Blinddarmentfernung: Jede fünfte OP ist unnötig

Blinddarmentfernung: Jede fünfte OP ist unnötig

Ist der Blinddarm entzündet, muss er raus - und zwar sofort. Betroffen sind hauptsächlich Kinder und Jugendliche. 2015 gab es bei den unter 19-Jährigen knapp 34.000 Eingriffe zur Blinddarmentfernung im Krankenhaus - in manchen Landkreisen waren es überdurchschnittlich viele.

Entfernung des Blinddarms, 2013 - 2015

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Auf der Karte finden Sie die Daten zu den durchschnittlich pro Jahr durchgeführten Eingriffen am Blinddarm im Betrachtungszeitraum von 2013 bis 2015. Farblich dargestellt ist die Zahl der Fälle je 100.000 Einwohner. Der Rang zeigt, welche Position der jeweilige Kreis im Verhältnis zu den insgesamt 402 Kreisen bundesweit einnimmt - je höher der Rang, desto höher die Zahl der Eingriffe je 100.000 Einwohner. (Quelle: Destatis)

Über den Reiter oben auf der Seite können Sie sich die Zahlen für die einzelnen Bundesländer anschauen.

* Die Angaben für die Kreise Mecklenburgische Seenplatte und Vorpommern-Greifswald wurden für beide Kreise erhoben und werden daher identisch ausgespielt

Legende: Entfernung des Blinddarms, 2013 - 2015

Anzahl der Eingriffe je 100.000 Einwohner, Jahresdurchschnitt 2013 - 2015
  • bis 124
  • 124 bis 146
  • 146 bis 173
  • 173 bis 215
  • mehr als 215

Manchmal genügt ein einfacher Test: Beim Drücken rechts unten auf dem Bauch könnte man vor Schmerzen schreien, und Hüpfen auf dem rechten Bein verursacht heftige Schmerzen. Diagnose: Verdacht auf eine Appendizitis, eine Blinddarmentzündung. Therapie: Sofort unters Messer, denn andernfalls droht der Wurmfortsatz, das kleine Anhängsel des Blinddarms, zu reißen.

Kindern und Jugendlichen aus Regen wird der Blinddarm doppelt so häufig entfernt

Und beim "Blinddarmdurchbruch" können Keime in die Bauchhöhle gelangen und lebensbedrohliche Infektionen auslösen. Allerdings ist die Appendizitis längst nicht immer so einfach zu diagnostizieren. Und so wird der Blinddarm häufig entfernt, obwohl er gar nicht entzündet war. Untersuchungen zeigen, dass etwa jede fünfte Blinddarmentfernung unnötig sein dürfte. Da der Blinddarm aber als entbehrlich gilt, werden im Zweifel die OP-Risiken als das kleinere Übel im Vergleich zum Risiko eines Durchbruchs angesehen.

Bei der OP-Häufigkeitsverteilung fällt auf, dass einzelne Landkreise seit vielen Jahren aus der Rolle fallen: 2010 bis 2015 wurden Kinder und Jugendliche etwa aus dem Landkreis Regen etwa doppelt so häufig wie der Bundesdurchschnitt operiert. Weitere Landkreise in Thüringen und Rheinland-Pfalz weichen ebenfalls um das 2 bis 2,5-fache ab.

Die Bertelsmann Stiftung, die in ihrem Faktencheck Gesundheit seit vielen Jahren die regionalen Unterschiede in der Gesundheitsversorgung in Deutschland analysiert, vermutet einen zentralen Grund für die stark uneinheitliche OP-Häufigkeit: Offenbar gehen Ärzte aus manchen Landkreisen häufiger lieber auf Nummer sicher, um das Risiko des bedrohlichen Blinddarmdurchbruchs zu umgehen. Möglicherweise spielen aber auch andere Faktoren eine Rolle. Um das zu prüfen, sind laut Bertelsmann-Analyse aber eine genaue Untersuchung der Vorgehensweisen bei der Entscheidung für oder gegen eine OP sowie Prüfverfahren zur Qualitätssicherung für Krankenhäuser notwendig.

Anmerkung

Wegen eines technischen Fehlers sind in früheren Versionen der Karten teilweise falsche Daten ausgespielt worden. Wir bitten dies zu entschuldigen. Dieser Fehler ist jetzt behoben. (21.06.2017)

cib | Stand: 21.06.2017, 08:52