"Wir brauchen die grüne Welle für Radfahrer"

"Wir brauchen die grüne Welle für Radfahrer"

Schlechte Luft und Staus in der Stadt. Kann in dieser Situation das Fahrrad das Auto der Zukunft werden? Mobilitätsexperte Thomas Wehmeier fordert, dass mehr Platz für den Radverkehr in den Städten.

WDR.de: Welche Rolle kann das Fahrrad in zukünftigen Verkehrskonzepten spielen?

Thomas Wehmeier: Es wächst das Bewusstsein, dass öffentliche Verkehrsräume nicht nur für den lauten Autoverkehr da sind. Die Menschen möchten sich in öffentlichen Räumen aufhalten, miteinander sprechen, auch mal eine Pause machen oder die Kinder spielen lassen. Das lässt sich mit Radverkehr viel besser vereinbaren. Gerade die aktuellen Diskussionen um Feinstaub- und Stickoxid-Emissionen erfordern es außerdem zwingend, Abgase zu vermeiden. Der Radverkehr bietet da erprobte, gute Lösungen. E-Bikes und Pedelecs überzeugen immer mehr Menschen – bis zum Manager, der nicht verschwitzt im Büro ankommen möchte.

WDR.de: Was können Städte und Gemeinden noch tun, um die Fahrradnutzung voranzutreiben?

Wehmeier: Die Menschen wollen nicht von überholenden Autos bedrängt werden oder Gefahr laufen, an der nächsten Kreuzung übersehen zu werden. Das heißt für Städte und Gemeinden: Pkw-Verkehr beruhigen und eigene Radwege bauen, die breit genug sind, damit Fahrradfahrer sich gegenseitig gefahrlos überholen können. Außerdem können Städte und Gemeinden mit öffentlichen Fahrradverleihsystemen den Umstieg aufs Fahrrad fördern und mehr sichere Abstellanlagen für Fahrräder bauen. Und um Pendler zum Radfahren zu bringen, braucht es Radschnellwege mit grünen Wellen wie im Autoverkehr.

WDR.de: Bleibt das E-Bike im Trend?

Wehmeier: Ja, denn E-Bikes und Pedelecs ermöglichen schnelleres und komfortableres Fahren. Sie sind besonders hilfreich, wenn es hügelig ist, bei weiteren Strecken oder auch wenn größere Lasten zu transportieren sind. In immer mehr Städten können deshalb bereits E-Lastenräder ausgeliehen werden, beispielsweise für den Wocheneinkauf.

WDR.de: Was können wir von anderen Ländern in Bezug auf das Fahrrad lernen?

Wehmeier: Beispiel Kopenhagen: Dort sind Fahrradwege so breit, dass zwei Fahrradfahrer nebeneinander fahren können und ein dritter bequem überholen kann. Dort wie auch in den Niederlanden sind Radschnellwege auch selbstverständlich. In diesen Ländern ist das Fahrrad für die Menschen eine gleichberechtigte Alternative zum Auto. Deshalb gibt es dort auch einen gesellschaftlichen Konsens, der das Fahrrad fördert und – so ehrlich muss man sein – die Pkw und deren Platzbedarf auch mal hinten anstellt. Dann stellt es auch seltener ein Problem dar, wenn ein Pkw-Parkstreifen zugunsten eines breiteren und sicheren Radwegs geopfert wird. Denn während Autos durchschnittlich 23 Stunden am Tag herumstehen, verbessert ein Radweg dauerhaft die Mobilität der Bürger.

Thomas Wehmeier ist Mobilitätsexperte am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR).

Das Gespräch führte Kevin Barth.

Stand: 08.09.2017, 10:59