieren und kassieren" - über das Projekt

Der OP-Atlas ist ein datenjournalistisches Rechercheprojekt, das zum Ziel hat, Datenfriedhöfe des deutschen Gesundheitssystems zu analysieren - und Auffälligkeiten und Missstände in der deutschen Krankenhausversorgung aufzudecken. Damit füllt der OP-Atlas eine große Lücke in der Qualitätskontrolle des deutschen Gesundheitswesens.

Die Entwicklungen im deutschen Gesundheitssystem spielen sich weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit ab. Wer sich fragt, wo wie häufig in Deutschland operiert wird, bekommt meist die Antwort: "Dazu gibt es leider keine Daten." Das stimmt so nicht, die Daten gibt es. Das Statistische Bundesamt führt alle Diagnose- und Behandlungsdaten, die Krankenhäuser bei der Abrechnung angeben – allerdings in komplizierten, schwer lesbaren Tabellen.

HITS entwickelt Tool zur Datenauswertung

Um diese Daten durchforsten und analysieren zu können, entwickelte der Wissenschaftsjournalist Volker Stollorz mithilfe von zwei Mitarbeitern des Heidelberger Instituts für Theoretische Studien (HITS), Wolfgang Müller und Meik Bittkowski, den "OperationsExplorer“: Mit diesem Computerprogramm ist es erstmals möglich, in Millionen von Daten systematisch nach Auffälligkeiten in Millionen von Daten über die stationären Diagnose und Behandlung von Patienten zu suchen und nach Parametern wie Wohnort des Patienten, Alter und Geschlecht zu sortieren.

Um die Daten regional vergleichbar zu machen, wurden sie zudem ‚altersstandardisiert’. Regionale Unterschiede können dadurch nicht auf das höhere oder jüngere Alter der Patienten zurückgeführt werden, sondern müssen andere Ursachen haben. Wo werden die meisten Gebärmuttern entfernt? Wer bekommt die meisten Herzschrittmacher implantiert? Ist die Zahl der Hüftimplantationen in den letzten Jahren gestiegen?

Datenjournalismus im Gesundheitswesen

Als Volker Stollorz der Längengrad Filmproduktion von dem "OperationsExplorer" erzählte, stellte sich sofort das Potenzial dieses Tools heraus. Bei mehreren TV-Dokumentationen im Auftrag des WDR für "die story im Ersten" standen hatten die Autoren in der Vergangenheit immer wieder vor der Frage gestanden: Wie kommen wir an Daten für bestimmte Operationen? Mit dem "OperationsExplorer" ist das im Prinzip ganz einfach:. Gibt man den Abrechnungs-Code einer Operation ein, erhält man die Verteilung einer Operation für alle Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland. Auch Ulrike Schweitzer, Redakteurin der story in der ARD, erkannte sofort, dass dieses Programm ein erster, wegweisender Schritt für den Datenjournalismus im Gesundheitswesen darstellt. So gab der WDR an die Längengrad Filmproduktion und ihrem Team aus spezialisierten Journalisten sowie dem HITS den Auftrag, den "OperationsExplorer" weiterzuentwickeln. Dabei entstanden weitere Daten-Tools, die eine gezielte Recherche nach regionalen Auffälligkeiten der Häufigkeit von Operationen erlauben.

Der Wohnort entscheidet bei der Behandlung mit

Mit diesen Tools hat sich das Journalistenteam der Längengrad Filmproduktion, bestehend aus Meike Hemschemeier, Thomas Liesen, Frank Nischk, Volker Stollorz, Thomas Weidenbach und Andrea Wille auf eine aufwendige Recherche in die Tiefen des Datendschungels des deutschen Gesundheitswesens begeben. Das erschreckende Ergebnis: Die Behandlung eines Patienten hängt davon ab, wo er lebt und wie profitorientiert das Krankenhaus ist. Das zeigt die Dokumentation "Operieren und kassieren – ein Daten-Krimi", die von Meike Hemschemeier realisiert wurde, vor allem am Beispiel der Wirbelsäulen-Operationen. Das Ziel der Journalisten: Missstände aufdecken, damit sich die Situation endlich verbessert und kein Patient wegen überflüssiger und potentiell riskanter Operationen leiden muss.

"Operieren und kassieren - ein Krimi-Daten-Krimi" - die Dokumentation

Buch & Regie: Meike Hemschemeier

Recherche- & Datenteam: Meik Bittkowski, Meike Hemschemeier, Wolfgang Müller, Volker Stollorz, Andrea Wille

Kamera: Michael Kern

Ton: Steven Altig

Grafik: Andreas Hougardy

Produzent: Thomas Weidenbach

Eine Längengrad Filmproduktion im Auftrag des WDR

im Auftrag des WDR

Redaktion: Ulrike Schweitzer

Der WDR-Programmbereich Internet hat diese Fernsehdokumentation um viele weitere Informationen erweitert: Um eine Sammlung interaktiver Karten, in der man anhand ausgewählter Operationen selbst den Datenbestand durchsuchen kann. Um ausführliche Hintergründe und Zusammenhänge zu diesen Daten und um wichtige Quellen für diejenigen, die sich über einen eventuell bevorstehenden Krankenhausaufenthalt informieren möchten.

OP-Atlas Deutschland - das Online-Projekt

Tool zur Auswertung der Daten des Statistischen Bundesamts: Heidelberger Institut für Theoretische Studien (HITS)

Autorinnen: Cinthia Briseño (cib), Andrea Wille (awi)

Realisation:  Andrea Kampmann (Grafik),  Peter Schneider, Urs Zietan

Redaktion: Thomas Hallet

Stand: 19.06.2017, 10:00