"Igel" - Sinnvolle Gesundheitsleistung oder Geldmacherei?

"Igel" - Sinnvolle Gesundheitsleistung oder Geldmacherei?

Von Nico Rau

Jeder zweite Patient bekommt sie von seinem Arzt angeboten: so genannte "Igel". Keine niedlichen Stacheltiere, sondern "Individuelle Gesundheitsleistungen" – zum Beispiel ein Extra-EKG, eine Früherkennung zum Grauen Star oder eine Lichttherapie gegen die Winterdepression. Doch sind diese Leistungen, die der Patient selbst bezahlen muss, sinnvoll?

Der Igel-Monitor

Der Medizinische Dienst des Bundes der Krankenkassen betreibt im Internet die Plattform "Igel-Monitor" und sammelt darüber auch Erfahrungen der Patienten. Viele Patienten sind unzufrieden, weil sie sich alleine gelassen fühlen bei der Entscheidung, ob sie ja oder nein sagen sollen, wenn ihnen der Arzt eine Igel-Leistung anbietet. Eine Patientin schrieb: "Ich komme mir in der Praxis vor wie auf einem Basar!" Der Igel-Monitor hat die Angebote getestet und kommt zum Ergebnis, dass die Mehrheit eher negativ zu bewerten ist.

Schlechtes Zeugnis für Igel

45 verschiedene Leistungen wurden bisher analysiert. Davon bewerten die Wissenschaftler vier negativ – der Schaden wird als deutlich höher eingestuft als der Nutzen. Ein Beispiel ist die durchblutungsfördernde Infusionstherapie gegen Hörsturz. 17 weitere Igel bekommen die Bewertung "tendenziell negativ", was bedeutet, dass der zu erwartende Schaden der Leistung höher ist, als der Nutzen. Nur drei Igel werden mit tendenziell positiv beurteilt. Darunter die die Lichttherapie bei saisonal depressiver Störung (Winterdepression). Dort heißt es: "Auch wenn die gefundenen Untersuchungen und Übersichtsarbeiten kein einheitliches Bild zum Nutzen der Therapie liefern, kommen einige zu dem Schluss, dass die Lichttherapie die depressiven Beschwerden etwas besser lindert als eine Scheinbehandlung."

Ratgeber für Patienten

Auf der Internetseite gibt der Igel-Monitor Tipps, wie Patienten mit Igel-Angeboten eines Arztes oder einer Ärztin umgehen können. Igel-Behandlungen sind nie dringend. Patienten sollten sich also unbedingt Bedenkzeit ausbitten. Der Patient sollte seinen Arzt kritisch zu der angebotenen Leistung befragen: Welchen Nutzen soll die Methode haben? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, an der fraglichen Krankheit zu erkranken? Wie ist die Studienlage zur Wirksamkeit der Untersuchung? Welche Nebenwirkungen können auftreten? Kann der Arzt die Fragen nicht vernünftig beantworten, ist Skepsis angebracht! Außerdem hat der Patient Recht auf umfassende Aufklärung, Bedenkzeit, eine transparente Rechnung über die Leistung und einen Behandlungsvertrag.

Bewertungen des Igel-Monitors

Die Experten des Igel-Monitors sind tendenziell skeptisch bis zurückhaltend. Man muss dabei allerdings bedenken, dass die Internetseite von den Krankenkassen betrieben wird. Wenn es eine Zusatzleistung gäbe, die von den Experten als "perfekt" oder vollkommen unverzichtbar beschrieben würde, stünde die Frage im Raum, warum die Leistung dann nur für Selbstzahler erhältlich ist. Als Zusatzinfo, wie eine Art "zweite Meinung", ist der Igel-Monitor aber eine nützliche Sache.

Stand: 08.03.2017, 00:00