Sind Bio-Lebensmittel gesünder?

Sind Bio-Lebensmittel gesünder?

Von Anke Fricke

Viele Verbraucher greifen zu Obst und Gemüse aus biologischer Landwirtschaft, weil sie ihrem Körper etwas Gutes tun wollen. Immerhin weisen Bio-Produkte geringere Rückstände von Pflanzenschutzmitteln auf. Doch sind sie deswegen gesünder?

Ob die Ökobirne gesünder ist als eine konventionell angebaute, lässt sich nur schwer nachweisen. Für eine aussagekräftige Studie müssten Wissenschaftler Menschen über einen langen Zeitraum beobachten, die sich ausschließlich von Bio-Lebensmitteln ernähren und eine entsprechende Kontrollgruppe finden, die sich unter den gleichen Bedingungen mit denselben konventionellen Lebensmitteln ernährt. Da Menschen aber nicht wie Mäuse in Laboren gehalten werden können, ist ein solcher Nachweis kaum möglich.

Weniger körperliche Beschwerden durch Biokost?

Als positives Beispiel für eine gesundheitsfördernde Wirkung von Biokost gilt ein Versuch in einem Schweizer Kloster, wo die Verpflegung auf Biokost umgestellt wurde. Die Nonnen klagten nach dem vierwöchigen Test über weniger körperliche Beschwerden. Aussagekräftig ist der Feldversuch allerdings nicht, weil zum einen die Anzahl der Probanden zu gering war. Zum anderen wussten die Frauen, dass sie mit Biolebensmitteln bekocht wurden, was das subjektive Empfinden beeinflusst haben könnte.

Worin unterscheidet sich Biogemüse?

"Die Frage ist, wie definiere ich Gesundheit", sagt Ernährungsberaterin Christiane Kunzel von der Verbraucherzentrale NRW. Hinsichtlich der Inhaltsstoffe wie Vitamine und Mineralstoffen kann man zwischen Biogemüse und konventionellen keine Unterschiede ausmachen. Für den Vitamingehalt eines Apfels ist viel entscheidender wo und wann er geerntet wurde als die Anbaumethode.

Allerdings konnte in Bioware ein höherer Anteil an sekundären Pflanzenstoffen nachgewiesen werden. Diese beeinflussen eine Vielzahl von Stoffwechselprozessen im Körper und sollen verschiedene chronische Krankheiten und Alterserscheinungen vorbeugen. Außerdem können sekundäre Pflanzenstoffe das Krebsrisiko reduzieren. "Aber hier sind wir noch ganz am Anfang der Forschung", sagt Kunzel.

Biomilch enthält mehr wünschenswerte Fette

Nahaufnahme einer schnuppernden Holstein-Friesian-Kuh.

Das Futter macht die Milch gesünder

Für Biomilch haben verschiedene Studien gezeigt, dass ökologisch erzeugte Milch einen höheren Omega-3-Fettsäuren-Gehalt hat. Diese Fettsäuren gelten als gesundheitlich besonders wertvoll, weil sie blutdrucksenkend und gefäßschützend bei Arteriosklerose sowie entzündungshemmend bei rheumatischen Erkrankungen wirken. Außerdem sollen sie eine schützende Wirkung bei verschiedenen Krebsarten haben. Diese wünschenswerten Fettsäuren resultieren allerdings aus dem Futter. Daher enthält Heumilch genauso wie Biomilch mehr Omega-3-Fettsäuren.

Mehr Chemie in konventionellem Obst und Gemüse?

Den großen Vorteil von Biowaren sehen Verbraucherschützer in der geringeren Schadstoffbelastung. Biolandwirte unterliegen strengen Auflagen hinsichtlich des Einsatzes von Schädlingsbekämpfungsmitteln, viele Chemikalien sind verboten. Entsprechend finden sich in Bioprodukten seltener Rückstände. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat 2014 bei Obst und Gemüse aus ökologischer Landwirtschaft bei 75 Prozent der Proben keine quantifizierbaren Rückstände von Pestiziden gefunden, während bei allen untersuchten Obst- und Gemüseproben lediglich bei 36 Prozent keine Rückstände nachgewiesen werden konnten.

Welche Produkte sind besonders belastet?

Obst und Gemüse (konventioneller und ökologischer Anbau) mit den meisten Beanstandungen 2014Anteil der Proben mit überschrittenen Grenzwerten in Prozent
Mango5,6
Himbeeren3,9
Brombeeren3,6
Frische Kräuter3,2
Paprika3,0
Kürbis2,8
Kulturpilze2,8
Bohnen (mit Hülsen)2,6
Pfirsiche2,6
Tee2,3
Quelle: BVL, Juni 2016

Bei den Mangos wurden vor allem die Früchte aus Pakistan beanstandet, bei Kräutern kamen die bemängelten Produkte mit überschrittenen Grenzwerten vor allem aus Israel, gefolgt von Italien und Deutschland. Auch Greenpeace ist in der letzten großen Untersuchung von Gemüse und Obst zu dem Ergebnis gekommen, dass die höchsten Grenzüberschreitungen bei Importen aus dem nicht-europäischen Ausland gefunden worden.

Sind Pestizide ungesund?

Landwirt versprüht Pestizid

Wie agieren verschiedene Substanzen?

Laut Greenpeace können manche Pestizide Allergien auslösen, andere haben fruchtbarkeits- oder erbgutschädigende Eigenschaften. Auch Krebs erzeugende Eigenschaften sowie eine Schädigung des Hormonsystems sagt man den Pestiziden nach. Ob von Pestiziden ein gesundheitliches Risiko ausgeht, ist vor allem von der Dosis abhängig. Deshalb sind nach Angaben der Aufsichtsbehörden die zulässigen Grenzwerte für Pestizid-Rückstände in Obst und Gemüsen so gewählt, dass keine gesundheitlichen Einschränkungen möglich sind. "Selbst die Überschreitung eines Höchstwertes bedeutet kein Gesundheitsrisiko", erklärt ein Sprecher vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Auch Georg Wittich, Professor für Lebensmittelwissenschaft der Fachhochschule Niederrhein, sieht selbst bei den immer wieder vorkommenden Fällen der Grenzwertüberschreitung keine direkte Gefahr für die Gesundheit.

Gefährliche Mehrfachbelastung

Sorgen bereitet den Verbraucherschützern die zunehmende Mehrfachbelastung mit Pestiziden. Bei den vom BVL im Jahr 2014 knapp 20.000 untersuchten Lebensmittelproben wurden in rund 40 Prozent mehr als ein Wirkstoffrückstand nachgewiesen. "Wir haben teilweise Waren mit 16 Stoffen, deren Wechselwirkungen nicht bekannt sind", erklärt Stephanie Töwe, Landwirtschaftsexpertin von Greenpeace. Zwar bleibe die einzelne Substanz unter dem zulässigen Höchstwert, aber was der Cocktail bei Mensch und Natur bewirke, sei noch unklar. Denkbar ist, dass sie sich in ihrer Wirkung nicht nur addieren, sondern verstärken. Das würde bedeuten, dass ganz neue Sicherheitsbewertungen vorgenommen werden müssten.

Empfehlungen von Greenpeace

1) Bioware kaufen - hier sind giftige Rückstände die Ausnahme
2) Fruchtsorte und Herkunfsland beachtet - möglichst saisonal und regional kaufen
3) Erntezeitpunkt beachten - viele Sorten wie Paprika und Tomaten enthalten am Anfang der Ernteperiode mehr Pestizide
4) Obst und Gemüse unter laufwarmen, fließendem Wasser abwaschen - damit lässt sich zumindest ein Teil der Pestizide beseitigen

Bio ist gut für die Umwelt

Auch wenn sich nicht nachweisen lässt, dass Biolebensmittel gesünder sind, sind sie dennoch für Greenpeace die erste Wahl. "Es geht auch um die Gesundheitsgefährdung während der Produktion", erklärt Töwe. Selbst wenn auf den Produkten nachher kaum Rückstände nachweisbar seien, so könnten beim konventionellen Anbau Schadstoffe ins Grundwasser gelangen und führten so zu einer Gesundheitsgefährdung. "Auch Glyphosat wird nicht bei Produkten nachgewiesen, aber wir haben es alle in unseren Körper aus verschiedenen Quellen in der Umwelt", argumentiert Töwe für die Bioprodukte.

Hauptsache viel Obst und Gemüse

Dagegen schenken Ernährungsberater der Frage, ob Bio gesünder ist oder nicht, weniger Bedeutung. "Man kann sich sowohl mit Öko- als auch konventionellen Lebensmitteln ausgewogen und vollwertig ernähren", sagt Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Eine offizielle Empfehlung zu Bioprodukten gibt es von der DGE nicht. Auch für die Ernährungsberaterin der Verbraucherzentrale ist vor allem wichtig, dass viel Gemüse und Obst gegessen wird. "Erst dann sollte ich aus gesundheitlicher Sicht darauf achten, woher meine Lebensmittel kommen", erklärt Kunzel.

Stand: 01.12.2016, 10:00