So funktioniert die Abzocke mit Kaffeefahrten

Busreisende bei einer Kaffeefahrt

So funktioniert die Abzocke mit Kaffeefahrten

Von Martin Rapp

Jedes Jahr nehmen schätzungsweise fünf Millionen Deutsche an Kaffeefahrten teil. Günstige Busfahrten, bei denen arglosen Kunden billige Produkte für viel Geld angedreht werden. Wer den Versprechungen glaubt, hat schon verloren.

Die Einladung

Zurzeit werden in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern Einladungen zu einem "Schweizer Sommerausflugstag" verschickt. In NRW tauchten sie unter anderem in Köln, im Sauerland und im Bergischen Land auf, wie das Ordnungsamt des hessischen Lahn-Dill-Kreises feststellte. Das beobachtet seit Jahren die Szene und sammelt Erfahrungsberichte von Verbrauchern und Einladungsschreiben. Die Tagesfahrten in den aktuellen Angeboten sollen Mitte August stattfinden, doch die Verbraucherschützer warnen davor, sie anzunehmen.

Als Absender wird eine Firma im niedersächsischen Börger genannt, die schon einschlägig aufgefallen ist. In der Adresse ist jedoch nur ein Postfach angegeben – ein beliebter Trick der Branche, denn für ein Postfach muss man sich nicht identifizieren. Dahinter stehende Firmen können im Ausland sitzen oder gar nicht existieren. Wenn unseriöse Anbieter Adressen mit Straße und Hausnummer angeben, dann in den Fällen, wo keine Rückantwort nötig ist. Die Adressen stellten sich dann als falsch heraus.

So funktioniert die Abzocke mit Kaffeefahrten

WDR 2 Servicezeit | 01.08.2017 | 02:55 Min.

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Die Versprechen

Die Irreführung beginnt schon beim Titel. "Schweizer Sommerausflug", dazu eine Flagge mit weißem Kreuz auf rotem Grund – im Text erst steht dann, dass es zum Halterner See geht. Dort wartet eine Schifffahrt auf die Teilnehmer. Selbst die Bordkarte ist auf der Einladung schon aufgedruckt, doch der Bootstrip wird an anderer Stelle nur als "möglich" bezeichnet – und ist damit nicht sicher.

Im Anschreiben wird auf eine angeblich früher versendete Gewinnbenachrichtigung verwiesen. Der Ausflugstag wird als letzter Übergabetermin bezeichnet und noch andere Formulierungen locken mit der Auszahlung von 500 Euro. Doch an einer Stelle steht doch nur "nominiert". Und Nominierungen müssen nicht in Preisen münden.

In puncto Verpflegung müssen sich Teilnehmer keine Sorgen machen – das suggeriert die Einladung ebenfalls. Frühstück und Mittagessen gratis für jeden werden versprochen. Berichte von ähnlichen Fahrten legen nahe, dass auch hier das Prinzip „Weniger ist mehr“ leitender Gedanke ist. Und neben dem abgebildeten saftigen Schnitzel steht klein "to go". Maximal ein Fertiggericht für die Mikrowelle, mehr ist nicht zu erwarten.

Das Bild zeigt einen Reisebus, an dem ältere Menschen warten.

Der angepriesene "Super-Reisebus" bietet oft nur die Hinfahrt an.

Die Geschenke

Jeder Frau wird eine Mikrowelle oder ein Induktionskochfeld versprochen, jedem Mann eine Videokamera oder ein Tablet-PC. Paare sollen eine Kaffeemaschine erhalten. Doch Vorsicht: Die Branche ist erfindungsreich. Eine Kaffeemaschine kann auch nur ein Filteraufsatz für die Tasse sein. In anderen Fällen wurde als 50-teiliges Haushaltsset eine Streichholzschachtel überreicht und der versprochene Wäschetrockner war bloß eine Leine. Dazu kommt: Die Geschenke werden explizit Kunden versprochen. Und „Kunden“ sind in dem Fall nur diejenigen, die bei der zu erwartenden Verkaufsveranstaltung etwas erwerben. Was da üblicherweise zu hohen Preisen verkauft wird, lässt für die Organisatoren genug Spielraum, um eine billige Mikrowelle für 50 Euro zu „verschenken“. Falls es sie überhaupt gibt, denn oft steht gar nichts hinter den Versprechen.

Die Wirklichkeit

Essen und Geschenke mögen minderwertig sein, aber immerhin bekommen die Teilnehmer etwas, und auch die Busfahrt kostet Geld. Wozu das alles? Wird hier aus reiner Nächstenliebe eine schöne Tour organisiert? Natürlich nicht. Solche Fahrten zielen darauf ab, möglichst viele Menschen an einen Ort zu bringen, von dem sie nicht allein wieder wegkommen, um dort mit allen möglichen Tricks billige Ware zu horrenden Preisen zu verkaufen. Da die Masche auf ältere Menschen zugeschnitten ist, werden oft Produkte angeboten, die gut für die Gesundheit sein sollen.

So werden beispielsweise Magnetfeldprodukte oder Nahrungsergänzungsmittel angepriesen, teilweise unter Berufung auf nicht überprüfbare Studien. Die Behauptungen, die hinsichtlich der Wirksamkeit der Produkte getroffen werden, sind nicht nur dreist, sondern manchmal auch gefährlich. So wurde etwa die Heilung von Krankheiten versprochen oder der Verzicht auf andere Medikamente nahegelegt, was bei leichtgläubigen Menschen üble Folgen haben kann. Dabei gilt: Pharmakologisch wirksame Mittel gibt es in Deutschland in der Apotheke – und zwar nur dort.

Der Ratschlag

Wer an einer solchen Verkaufsfahrt teilgenommen hat und den Verkäufern auf den Leim ging, hat kaum Chancen, sein Geld wiederzusehen. Die Verantwortlichen verschleiern ihre Identität und sind kaum ausfindig zu machen. Oftmals nehmen sie auch nur Anzahlungen und versprechen spätere Lieferung, die dann nicht kommt. Und für wenige hundert Euro lohnt es sich kaum, einen Anwalt zu bemühen.

Am besten ist es daher, sich gar nicht auf solche Einladungen einzulassen. Selbst wenn man sich schon angemeldet hat, bleibt man lieber zu Hause. Weil die Veranstalter anonym bleiben wollen, werden sie kaum auf die Einhaltung der Anmeldung pochen. Vor Gericht müssten sie dann nämlich unmaskiert ihr Geschäftsgebaren darlegen. Sollte doch eine Mahnung kommen, rät die Internetseite „pfiffige-senioren.de“ dazu, Widerspruch einzulegen. Und keine Sorge wegen des schlechten Gewissens: Wenn die Betrüger mit falschen Versprechungen arbeiten, muss man auch nicht zu seinen stehen.

Stand: 01.08.2017, 04:00