Gesetz gibt Patienten neue Hoffnung

Cannabis Pflanze

Gesetz gibt Patienten neue Hoffnung

  • Schwerkranke bekommen Cannabis auf Rezept
  • Krankenkassen übernehmen in Zukunft die Kosten
  • Cannabis soll auch in NRW angebaut werden

Rüdiger Klos-Neumann steckt das Mundstück seines Vaporisators in den Mund. Der kleine rechteckige schwarze Kasten funktioniert so ähnlich wie eine E-Zigarette. Rüdiger Klos-Neumann nimmt einen tiefen Zug: "Man merkt sofort die Schmerzlinderung. Ich merke wie im Kopf der Druck gesenkt wird, gerade hinter den Augen. Das hat kein anderes Medikament bei mir geschafft." Rüdiger Klos-Neumann aus Bergkamen ist Schmerzpatient. Seit 20 Jahren hat er Clusterkopfschmerzen, seit zwei Jahren gehen sie gar nicht mehr weg. Andere Medikamente haben irgendwann nicht mehr geholfen, doch mit Cannabis hat er die Schmerzen zumindest so gut im Griff, dass er wieder als Koch arbeiten kann.

Eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten

Cannabis-Patient Rüdiger Klos-Neumann zieht an seinem Vaporisator

Leidet seit 20 Jahren an Clusterkopfschmerzen: Rüdiger Klos-Neumann

Um sich in der Apotheke mit Cannabis versorgen zu können, brauchte Rüdiger Klos-Neumann bislang eine Sondergenehmigung vom Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Die gab es bisher nur bei schweren chronischen Krankheiten, und wenn die Bescheinigung eines Arzt vorlag, dass der Patient austherapiert ist. Bislang hatten lediglich 1020 Patienten in Deutschland eine solche Sondergenehmigung erhalten. Dabei, so vermutet der Arzt Franjo Grotenhermen aus Rütten, ist der Bedarf viel größer. Grothenhermen beschäftigt sich mit dem Einsatz von Cannabis in der Medizin seit Jahrzehnten. "Cannabis hilft nicht nur Schmerzpatienten, sondern auch bei chronischen Entzündungen, bei neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, bei Appetitlosigkeit oder Übelkeit etwa von Krebspatienten und bei psychatrischen Erkrankungen." Grotenhermen hat gut einem Drittel der bisherigen Cannabis-Patienten zu ihrer Sondergenehmigung verholfen.

Kostenübernahme durch die Krankenkassen

Sechs kleine Döschen mit medizinischem Cannabis

Cannabisblüten für die medizinische Anwendung

Patienten, denen medizinisches Cannabis helfen kann, sollen durch die gesetzliche Neuregelung deutlich schneller an ihr Medikament kommen. Denn mit Inkrafttreten des neuen Gesetzes kann jeder Arzt seinen Patienten zukünftig medizinisches Cannabis verschreiben. Vorausgesetzt, es handelt sich um eine schwere Erkrankung, es gibt keine Alternative zu einer Behandlung mit Cannabis und es ist durch eine Behandlung mit Cannabis eine spürbare Besserung der Symptome zu erwarten. Die erste Verordnung des Arztes wird, ähnlich wie bei einer Kur, vom medizinischen Dienst der Krankenkasse überprüft. Danach bezahlt die Krankenkasse das Cannabis ohne weitere Prüfung, egal ob es sich um ein fertiges Präparat handelt oder um Cannabisblüten. Bislang musste der überwiegende Teil der Patienten sein medizinisches Cannabis selbst bezahlen, häufig mehrere hundert oder tausend Euro im Monat. Für viele chronisch Kranke, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht arbeitsfähig sind, war das schlicht nicht machbar.

Viele Ärzte sind wenig informiert und unsicher

Marihuana als Heilpflanze

Riecht jetzt auch nach Geld - Marihuana

Obwohl das Gesetz nicht wie ursprünglich geplant schon am 1. März in Kraft getreten ist, zeigen sich mehrere Krankenkassen gegenüber ihren Patienten kulant. Daniel Eilenberger von der Barmer etwa erklärt: "Wir werden die Kostenübernahme nicht davon abhängig machen, ob das Gesetz am 1. März in Kraft tritt oder einige Tage später. Am Ende entscheidend ist die Einzelfallprüfung, ob ein Patient tatsächlich eine Cannabis-haltige Therapie benötigt. Wenn dem so ist, dann übernehmen wir auch die Kosten." Trotzdem ist nicht klar, ob alle Patienten, die Cannabis benötigen, es auch sofort bekommen. Denn viele Ärzte sind beim Thema Cannabis noch sehr unsicher. Franjo Grotenhermen schätzt, dass lediglich ein Drittel seiner Kollegen sofort bereit ist, Cannabis zu verschreiben. Ein weiteres Drittel sei zwar aufgeschlossen, fühle sich aber zu schlecht informiert, ein weiteres Drittel bleibe skeptisch. Und tatsächlich berichten Patienten, dass es ihnen schwer fällt, einen Arzt zu finden, der bereit ist, ihnen ein medizinische Hanfprodukt zu verschreiben.

Cannabis-Agentur möchte Produktion in Deutschland ankurbeln

Doch auch wenn die Ärzte mitmachen, könnte es für Patienten zunächst schwierig werden, an medizinisches Cannabis zu kommen. Schlicht deshalb, weil es möglicherweise zunächst nicht lieferbar ist. Durch die gesetzliche Neuregelung wird die Nachfrage nach medizinischem Cannabis vermutlich deutlich ansteigen. Bislang importieren lediglich drei Firmen medizinsich verwendbares Cannabis nach Deutschland, im vergangenen Jahr insgesamt lediglich 750 Kilogramm. Dabei handelt es sich um die Firmen Bedrocan aus den Niederlanden sowie Tweed und Peace Naturals aus Kanada. Die Bundesregierung will deshalb den Anbau und die Produktion von medizinischem Cannabis in Deutschland forcieren. Überwacht werden soll das von der Cannbis-Agentur, die sich derzeit in Gründung befindet. Sie soll auch die Lizenzen für die Produktion vergeben. Kurz nach der Gründung der Agentur soll es eine europaweite Ausschreibung geben. Die Cannabisagentur wird das Cannabis von den Hersteller aufkaufen und an Großhändler und Apotheken weiterverkaufen. Damit soll sie volle Kontrolle über den Herstellungsprozess behalten und sicher stellen, das die Medikamente eine gleichbleibende Qualität haben. Der Anbau soll 2019 beginnen, möglicherweise auch in NRW. Die HAPA Medical Holding aus Dortmund will sich um eine Lizenz bemühen.

Stand: 03.03.2017, 06:00