Drogerie-Artikel im Überfluss

Drogerie-Artikel im Überfluss

Von Maike Busse

Die Online-Plattform Innatura vermittelt Haushaltsreiniger, Waschmittel, Shampoo und Deo an soziale Organisationen. Alles fabrikneu, aber für die Hersteller unverkäuflich. Wie kommt es zu so massiven Überproduktionen bei Drogerie-Artikeln?

Die Konsumgesellschaft treibt merkwürdige Blüten. Obwohl ein Shampoo oder ein Waschmittel nicht wirklich schlecht werden können, werden sie palettenweise von den Herstellern in die Müllverbrennung gekippt. Manche Produkte haben kleine Fehler, etwa einen Fehldruck beim Etikett oder eine etwas zu geringe Füllmenge. Andere, wie Sonnenmilch, haben gerade keine Saison, und die Lagerkosten wären teurer als die Entsorgung.

Die ehemalige Unternehmensberaterin Juliane Kronen betreibt in Köln eine in Deutschland einzigartige Organisation namens Innatura. Das gemeinnützige Unternehmen bringt Hersteller dazu, ihre überflüssigen Produkte zu spenden, anstatt sie zu vernichten. Rund 160 Hersteller sind als Spender dabei, darunter große Drogerie-Hersteller wie Beiersdorf, Procter & Gamble und die Drogeriekette dm, die Retouren aus ihrem Online-Shop spendet.

Wenn ich nur an die Flüchtlingsarbeit denke, was dort an Shampoo, an Körperpflegeprodukten gebraucht wird. Dort fehlen die Produkte fehlen und auf der anderen Seite werden sie täglich entsorgt. Das ist nicht gut und das sollte so nicht sein!“, sagt Juliane Kronen. 

Gründe für den Überschuss

Jedes Produkt, das an Innatura gespendet wird, hat seine eigene Geschichte. Oft ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, warum die Ware unverkäuflich ist, aber aus ökologischer und moralischer Sicht nicht.

  • Retouren: Vor allem Online-Händler bekommen massenweise Fehlkäufe zurückgeschickt. Die Rückläufer zu sortieren und wieder in den Handel zu bringen wäre zu teuer, deswegen werden sie zum Teil weggeworfen.
  • Überproduktionen: Vor allem Aktions- oder Saisonwaren und „Special Editions“ werden oft im Überfluss produziert, um nicht in die Verlegenheit zu geraten, dem Handel einen Lieferengpass zu gestehen. Nach der Saison bleibt die Ware liegen.
  • Anbruch- und Schadensware: Hier geht es um Produkte, bei denen Verpackungen oder Paletten beschädigt sind, zum Beispiel durch einen Verkehrsunfall oder ein Missgeschick beim Verladen in der Fabrik. Auch wenn bei der Qualitätskontrolle ein einzelnes Produkt aus dem Gebinde entnommen wird, macht das den Rest für den Hersteller zum Problem. Denn angebrochene Paletten nimmt der Handel grundsätzlich nicht an, weil die Ware in Gewichtseinheiten verkauft wird. Fehlt nur ein Produkt, hat die Palette das falsche Gewicht und müsste nun von Hand gezählt werden. Weil die Personalkosten dafür aber zu hoch sind, wird die gesamte Palette entsorgt.
  • B-Ware: Diese Produkte haben meist kleine Schönheitsfehler an der Verpackung oder am Produkt selbst. Die Aufschrift hat zum Beispiel einen falschen Farbton oder der Inhalt entspricht nicht zu 100 Prozent der Norm.
Das Bild zeigt das Restpostenlager für Drogerie-Artikel.

Wir haben einen Blick in das Restpostenlager für Drogerie-Artikel geworfen.

Nur an gemeinnützige Organisationen

Innatura nimmt Spenden im großen Stil an und verteilt sie an gemeinnützige Organisationen. Die Spendenempfänger zahlen dafür eine Vermittlungsgebühr von 5 bis 20 Prozent des früheren Ladenpreises. So kann Innatura die eigenen Kosten für Personal und Logistik decken.

Bestellen können ausschließlich gemeinnützige Organisationen, die sich zuvor registriert haben. Denn die gespendeten Produkte dürfen nicht in falsche Hände geraten. Das muss Juliane Kronen den Herstellern garantieren. Sonst könnte jemand auf die Idee kommen, auf dem Schwarzmarkt mit den Drogerie-Artikeln zu handeln oder zu versuchen, sie im Laden zurückzugeben.

Großer Haken: Deutsches Steuerrecht

Das Konzept von Innatura klingt einfach und logisch: Was der eine nicht mehr braucht, gibt er an denjenigen weiter, der es benötigt. Wäre da nicht ein großer Haken: das Steuerrecht. Denn so unglaublich es klingt: Produkte zu verbrennen ist in Deutschland sehr viel günstiger als sie zu verschenken oder zu lagern! Das liegt daran, dass Spenden beim Finanzamt als Umsatz gelten, also so behandelt werden, als wären sie verkauft worden.

Juliane Kronen hat ausgerechnet, dass es bei besonders teuren Produkten 25-mal teurer sein kann, sie zu spenden, als sie zu verbrennen: „Wenn man ein teures medizinisches Haarshampoo spenden würde, dann bleiben Sie als Unternehmen pro Tonne etwa auf 2.500 Euro Umsatzsteuer sitzen, die sie an das Finanzamt abführen müssen. Wenn Sie das Ganze entsorgen, kostet das etwa 100 Euro, und die können Sie noch als Betriebsausgabe absetzen.

Dass dieses Gesetz bald geändert wird, dafür kämpfen die Mitarbeiter von „Innatura“ mit Hochdruck. Immerhin: Für Backwaren wurde das Umsatzsteuergesetzt 2012 geändert, so dass sie jetzt kostenlos gespendet werden dürfen. Würde diese Reglung auch auf Sachspenden ausgebreitet werden, die in den gemeinnützigen Bereich gehen, könnten noch viel mehr Organisationen von den Spenden profitieren.s

Stand: 24.01.2017, 18:15