Was taugen Kontroll-Apps für die Sicherheit von Kindern?

Was taugen Kontroll-Apps für die Sicherheit von Kindern?

Von Katharina Gödde

Standort bestimmen, Kommunikation durchstöbern oder Funktionen sperren: Mit speziellen Apps können Eltern ihren Nachwuchs per Handy kontrollieren und orten. Die Anbieter versprechen Sicherheit, Kinderschutzbund und Datenschützer warnen vor ihrem Einsatz zur Überwachung.

Eltern wollen für ihre Kinder nur das Beste: Sicherheit, Schutz vor Kriminellen, vor schädlichen Einflüssen im Internet und vor den Folgen übermäßiger Handynutzung. Aus Sorge verwenden immer mehr Eltern sogenannte "Parental Control"-Apps. Sobald diese auf beiden Geräten installiert sind, haben die Eltern virtuell Zugriff auf das Handy des Kindes.

Unterschiedliche Überwachungsfunktionen

Manche Anbieter spezialisieren sich auf die GPS-Ortung, andere auf das Verhalten im Straßenverkehr und viele bieten sogar ein Rundum-Paket an. Folgende Funktionen können Überwachungs-Apps haben:

  • Standortkontrolle und "Geozaun": Sogenannte Tracking-Apps senden automatisch die GPS-Koordinaten der Kinderhandys an die gekoppelten Elterngeräte. Neben der reinen Ortung gibt es bei vielen digitalen Spionen mit Namen wie Pocket Nanny, iNanny, Little Nanny, Family Tracker oder Footprints die sogenannte „Geozaun“-Funktion: Bestimmte Orte werden per GPS definiert. Entfernt sich das Kind aus seinem gewohnten Umfeld, erscheint es nicht rechtzeitig in der Schule oder beim Fußballtraining, bewegt es sich zu langsam oder schnell, schlägt die App Alarm. Kindern, die noch kein Smartphone haben, kann ein GPS-Tracker namens "Wo ist Lilly" in Form einer Kinderuhr umgebunden werden. Auch dieser Tracker sendet Position und Hinweise ans Smartphone der Eltern senden kann, wenn das Kind einen bestimmten Ort oder Bereich verlässt. Zusätzlich können die Eltern das Kind über ein eingebautes Mikrofon abhören.
  • Überwachung im Straßenverkehr:  Einige Apps wie beispielsweise Canary zeichnen das Fahrverhalten des Nachwuchses auf. Sind die Kinder zu schnell unterwegs oder halten sich nicht an die Verkehrsregeln, bekommen die Eltern eine Benachrichtigung. Zudem wird eine alltägliche Fahrauswertung per E-Mail versendet. Beim Mobile Guardian können Eltern die SMS-Funktion der Handys während Autofahrten sperren.
  • Kontakt erzwingen durch Handysperre: Wenn die Kinder auf Nachrichten nicht reagieren oder elterliche Anrufe weg drücken, können Eltern mit der App Ignore no more fast alle Funktionen des Kinderhandys deaktivieren. Erst nach einem Rückruf erhalten die Kinder ein Passwort und können das Gerät wieder entsperren.  
  • Überwachung der Internetaktivität: Viele Apps kontrollieren nicht nur die virtuellen Orte, an denen sich die Kinder aufhalten. Sie überwachen auch die Art und Weise, wie sie sich im Internet bewegen. So schickt die App Mama Bear eine Benachrichtigung an die gekoppelten Elterngeräte, sobald der Zögling bestimmte, zuvor festgelegte verbotene Worte benutzt. Viele Apps wie Net Nanny, My Mobile Watchdog oder Qustodio bieten eine Auswertung des Surfverhaltens und die Möglichkeit, Inhalte zu filtern, Zeitlimits zu setzen, Apps zu überwachen oder ganz zu blockieren, SMS und Chats mitzulesen, die sozialen Netzwerke zu überwachen und unerwünschte Kontakte zu sperren. Bei Qustodio sorgt außerdem der "Unsichtbar-Modus" dafür, dass das Kind die Kontrolle möglicherweise gar nicht bemerkt.

Trügerische Sicherheit – schädliche Atmosphäre der Angst

Smartphone-Ortung

Die ständige virtuelle Begleitung der Kinder bietet nur vermeintlich Sicherheit.

Anbieter von Ortungs-Apps appellieren an die Urangst der Eltern, ihre Kinder könnten entführt oder von Sexualtätern misshandelt werden. Kriminologen geben aber zu bedenken, dass gerade bei Kindesmissbrauch die Täter in den meisten Fällen aus dem Umfeld der Opfer stammen. Auch bei Entführungen sei die Sicherheit trügerisch, weil Täter die Geräte entsorgen könnten. Die Kinder sollten also besser zu selbstständigen Persönlichkeiten erzogen werden, die nicht mit Fremden mitgehen und die wissen, dass sie sich an bestimmte Regeln halten müssen. Auch nach Ansicht des Kinderschutzbundes tragen solche Apps nicht zur Sicherheit bei, sondern erzeugen im Gegenteil eine Atmosphäre der Angst. Demnach vermitteln Eltern ihren Kindern damit das Gefühl, in einer besonders gefährlichen Welt zu leben, die ständige Kontrolle erfordert – was nicht der Realität entspricht.

Gefahr des Missbrauchs

Datenschützer warnen zudem vor allzu großer Naivität im Umgang mit der Ortungstechnik, da die Informationen auch in falsche Hände geraten können. Als absolutes No-Go gelten unter Experten Programme, die auch live die Übertragung von Ton- und Bildaufnahmen ermöglichen. Außerdem kritisieren Datenschützer, es werde schleichend eine Überwachungsstruktur geschaffen.

Störung der Eltern-Kind-Beziehung und der kindlichen Entwicklung

Eine Tochter wendet sich von ihren Eltern ab

Ständige Überwachung führt zu gegenseitigem Misstrauen.

Laut Kinderschutzbund beschädigen Überwachungs-Apps massiv das Vertrauen in den Eltern-Kind-Beziehungen. Außerdem steht eine ständige Überwachung im Widerspruch dazu, dass Kindern und Jugendlichen immer mehr Eigenverantwortlichkeit und vorausschauendes Handeln abverlangt wird. Das ständige Beschützen durch sogenannte Helikopter-Eltern erschwert es dem Nachwuchs, irgendwann ohne Schutzschirm voll Selbstvertrauen durchs Leben zu gehen. Um ein starkes Selbstbewusstsein zu entwickeln, brauchen Kinder Privatsphäre, unkontrollierte Freiräume und die Chance, unbeobachtet Fehler zu machen, die sie selbst wieder ausbügeln. Aber auch viele Eltern empfinden es als Druck, das Kind ständig überwachen zu müssen, um seine Sicherheit zu gewährleisten.

Persönlicher Kontakt statt Kontroll-Technik 

Experten raten überwiegend von sogenannten Parent-Control-Apps ab – zumal Kinder spätestens im Teenager-Alter kreative Lösungen fänden, um sich der Kontrolle der Eltern zu entziehen. Insofern lautet der Rat, auf Augenhöhe mit den Kindern zu sprechen, heikle Situationen, wie sie auch im Internet auftreten können, zu trainieren und die Kinder zu begleiten. So bekommen Eltern in der Regel mit, wenn sich etwas verändert oder nicht in Ordnung ist. Schwierigkeiten in der Erziehung lassen sich mit Technik nicht kompensieren.

Stand: 16.08.2017, 11:39