Zehn Jahre Twitter: "2016 wird ein Schicksalsjahr"

Twitter, Logo, iPhone

Zehn Jahre Twitter: "2016 wird ein Schicksalsjahr"

Twitter wird am Montag (21.03.2016) 10 Jahre alt. Ein Grund zum Feiern? Weltweit stagnieren die Nutzerzahlen. Deutschland wurde ohnehin nie richtig warm mit dem Dienst. Und Multimedia-Experte und Digitalistan-Blogger Dennis Horn sagt Twitter im Interview ein "Schicksalsjahr" voraus.

Herr Horn, wenn Sie jemanden, der mit Twitter noch nichts zu tun hatte, den Dienst erklären müssten - wie würden Sie das tun?

Dennis Horn: Twitter ist ein Nachrichtenticker. Das heißt: Medien oder auch andere Leute senden kurze Informationen raus. Der User kann sich aussuchen, wem er folgen will. Zusätzlich kann man auch miteinander kommunizieren. Im Grunde ist es wie Facebook - nur in kurz.

Würden Sie jemandem, der noch nicht bei Twitter ist, momentan empfehlen, sich dort anzumelden?

Dennis Horn

Multimedia-Experte Dennis Horn

Horn: Nein! Und das ist eine bittere Erkenntnis. Twitter hat dieses Jahr so etwas wie ein Schicksalsjahr vor sich, weil sie sich zwischen zwei Nutzergruppen entscheiden müssen: einerseits den Kernnutzern, also einer sehr speziellen, hoch engagierten Gruppe, die Twitter dafür schätzt, dass der Dienst sehr meinungsstark ist. Und andererseits dem Mainstream. Die Frage dabei ist: Wird Twitter das schaffen? Die Konkurrenz ist enorm: Facebook wird sehr viel aktueller, richtet sich viel mehr Richtung Echtzeit aus, und auch Snapchat ist eine riesige Konkurrenz, die von unten aus den jungen Nutzergruppen kommt.

Twitter hat einige Änderungen angekündigt, Stichwort: Timeline und Algorithmus. Außerdem hieß es zwischenzeitlich, die Zeichenzahl solle erweitert werden ...

Horn: Das war die Befürchtung vieler, ja. Was Jack Dorsey (Twitter-CEO, Anm. d. Redaktion) angekündigt hat, ist etwas, das wir von Facebook schon kennen, nämlich eine Möglichkeit, lange Inhalte zu posten. Dorseys Ankündigung wurde so interpretiert, dass man bald 10.000 Zeichen posten kann. In Wirklichkeit ist es wohl so, dass die Zeichenbegrenzung weiter bei 140 Zeichen liegen wird - das hat Dorsey gerade in einem Interview in den USA noch einmal bestätigt - man aber zusätzlich lange Inhalte anhängen kann. Das wird dem Dienst nicht so sehr schaden wie andere Dinge, die sie vor sich haben.

Welche Dinge meinen Sie?

Horn: Zentral ist der neue Algorithmus, der bereits eingeführt wurde und ähnlich wie Facebook funktioniert, also nicht mehr chronologisch sortiert. Dafür hat Twitter bereits einen großen Proteststurm geerntet. Trotzdem werden sie wohl daran festhalten und ihn zunächst eher zögerlich, dann aber immer stärker weiterentwickeln. Außerdem weiß man auch, dass in der Zentrale von Twitter diskutiert wird, das System des Hashtags abzuschaffen. Das ist eigentlich paradox, weil er bei Twitter ja quasi erfunden wurde. Er steht aber tatsächlich zur Disposition, weil er vielen Leuten, die sich das erste Mal bei Twitter anmelden, kryptisch erscheint. Und was uns auch vielleicht noch bevorstehen wird, ist eine sehr tiefgreifende optische Überarbeitung, auch um Nutzern entgegen zu kommen und es ein bisschen einfacher zu machen.

Klingt alles nach Diensten wie Facebook. Hat Twitter dann überhaupt noch ein Alleinstellungsmerkmal?

Horn: Also, im Moment haben sie es noch. Ich würde ihr Alleinstellungsmerkmal nicht alleine auf die 140 Zeichen beschränkt sehen, sondern für mich gehört auch die Echtzeitbegleitung dazu. Mit dem, was sie anstreben, sehe ich das aber gefährdet.

Aber irgendwie muss Twitter reagieren. Die User-Zahlen stagnieren, nach letzten Erhebungen knapp über 300 Millionen weltweit.

Horn: Grundsätzlich würde ich die aktuellen Entscheidungen von Twitter nicht verteufeln, es kann auch sein, dass sie sehr gut sind und zum Beispiel dazu führen, dass große Accounts von Medien oder irgendwelchen Stars ihre Inhalte noch besser verteilen können. Aber meines Erachtens spielt Twitter mit dem Feuer.

Was wurde bei Twitter in der Vergangenheit unternehmerisch falsch gemacht?

Horn: Der Dienst hat einfach schwierige Voraussetzungen. Wo Google und Facebook aus sehr verschiedenen Lebensbereichen von uns sehr qualifizierbare Informationen schöpfen - Facebook unter anderem durch Gefällt-mir-Klicks, Google zum Beispiel durch Dateien, die wir ablegen - kann Twitter auf solche Dinge nicht so richtig zurückgreifen. Twitter hat eigentlich nur Text - und vielleicht Aufenthaltsorte. Daraus lässt sich, wenn man sich an heutigen Geschäftsmodellen orientiert, sehr schwer ein verlässliches Datenset über mich als Nutzer erstellen. Und ich glaube, das ist das Problem: Wie monetarisiert man das, was Twitter liefert? Klar: Werbung geht immer. Aber Werbekunden gehen natürlich eher zu Facebook als zu Twitter, weil deren Reichweite wesentlich höher ist.

Liegt es nur am unzureichenden Datenset, dass Twitter kriselt, oder gibt es noch andere Gründe?

Horn: Es kann sein, dass man sich bei Twitter auch über andere Monetarisierungen zu wenig Gedanken gemacht hat. Das beste Beispiel, wie man es besser machen kann, liefert Snapchat. Snapchat hat tolle Bildbearbeitungsfunktionen, und wenn ich bestimmte Filter drüberlegen will, muss ich dafür zahlen. Solche In-App-Käufe finden bei Twitter überhaupt nicht statt.

In Deutschland ist Facebook ein Massenmedium und Twitter eher die Nische. Warum fremdeln besonders die Deutschen mit Twitter?

Horn: Ich glaube, ein zentraler Grund liegt nicht an Twitter selbst, sondern am allgemeinen Zögern, das hier in Deutschland herrscht, wenn es um neue Techniken geht. Um uns herum in Europa - Frankreich oder Großbritannien - wird wesentlich intensiver getwittert. In Deutschland gefällt das eher nur einer kleinen digitalen Elite.

In Deutschland herrscht also Technikskepsis?

Horn: Ja. das wird befeuert durch Datenschutzdiskussionen oder Privatsphärediskussionen, die wir in dieser Heftigkeit in keinem anderen Land haben. Auch deswegen sind viele zögerlich in der Adaption neuer Techniken. Das sehen wir nicht nur bei Sozialen Netzwerken, sondern auch an der Infrastruktur, die das gesamte Internet in Deutschland hat und die wahnsinnig schlecht ist verglichen mit anderen Ländern.

Aber gerade in puncto Datenschutz steht Facebook eher in der Kritik als Twitter. Warum macht sich das dann nicht an den Userzahlen bemerkbar?

Horn: Gruppendruck könnte einer der Gründe sein. Wir sehen ja, dass sich über Facebook ein großer Teil des öffentlichen Lebens organisiert, es gibt Gruppen für einzelne Abteilungen, Firmen, für Sportvereine, Hausarbeiten an der Uni - das trägt dazu bei, dass eine Art Gruppenzwang entsteht. Den gibt's bei Twitter so nicht.

Was macht Twitter besser als FB?

Horn: Für den Durchschnittsnutzer macht Twitter im Moment nichts besser. Für den Mainstream ist Twitter ganz einfach nur ein Problem. Die Anmeldung ist einfach, aber dann wirst Du das erste Mal in Deine Timeline entlassen, und Du stehst da wie der Ochs vorm Berg. Deswegen hat Twitter ein Riesen-Problem mit Karteileichen vom Moment der Anmeldung an. Aber Twitter bedient die hochengagierten Profinutzer tatsächlich besser als Facebook. Die Mächtigkeit, die Funktionen wie Hashtags haben, um öffentliche Diskurse zu sortieren und Multiplikatoren in den Medien anzusprechen, sind wichtige Faktoren.

Periscope, der Livestreaming-Dienst von Twitter, war im vergangenen Jahr ein kurzer Lichtblick. Aber auch hier scheint Facebook gerade zu überholen.

Horn: Periscope ist eigentlich super, auch von der Technologie her. Das Problem ist: Man hat mit Twitter keine Reichweite. Warum soll jemand, der einen Livestream aussendet, in ein Netzwerk gehen, mit dem er kaum Leute erreicht? Wenn gleichzeitig Facebook, als Netzwerk, mit dem man so viele Leute erreicht wie sonst nirgends, auch eine Livestream-Funktion anbietet? Je mehr sich Twitter Facebook angleicht, was in Teilen gerade passiert, desto gefährlicher sind Funktionen, die Facebook einfach übernimmt.

Wenn Sie sich persönlich zwischen Facebook und Twitter entscheiden müssten, wo würden Sie ihren Account abmelden?

Horn: Mittlerweile auf Twitter, und ich hätte diese Frage vor ein, zwei Jahren vielleicht noch anders beantwortet. Aber wegen der bereits angesprochenen Änderungen bin ich bei Facebook mittlerweile ein zufriedenerer Nutzer.

Das Gespräch führte Sven Gantzkow.

Stand: 21.03.2016, 00:01