Billige Fahrräder - ein guter Kauf?

Billige Fahrräder - ein guter Kauf?

Von Anna Beerlink

Zu Beginn der Fahrradsaison haben nicht nur Fachhändler, sondern auch viele Baumärkte und Discounter neue Fahrräder im Angebot. Was taugen diese Billig-Angebote? Und für wen sind sie geeignet? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Zuverlässig tauchen jedes Jahr im Frühjahr in den Filialen und Online-Shops von Baumärkten, Supermärkten und Discountern wieder Fahrräder auf: Ein City-, Trekking- oder Mountainbike gibt es dort häufig schon zu Preisen um die 200 Euro. Experten sehen diese Angebote mit großer Skepsis. Dennoch kann ein Billig-Fahrrad unter bestimmten Bedingungen eine sinnvolle Anschaffung sein.

Was macht die Fahrräder so billig? Woran also wird gespart?

Fahrradfahrer im Gegenlicht

"Gespart wird eigentlich überall," sagt Stephan Behrendt, Technik-Experte des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). "Es werden einfach billigere Teile verbaut. Der Preis richtet sich allerdings nicht nur nach den Materialkosten, sondern auch nach den Serviceleistungen: Montage und Beratung sind ebenfalls wichtige Kostenfaktoren." So sieht es auch der Fahrrad-Sachverständige Dirk Zedler. Für Laien sei das möglicherweise nicht ohne weiteres erkennbar, aber häufig würden Stahl oder Aluminium von schlechter Qualität verwendet. Ist der Stahl oder das Aluminium nicht fest genug, muss dickeres Material eingesetzt werden - und das führt dazu, dass das Fahrrad schwerer wird. "Die Verarbeitung der Bauteile ist darüber hinaus sehr einfach und oft auch unpräzise."

Was sind die typischen Schwachstellen der Fahrräder aus dem Super- oder Baumarkt?

Stichwort Montage: Die Räder im Baumarkt oder im Discounter sind in der Regel nicht fertig montiert. Um möglichst nicht in Haftung genommen zu werden, weisen viele Anbieter ausdrücklich darauf hin, dass das Rad nur vormontiert verkauft wird und eine sachkundige Person die Endmontage übernehmen muss. Viele Schäden lassen sich dann später zumindest theoretisch auf Montagefehler zurückführen, für die der Käufer selbst verantwortlich ist.

Dirk Zedler hält Bremsen und Schaltung für die größten Schwachstellen. "Dies sind die Bauteile, die meist zuerst ausfallen und die Fahrräder daher schnell zu Schrott werden lassen," sagt er. "Sollten Bremsen und Schaltung einigermaßen funktionieren, sind es oft die Laufräder, bei denen die Speichen sehr schnell reißen, wodurch das Laufrad sehr unruhig läuft und in der Regel kaum mehr reparabel ist."

Dass man für Montage oder Reparaturen auf die Hilfe einer Fahrradwerkstatt zurückgreifen kann, ist nach den Worten von Stephan Behrendt nicht selbstverständlich: Es könne durchaus vorkommen, dass eine Werkstatt es ablehne, ein Discounter- oder Baumarkt-Fahrrad zu reparieren. "Das ist nämlich oft ein irre hoher Aufwand." Was unter anderem daran liegt, dass nicht-normierte Teile verbaut sind, die sich nicht ohne weiteres austauschen lassen oder dass sie aus minderwertigem Material und deshalb nur schwer zu reparieren sind. Bei einigen der Billig-Anbieter gibt es allerdings auch einen Reparaturservice.

Sind die Billig-Räder unter bestimmten Bedingungen trotzdem empfehlenswert? Und wenn ja, für wen?

Fahrradnabe und -speichen

Billige Fahrräder haben eine Reihe von Schwachstellen

Eigentlich ist der ADFC der Ansicht, dass man für ein neues Rad um die 500 Euro investieren sollte. "Man muss aber sagen, dass auch die billigeren Fahrräder eine Zeit lang halten können," räumt Technik-Experte Behrendt ein. "Es kommt eben darauf an, wie viel man fährt." Der Fahrrad-Sachverständige Zedler formuliert es so: "Es gibt einige wenige Ausnahmefälle, bei denen die Fahrräder aus Bau- oder Verbrauchermärkten von guter Teilequalität sind. Unter der Voraussetzung, dass man handwerklich sehr versiert ist und das entsprechende Werkzeug vorrätig hat, können solche Fahrräder in einen vernünftigen und betriebssicheren Zustand überführt werden."

Billig-Fahrräder kommen also vor allem für die Techniker unter den Radfahrern in Frage. Denn sonst übersteigen die Kosten für Reparaturen und Ersatzteile bald die Anschaffungskosten. Der Blog "Knetfeder Magazin" hat vor einiger Zeit ein Supermarkt-Fahrrad drei Jahre lang getestet. Bilanz: Es musste im Lauf des Langzeittests zwar einiges ersetzt werden, doch die Gesamtkosten waren immer noch relativ niedrig. Diese Rechnung geht aber eben nur auf, wenn man nicht für jeden Handgriff die Hilfe einer Fahrradwerkstatt benötigt. Ein weiterer Aspekt, der eine Rolle spielen kann: Billige Fahrräder werden seltener geklaut - eignen sich also beispielsweise als Zweitrad für Pendler, die sie regelmäßig an Orten stehen lassen, an denen die Diebstahlgefahr groß ist.

Worauf sollte man beim Kauf achten?

"Häufig sind bei den Billig-Fahrrädern die Bremsen falsch eingestellt, das sollte man auf jeden Fall überprüfen," sagt Stephan Behrendt. "Außerdem müssen natürlich alle Schrauben festgezogen sein." Ein Tipp für die Beleuchtung: "Auch in der untersten Preisklasse werden mittlerweile Nabendynamos und LED-Beleuchtung angeboten. Die fallen sehr viel seltener aus. Darauf sollte man also nicht verzichten." Entscheidend ist auch, dass die Maße wie Rahmengröße oder Sattel-Lenker-Abstand zum Fahrer passen - das sicherzustellen, ist allerdings schwierig, wenn man ein Rad nicht probefahren kann. Und: Häufig werden die Rad-Modelle in Bau- oder Supermärkten auch nur in wenigen Größen angeboten.

Welche Alternativen gibt es, wenn man nicht viel Geld für ein Fahrrad ausgeben will?

Fahrrad-Flohmarkt in Köln

Auf Fahrrad-Flohmärkten bietet sich manche gute Gelegenheit

Stephan Behrendt empfiehlt, alternativ über ein gebrauchtes Rad nachzudenken. "Der ADFC bietet in einigen Orten ja auch eine Kaufberatung an." In größeren Städten könne es sich außerdem lohnen, gezielt in den wohlhabenderen Stadtteilen nach Gebrauchträdern zu suchen: "Da hat man dann Chancen auf hochwertigere Modelle". Und Dirk Zedler hat einen Tipp für alle, die den Frühling und Sommer über noch warten können: "Wer günstig kaufen will, tut das am besten im Herbst und Winter oder im sehr frühen Frühjahr. In diesem Zeitraum werden Fahrräder im Fachhandel sehr preisgünstig veräußert, da die Händler für neue Modelle Platz schaffen wollen."

Stand: 27.04.2016, 11:00