Turbolachse: "Die Folgen sind völlig unbekannt"

Gentechnisch veränderte Tiere

Turbolachse: "Die Folgen sind völlig unbekannt"

US-Behörden haben erstmals den Verkauf von gentechnisch verändertem Tierfleisch zugelassen. Zunächst geht es um besonders schnell wachsende Lachse. Zum Start der Grünen Woche in Berlin veröffentlicht die Grünen-Bundestagsfraktion eine Studie, die vor den Risiken solcher Gen-Lachse für den Menschen warnt.

Drei etwa zehn Zentimeter lange Junglachse aus irischen Eiern in einem Aquarium.

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Gentechnische Versuche an Tieren gibt es bereits seit den 1980er Jahren. Bisher war der Verkauf von gentechnisch veränderten Tieren als Nahrungsmittel für den Menschen aber weltweit strikt verboten. Im November 2015 ließ die US-amerikanische Lebensmittelbehörde FDA erstmals gentechnisch veränderten Lachs als Lebensmittel zu. Der Verzehr, so gab die Behörde bekannt, sei für den Menschen unbedenklich. Allerdings: Die Vermehrung und Aufzucht genmanipulierter Lachse bleibt in den USA weiterhin verboten. Die Tiere dürfen nur in besonderen Anlagen im Ausland aufgezogen und von dort in die USA importiert werden. Nach Auskunft der FDA gibt es solche Zuchtanlagen derzeit nur in Kanada und in Panama.

Gen-Lachse wachsen fast doppelt so schnell

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Die von der US-amerikanischen Firma AquaBounty entwickelten Superlachse wurden mit einem zusätzlichen Gen für ein Wachstumshormon ausgestattet. Dadurch wachsen sie - anders als natürlicherweise - auch in sehr kalten Wassertemperaturen und erreichen fast doppelt so schnell ihr Schlachtgewicht wie ihre unbehandelten Artgenossen. Eine Kennzeichnung solcher von amerikanischen Gentechnik-Gegnern als "Frankenfish" bezeichneten Produkte ist in den USA derweil noch immer nicht Pflicht.

Eine gerade veröffentlichte Studie der Firma Testbiotech, die die Bundestagsfraktion der Grünen in Auftrag gegeben hatte, untersucht die Risiken der genveränderten Tiere für Menschen und Umwelt. Denn die Turbo-Lachse sind nicht das einzige Objekt der Genforscher: So gibt es Versuche, über Veränderungen im Erbgut das Muskelwachstum bei Rindern und Schafen zu verstärken, Kuhmilch der menschlichen Milch ähnlicher zu machen, um Allergien zu reduzieren, oder Zuchttiere besser an günstige Haltungsbedingungen anzupassen - beispielsweise, indem Rinder ohne Hörner geboren werden.

Genmanipulierte Olivenfliege: leuchtende Larven

Aber auch Mücken beispielsweise, die für den Menschen gefährliche Krankheiten übertragen, stehen im Fokus der Forschung: So hat die US-amerikanische Firma Oxitec in Brasilien bereits Mücken ausgesetzt, deren Erbgut für die Bekämpfung des Dengue-Fiebers verändert wurde, berichtet die Testbiotech-Studie weiter. In Spanien und Italien hat Oxitec einen Antrag auf Freisetzung gentechnisch veränderter Olivenfliegen gestellt. Deren weibliche Nachkommen sind steril, die männlichen Larven, die Verbraucher dann möglicherweise in Oliven finden würden, leuchten im Dunkeln.

Bislang erweisen sich vor allem die Versuche an Säugetieren allerdings als schwierig: Beim Versuch, Kühe zu entwickeln, deren Milch weniger allergene Eiweiße enthält, überlebte bisher nur ein einziges Kalb. Die Forscher nannten es Daisy. Allerdings fehlen der Milch von Daisy auch zahlreiche andere wichtige Inhaltsstoffe - und nebenbei fehlt dem Kalb der Schwanz, so Testbiotech in der aktuellen Studie.

"Mehr Fragezeichen als Antworten"

Räucherlachs im Test

Räucherlachs

Bis jetzt würden diese Technologien "mehr Fragezeichen als Antworten" aufwerfen, kritisiert der Autor der Studie, Christoph Then. Welche Langzeitfolgen es haben könnte, wenn ein Mensch immer wieder künstlich schnell wachsenden Lachs ist oder genveränderte Milch trinkt, sei bisher überhaupt nicht einzuschätzen. "Es gibt keinerlei Erfahrungen, niemanden, der die Risiken einschätzen kann", sagt Then, ehemals Leiter des Bereiches Gentechnik bei Greenpeace Deutschland. Sicher sei dagegen, dass bestimmte Botenstoffe - beispielsweise solche, die mit Wachstumshormonen zusammenhängen - über den menschlichen Darm aufgenommen werden. "Sie können dann den Zellstoffwechsel beim Menschen verändern", sagt Then. Mögliche Folge sei, dass der Konsument dünner oder dicker werde.

Eine weiteres Risiko, so Forscher Then, sei die Unkontrollierbarkeit, mit der sich genveränderte Tiere verbreiten können, wenn sie einmal zugelassen sind. So könnten die Gen-Lachse durch ihr verändertes Fressverhalten ganze Ökosysteme durcheinander bringen. Doch die Verbreitung von gentechnisch veränderten Tieren sei ohnehin kaum noch durch Grenzen oder nationale Gesetze aufzuhalten, sagt Then: Nachkommen von gentechnisch veränderten, zur Zucht genutzten Rinderbullen aus den USA würden vermutlich schon lange auch in Europa leben. Zwar ist die Einfuhr geklonter, beispielsweise hornloser Zuchtbullen in Europa verboten - deren Sperma allerdings könnten Landwirte jederzeit über das Internet bestellen. Für Bullensperma gebe es keine Registrierungspflicht. Schätzungsweise 10 Tonnen Rindersperma, so vermuten Experten, werden jedes Jahr aus den USA in die EU verschickt.

Kontrolle behalten trotz TTIP

Besonders angesichts des geplanten Freihandelsabkommens mit den USA, TTIP, stehe die Bundesregierung bei der Gentechnik vor "zentralen Herausforderungen", sagt Then: Mangels Kontrollmöglichkeiten könnte künftig auch genverändertes Tierfleisch in die EU gelangen, selbst wenn es dafür hierzulande keine Zulassung gibt. "Die Politik sollte klarstellen, dass es in der EU auf absehbare Zeit keine Möglichkeit gibt, Zulassungen für gentechnisch veränderte Nutztiere und deren Produkte zu erteilen oder diese freizusetzen", fordert der Wissenschaftler. Und auch Harald Ebner, Gentechnik-Sprecher der Grünen im Bundestag, sagt: "Nachdem in den USA jetzt schon der Gen-Lachs zugelassen ist, müssen wir in Abkommen wie TTIP und Ceta ganz klar festschreiben, dass solche Zulassungen nicht durch gegenseitige Anerkennung von Standards plötzlich auch bei uns in Europa gelten."

Stand: 14.01.2016, 06:00