Nichts kaufen am Kauf-Nix-Tag?

Einkaufstüten

Nichts kaufen am Kauf-Nix-Tag?

Von Benjamin Esche

Vorweihnachtszeit ist Konsumzeit. Die Geschäfte liefern sich eine regelrechte Rabattschlacht. Am Kauf-Nix-Tag (26.11.2016) rufen Konsumkritiker zum Verzicht auf. Doch bringt das was?

Vier Wochen noch, dann ist Heiligabend. Der Countdown zum Kauf der Weihnachtsgeschenke ist also längst eingeleitet. Am Black Friday und Cyber Monday locken die Händler in diesen Tagen mit zahlreichen Rabattaktionen. Das Ziel ist klar: Die Kunden sollen kaufen. Doch gerade in diese Zeit bricht am ersten Adventssamstag (26.11.2016) der sogenannte Kauf-Nix-Tag ein, um dem rauschhaften Konsum Einhalt zu gebieten. Konsumkritiker mahnen in jedem Jahr am letzten Samstag im November, das Shoppen ruhen zu lassen und eine Einkaufspause einzulegen. Doch hat dieser konsumfreie Tag inmitten der konsumwahnsinnigen Vorweihnachtszeit überhaupt einen Sinn?

Gegen Reizüberflutung und Konsumverstopfung

Christoph Lütge

Wirtschaftsethiker Christoph Lütge

"Ich sehe darin keinen Sinn, dass man plötzlich nichts mehr kauft", sagt Christoph Lütge, Professor für Wirtschaftsethik an der Technischen Universität München. "Denn die Menschen kaufen die Sachen eben einfach später." Der Konsum würde dadurch nur verschoben. Eine Milderung für "Reizüberflutung" und "Konsumverstopfung", wie sie Kritiker und Umweltökonomen formulieren, ist der Kauf-Nix-Tag also offenbar nicht. 1997 wurde dieser Aktionstag von konsumkritischen Organisationen in Deutschland eingeführt. Seinen Ursprung hat er in den USA, wo der Buy Nothing Day als Gegengewicht zu Thanksgiving und dem Black Friday herhalten soll. Doch außerhalb der USA findet der Tag kaum Beachtung.

Dass ein Tag des Konsumverzichts keine große Wirkung hat, ist auch den Globalisierungskritikern von Attac klar. Attac hatte den Kauf-Nix-Tag in Deutschland mitinitiiert. "Es geht darum, die Menschen zum Nachdenken über Konsum- und Wachstumszwang in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem zu bewegen", sagt Frauke Distelrath von Attac. Den Konsum grundsätzlich zu hinterfragen, sei durchaus sinnvoll, meint Georg Tryba von der Verbraucherzentrale NRW: "Viele werden momentan zum Kaufen verführt, obwohl sie den Kleiderschrank voll haben und manche Sachen gar nicht tragen."

Über nachhaltigen Konsum nachdenken

Weihnachtsshopping

In der Weihnachtszeit wird besonders viel konsumiert

"In Deutschland ist der Kauf-Nix-Tag nicht sehr bekannt", sagt Michaela Wänke, Professorin am Lehrstuhl für Konsumentenpsychologie der Universität Mannheim. "Darum ist seine Wirkung hier auch sehr gering." Die Sozialwissenschaftlerin glaubt, dass es auch ohne diesen Aktionstag möglich ist, sich dem Konsum zu entziehen. "Da geht es auch darum, ob man das möchte - gerade in einer konsumreichen Zeit, wie der Vorweihnachtszeit." Viele Menschen würden auch darüber nachdenken, welche Produkte sie tatsächlich benötigen und welche nicht. "Und wer nicht kaufen möchte, kann es ja einfach lassen", folgert Wänke.

Der Kauf-Nix-Tag könnte aber eine Erinnerung daran sein, bei bestimmten Produkten auf Nachhaltigkeit zu achten. "Ich halte es grundsätzlich für sinnvoll, sich über einen nachhaltigen Konsum Gedanken zu machen", sagt Wirtschaftsethiker Lütge. Denn das Kaufverhalten der Menschen hat in der Vergangenheit in ethischer Hinsicht etwas bewirkt, sagt der Experte. "Das ist beispielsweise bei Bioprodukten der Fall." Der Konsument würde den Vorteil dabei aber unmittelbar merken. Bei anderen Produkten sei dies nicht so. "Zum Beispiel sieht man einem Kleidungsstück nicht direkt an, ob es durch Kinderarbeit hergestellt wurde", erklärt Lütge. Seine Schlussfolgerung: "Nur wenn der Konsument für sich den Vorteil sieht, ändert sich etwas an seinem Kaufverhalten."

Gezielter einkaufen

Doch was kann man tun, um den Konsumrausch in der Weihnachtszeit abzufedern? An erster Stelle sollte immer der Bedarf stehen, sagt Georg Tryba von der Verbraucherzentrale. "Jeder sollte sich fragen: Brauche ich das Produkt wirklich?", so Tryba. Sich umfassend über das Produkt zu informieren sei außerdem wichtig. "Kaufen Sie ein Geschenk dann, wenn Sie ein schönes Geschenk sehen", empfiehlt Wirtschaftsethiker Lütge. "Und zwar über das ganze Jahr verteilt."

Verpackte Weihnachtsgeschenke

Expertentipp: Geschenke das ganze Jahr über kaufen

In der Vorweihnachtszeit spitzt sich der Kaufrausch traditionell zu. "Da wird dann eine Menge überflüssiges Zeug gekauft, nur weil man schnell was kaufen muss", so der Experte. Den Kauf von Geschenken zeitlich abzukoppeln von Geburtstagen oder Weihnachten nimmt dann den Druck heraus. Somit müsste man auch nicht überteuerte Produkte kaufen, nur weil man dringend etwas benötigt. "Wenn man es schafft, Geschenke auf Vorrat zu kaufen, kann man es in der Vorweihnachtszeit entspannter angehen lassen", erklärt Lütge.

Weniger Stress und weniger Romantik

Es ist außerdem entscheidend für das Kaufverhalten, in welcher Situation sich die Menschen befinden. "Wenn wir unter Stress stehen, können wir den Konsum schlechter kontrollieren", erklärt Konsumpsychologin Wänke. "Wenn wir ausgeruht sind, haben wir mehr Selbstkontrolle." Auch feste Vorsätze können helfen. So könnte man erst mal eine Nacht darüber schlafen, bevor man einen Kauf tätigt. "Ein bisschen weniger Romantik wäre auch nicht schlecht", sagt Lütge. "Wer glaubt, in der schönen vorweihnachtlichen Stimmung das perfekte Geschenk zu finden, der ist auf dem falschen Weg."

Stand: 26.11.2016, 06:00