"Normal“ oder "Kaiserschnitt“? Eine Frage des Wohnorts

Baby wird waehrend einer Entbindung per Kaiserschnitt im OP-Kreissaal aus dem Bauch gezogen,

"Normal“ oder "Kaiserschnitt“? Eine Frage des Wohnorts

Von Andrea Wille

Bei Schwangeren im Landkreis Cloppenburg in Niedersachen kommt ein Kaiserschnitt doppelt so häufig vor wie bei Schwangeren in Dresden. Ein möglicher Grund: Der Kostendruck in den Geburtsstationen erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Operation.

In Deutschland werden zu viele Kinder per Kaiserschnitt geboren: Die durchschnittliche Kaiserschnittrate beträgt mehr als 30 Prozent. Dabei sollte es zu einem Kaiserschnitt eigentlich nur dann kommen, wenn eine natürliche Geburt die Gesundheit von Mutter und Kind gefährden würde, so die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Experten zufolge liegt eine medizinisch nachvollziehbare Kaiserschnittrate bei etwa 10 bis 15 Prozent.

Die Deutschlandkarte zum Thema "Kaiserschnitt" zeigt große regionale Unterschiede: In Bayern, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen liegen Regionen mit deutlich mehr Kaiserschnitteingriffen.

Im Zeitraum 2013 bis 2015 haben von 100.000 Frauen durchschnittlich 763 Schwangere per Kaiserschnitt entbunden. Doch im Westen von Niedersachsen etwa liegen die Zahlen deutlich höher: Im Kreis Cloppenburg kamen beispielsweise auf 100.000 Frauen 1.148 Eingriffe zum Kaiserschnitt. In Sachsen dagegen sind die Zahlen deutlich niedriger: Im Kreis Dresden kamen auf 100.000 Frauen nur rund 485 Eingriffe. Doch wie kommt es, dass in Niedersachsen mehr als doppelt so viele Eingriffe für einen Kaiserschnitt durchgeführt wurden?

Ein Kaiserschnitt ist planbar

Kartenausschnitt OP-Atlas

Der Kaiserschnitt hat einen entscheidenden Vorteil: Er ist planbar. Während eine natürliche Geburt mitunter auch 15 Stunden oder länger dauern kann, dauert ein Kaiserschnitt hingegen nur rund eine Stunde – die reine Operationsdauer sogar nur etwa 30 Minuten. Je häufiger jedoch in einer Klinik ein Kaiserschnitt durchgeführt wird, desto mehr geht das Wissen und die Erfahrung über die natürliche Geburt verloren. Experten zufolge kann auch eine geringe Kapazität an Kreissälen und Hebammen die Kaiserschnittrate erhöhen. Beispielsweise wenn eine Hebamme mehrere Frauen gleichzeitig betreuen muss.

Kartenausschnitt OP-Atlas

Ein weiterer Vorteil des Kaiserschnitts: Er ist sicher – zumindest für die Kliniken. Die Geburtshilfe gehört zur Hochrisikomedizin. Stößt einem Kind bei der Geburt etwas zu, betrifft es häufig sein ganzes Leben. Deshalb hat die Geburtshilfe auch die teuersten Schadensfälle – bis zu mehreren Millionen Euro. Für Kliniken ist der Kaiserschnitt also oft der sicherere Weg. "Noch ist niemand für einen zu frühen Kaiserschnitt verurteilt wurden, sehr wohl aber für einen zu spät gemachten", sagt Dr. Armin Rütten, Chefarzt der Geburtshilfe am St. Joseph-Hospital in Cloppenburg. Zwar sind in den letzten Jahren nicht die Schadensfälle gestiegen, aber die verlangten Schadenssummen. Dadurch steigen auch die Versicherungsprämien. Für Hebammen, Belegärzte und kleine Krankenhäuser mit eigener geburtshilflicher Abteilung wird die Geburtshilfe so immer mehr zum Verlustgeschäft.

Hoher finanzieller Druck

Jede Geburtshilfe muss für den Fall eines Kaiserschnitts an 365 Tagen rund um die Uhr die Kapazitäten bereitstellen. Etwa einen Anästhesisten, eine OP-Schwester und den OP-Saal. Zusammen mit den hohen Versicherungsprämien führt das dazu, dass sich geburtshilfliche Abteilungen für Kliniken erst ab mehreren hunderten Geburten tragen. Rütten schätzt die Zahl auf etwa 700: "Bei weniger Geburten sind die Kosten zu hoch. Wer darunter liegt, kämpft ums Überleben".

Der finanzielle Druck auf die Geburtshilfe ist also hoch. Hebammen und Ärzte beklagen, dass die natürliche Geburt im Vergleich zum Kaiserschnitt schlecht vergütet sei. Auch Rütten: "Geht bei einer Geburt nichts weiter, oder ist das CTG wackelig [Anm. d. Red.: Es misst die Herztöne des Kindes und die Wehen der Mutter], kostet das viel Zeit und Nerven", sagt Rütten, "Die Vergütung einer natürlichen Geburt ist aber vergleichsweise gering. Das kann unbewusst schon einen großen Einfluss ausüben."

Die natürliche Geburt erhöht das Risiko, verklagt zu werden

Dieser finanzielle und juristische Druck besteht für alle geburtshilflichen Abteilungen in Deutschland. Warum aber ist dann die Kaiserschnittrate beispielsweise in Cloppenburg deutlich höher als in Dresden? "In unserer Region beobachte ich eine Technisierung der Geburt, die auch für andere Fachdisziplinen gilt", sagt Chefarzt Rütten. "Man glaubt, alles mit dem Ultraschall erfassen zu können, aber es gibt Situationen in der Geburtshilfe, bei denen Sie alle Sinne brauchen. Solche Fähigkeiten müssen aber über viele Jahre erlernt werden." Zwar ist Rütten erst seit Kurzem in Cloppenburg, konnte aber die Kaiserschnittrate in seiner Klinik bereits senken.

Eine natürliche Geburt erfordert eine gute Ausbildung

Die Fähigkeiten, die ein Arzt für einen Kaiserschnitt benötigt, sind vergleichsweise schnell gelernt. Für eine vaginale Geburt hingegen benötigt man jahrelange Erfahrung: Mit welchen Herztönen kann man es weiter natürlich probieren? Passt das Köpfchen durch das Becken? Wie lange kann man noch abwarten, wenn die Geburt nicht weitergeht? Ist die gynäkologische Ausbildung in Sachsen also möglicherweise besser als etwa in Niedersachen?

Daten über die Ausbildung der Geburtshelfer gibt es leider nicht. Aber mehrere Ärzte, mit denen wir sprachen, äußerten den Eindruck, dass die natürliche Geburt beim Klinikpersonal in Sachsen einen höheren Stellenwert habe. Agnes Zirkel arbeitet als Oberärztin in der Geburtshilfe am Diakonissenkrankenhaus in Dresden. Die Kaiserschnittrate betrug dort im Jahr 2015 nur 15,5 Prozent. Unsere Daten überraschen Zirkel nicht: "Auf den Weiterbildungen sehe ich häufig, dass das, was wir in unserer Geburtshilfe machen und können, leider nicht mehr selbstverständlich ist."

Im Jahr 2017 soll es eine erste Leitlinie zum Kaiserschnitt geben

Im September dieses Jahres will die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) eine erste Leitlinie zum Kaiserschnitt veröffentlichen. In der Begründung heißt es: "Neben unter der Geburt indizierten Sectiones [Anm. d. Red.: Fachausdruck für Kaiserschnitt] werden die meisten Kaiserschnittentbindungen ohne eindeutige medizinische Indikation durchgeführt." Die Leitlinie soll anhand aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse Empfehlungen abgeben, wann ein Kaiserschnitt sinnvoll ist und wann nicht. Ende August soll außerdem eine Leitlinie zur vaginalen Geburt erscheinen. Eine Leitlinie kann zwar die unterschiedliche Erfahrung und Ausbildung in den Kreissälen nicht ändern, aber sie ist ein wichtiger Schritt, um wünschenswerte Standards in der Geburtshilfe zu setzen, an denen sich Geburtshelfer orientieren und messen lassen können.

Stand: 19.06.2017, 10:00