Umweltproblem: Mikroplastik in Kosmetikartikeln

Umweltproblem: Mikroplastik in Kosmetikartikeln

Von Marco Müller

Mikroplastik nennt man winzige Kunststoffteilchen. Häufig werden sie in Kosmetik- oder Hygieneartikeln wie Shampoo oder Duschgel verwendet – und landen später in der Umwelt. Aber man kann etwas dagegen tun. 

So ziemlich jeder von hat schon mal Produkte verwendet, die Mikroplastik enthalten. Viele von uns verwenden sie sogar täglich. Am deutlichsten spürt man die winzigen Plastikteilchen in Peeling-Cremes. Aber auch wenn man den Peeling-Effekt nicht spürt, sind sie häufig in unseren Pflegeprodukten enthalten, zum Beispiel in Gel.

Wir duschen uns, cremen uns ein oder schminken uns – und am Ende des Tages waschen wir alles ab. Die Mikroplastik-Partikel landen im Abwasser, gelangen schließlich in Flüsse und Meere, wo sie von den Wasserbewohnern aufgenommen werden. Damit kann Mikroplastik am Ende wieder bei uns landen – nur diesmal nicht auf der Haut, sondern im Magen. Um für uns und unsere Umwelt etwas zu tun, sollte man also möglichst auf Produkte, die Mikroplastik enthalten, verzichten.

Zertifizierte Naturkosmetik als Alternative

BDIH-Siegel

Naturkosmetik hat meist entweder das BDIH-Siegel...

Aber: Produkte ohne Mikroplastik zu kaufen, ist leichter gesagt als getan, denn die winzigen Teilchen sind für den Verbraucher schwer zu erkennen. Die Kosmetik- und Hygieneindustrie gibt sich auch wenig Mühe, dies zu ändern. Verbraucher, die kein Problem haben, ihre Produkte zu wechseln, für die gibt es eine einfache Lösung: "Wer weder Plastik noch Mikroplastik haben möchte, der kann zu zertifizierter Naturkosmetik greifen", sagt Kerstin Etzenbach-Effers aus dem Arbeitsbereich Umwelt und Gesundheitsschutz bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

NaTrue-Siegel

...oder das NaTrue-Siegel.

Die mikroplastikfreien Produkte erkennt man an einem Siegel, genauer gesagt an mehreren. Denn leider gibt es nicht ein einheitliches Siegel. Die beiden am weitesten verbreiteten Siegel in Deutschland sind das BDIH- und das NaTrue-Siegel. Es gibt aber noch viele weitere, wie das EcoCert- und das Demeter-Siegel. Vorsicht vor Produkten, die kein Siegel haben aber mit "mikroplastikfrei" werden. Es gebe keine einheitliche Definition, so dass Hersteller es so auslegen könnten, dass ihre Produkte Mikroplastik enthalten und sie trotzdem mit "mikroplastikfrei" werben dürfen, so Dr. Sandra Schöttner, die bei Greenpeace für Meere und Biodiversität zuständig ist. Eine Definition für Mikroplastik lautet grob: Plastikpartikel, die fünf Millimeter und kleiner sind.  

Aber mein Lieblingsprodukt…

Porträt von Nadja Ziebarth, Leiterin des Meeresschutzbüros beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)

Nadja Zierbarth, Meeresschutzexpertin beim BUND

Wer nicht zwingend auf Naturkosmetik umsteigen möchte und am liebsten die altbekannten Produkte weiter nehmen möchte, der kann zumindest an Hand der Liste der Inhaltsstoffe, die auf dem Produkt aufgedruckt ist, versuchen abzugleichen, ob die Produkte Mikroplastik enthalten. "Die Hersteller machen es nicht leicht. Man muss immer genau schauen", warnt Nadja Ziebarth, Leiterin des Meeresschutzbüros beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND). Und bei einigen Produkten, wie Lippenstiften, ist es noch schwieriger. Da sie so klein sind, stehen nicht alle Inhaltsstoffe drauf. "Das Geschäft muss eine Liste haben, in der die Inhaltsstoffe des Produkts angegeben ist", ergänzt Nadja Ziebarth. Auch wenn es vorgeschrieben ist, dass Geschäfte die Listen haben müssen, in der Realität sei das leider oft nicht der Fall.

Aber in welchen Produkten sind denn nun Kunststoffe enthalten? Viele gängige Artikel, die Mikroplastik enthalten, findet man ebenfalls im BUND-Einkaufratgeber, einer rund 25-seitigen Liste.

Sollte das gesuchte Produkt nicht in der Liste stehen, kann man immer noch selber nach den Inhaltsstoffen suchen. Dr. Sandra Schöttner sagt, dass nachfolgende Liste die gängigsten Kunststoffe in Kosmetik- und Körperpflegeprodukten auf dem deutschen Markt wiedergibt:

  • Acrylates Copolymer (AC)
  • Acrylates Crosspolymer (ACS)
  • Ethylenvinylacetat Copolymer (EVA)
  • Nylon / Polyamid (PA)
  • Polyacrylat (PAK)
  • Polymethylmetacrylat (PMMA)
  • Polyquarternium (PQ)
  • Polyethylen (PE)
  • Polyethylenglycol (PEG)
  • Polyethylenterephthalat (PET)
  • Polypropylen (PP)
  • Polypropylenglycol (PPG)
  • Polystyrol (PS)
  • Polyurethan (PUR)

Auch wenn Greenpeace ein Kärtchen produziert hat, auf der die Stoffe noch einmal kompakt aufgedruckt sind, ist es beim Einkauf doch etwas umständlich, die auf den Produkten aufgedruckten Stoffe mit denen auf einer Liste zu vergleichen.

Apps können helfen

Leichter geht es mit speziellen Apps. Am bekanntesten sind die Apps "Beat the Micro Bead" und "Codecheck". "Beat the Micro Bead" wurde 2012 von den zwei niederländischen Nichtregierungsorganisationen Stichting De Noordzee und Plastic Soup Foundation entwickelt und dann später für den internationalen Markt ausgebaut. Die werbefinanzierte "Codecheck"-App wurde 2014 in der Schweiz entwickelt und ist seit 2016 auch in Deutschland genauso wie in Österreich nutzbar. Beide Apps kann man sich auf das Smartphone laden und dann mit der Kamera des Handys die Strichcodes der Produkte einscannen. "Codecheck" zeigt dann an, ob, und wenn ja welche, Kunststoffe das Produkt enthält. "Beat the Micro Bead" zeigt zumindest das häufig verwendete Polyethylen an.

Porträt von Kerstin Etzenbach-Effers vom Arbeitsbereich Umwelt und Gesundheitsschutz bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen

Kerstin Etzenbach-Effers von der Verbraucherzentrale NRW

Verbraucherschützerin Etzenbach-Effers warnt allerdings davor, sich nur auf die Apps zu verlassen. Kosmetikhersteller änderten aber immer mal wieder einzelne Stoffe. "Zum Teil sind die Daten bei den Apps nicht aktuell." Auch Sandra Schöttner von Greenpeace ist skeptisch. "Es gibt derzeit leider keine App auf dem deutschen Markt, die dem Verbraucher hundert Prozent zuverlässige Informationen bietet. Das ist aber auch einfach unmöglich bei der schieren Fülle der Produkte und Schnelligkeit des Marktes." Ein weiterer Punkt: Sowohl Verbraucher als auch Hersteller können Daten eingeben. Dabei besteht immer die Gefahr, dass sich Fehler einschleichen. Aber für eine schnelle unkomplizierte Einschätzung sind die Apps trotzdem hilfreich.

Gar kein Mikroplastik mehr?

Im Jahr 2013 hatte sich ein Großteil der Kosmetikhersteller selbstverpflichtet, ab Ende 2014 kein Mikroplastik mehr in ihren Produkten zu verwenden. "Codecheck" hat nun eine aktuelle Untersuchung veröffentlicht, bei der rund 103.000 Kosmetikprodukte aus dem Jahr 2014 mit dem Jahr 2016 verglichen wurden. "Das Ergebnis ist, dass Mikroplastik nach wie vor breite Anwendung in der Kosmetik findet und sich hinter Dutzenden von Namen versteckt", erklärt Franziska Grammes von "Codecheck" und konkretisiert: "Man sieht eine leichte Abnahme von Polyethylen bei Gesichtspeeling, dafür ist in den meisten anderen untersuchten Kategorien der Anteil gleichbleibend und zum Teil zunehmend."

Dr. Sandra Schöttner, bei Greenpeace für Meere und Biodiversität zuständig

Sandra Schöttner von Greenpeace

Da die freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller kaum Wirkung zeigt, fordert Nadja Ziebarth vom BUND ein komplettes Verbot von Mikroplastik. Aber Deutschland hat in diesem Bereich keine Vorreiterrolle. Im Gegenteil: "Deutschland ist weit hinterher", sagt Sandra Schöttner von Greenpeace. "Andere Länder wie die Niederlande, Belgien, Schweden, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, die USA und Kanada setzen sich deutlich stärker für ein Verbot ein." Dazu passt auch die aktuelle Äußerung des Bundesumweltministeriums: Es lehnt ein Verbot ab und setzt stattdessen im Dialog mit der Industrie auf einen freiwilligen Ausstieg bis 2020. Wer nicht bis dahin warten möchte, kann schon mal selber tätig werden und auf mikroplastikfreie Produkte umsteigen. Vielleicht reagiert die Industrie dann bereits vor 2020.

Stand: 19.10.2016, 11:56