Digitalminister - Twitter ja, Dialog nein

Tweets unbeantwortet

Digitalminister - Twitter ja, Dialog nein

Von Peter Herrlich

  • WDR-Experiment: Wie ernst nehmen Minister den Dialog via Twitter?
  • Anlass ist das Treffen der G20-Digitalminister in Düsseldorf
  • Im Test gab es keine einzige Antwort auf unsere User-Fragen
  • Twitter-Experte: "Das Ergebnis ist enttäuschend"

Ab Donnerstag (06.04.2017) treffen sich die Digitalminister der 20 größten Industrienationen in Düsseldorf, um über "Politik für eine digitale Zukunft" zu sprechen.

Das Experiment

Aus diesem Anlass haben wir ein Experiment gestartet: Wie fit sind die Digitalminister in Twitter? Zunächst haben wir einen Aufruf bei Twitter gestartet, uns Fragen an die Digitalminister zu schicken.

Vier User-Fragen haben wir schließlich per Twitter weitergeleitet – an sieben internationale Minister, in deren Zuständigkeitsbereich das Digitale fällt:

  • Brigitte Zypries (@brigittezypries), Bundeswirtschaftsministerin
  • Andrus Ansip (@Ansip_EU), EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft
  • Matt Hancock (@MattHancockMP), britischer Staatsminister für Digitales und Kultur
  • Wilbur Ross (@SecretaryRoss), US-Wirtschaftsminister
  • Nikolay Nikiforov (@nnikiforov), russischer Minister für Massenkommunikation (u.a.)
  • Ravi Shankar Prasad (@rsprasad), indischer Minister für Informationstechnologie (u.a.)
  • Gilberto Kassab (@gilbertokassab), brasilianischer Minister für Kommunikation (u.a.)

Die Fragen haben wir am 3. April gegen 16 Uhr vom WDR-Account (@WDR) mit Tweets direkt an die ausgewählten Minister gesendet. Inklusive einer Begrüßung bekam jede Ministerin bzw. jeder Minister insgesamt fünf Tweets. Brigitte Zypries wurde auf Deutsch angesprochen, alle übrigen in englischer Sprache, was im politischen Geschäft kein Problem darstellen sollte.

Die Minister-Accounts sind relativ aktuell und regelmäßig bestückt. Sechs der sieben ausgewählten Twitter-Profile sind sogenannte verifizierte Accounts. Der Mikroblogging-Dienst vergibt einen kleinen weißen Haken auf blauem Grund an Accounts "von öffentlichem Interesse" und bestätigt mit diesem Siegel, dass das jeweilige Profil "authentisch" ist.

Der Account des russischen Ministers Nikolay Nikiforov trägt den Twitter-Haken zwar nicht. Laut Ministeriums-Website gehört dieses auf Kyrillisch betriebene Profil aber zu Nikiforov, es ist also offenbar auch authentisch. Auch der Kreml (@KremlinRussia) hat @nnikiforov schon erwähnt.

Das Ergebnis

Mittwochmittag. Nach etwa zwei Tagen hat noch kein Minister auf die Tweets reagiert – ein eher peinliches Ergebnis. "Das ist definitiv enttäuschend", sagt der Blogger und Politikberater Martin Fuchs auf WDR-Anfrage. "Das Ergebnis überrascht mich. Ich dachte, da wäre die internationale Politik weiter", so der Betreiber des Blogs "Hamburger Wahlbeobachter".

"Wer in zwei Tagen nicht antwortet, hat die Logik von Twitter nicht verstanden", sagt Fuchs, der Politiker und Institutionen in der digitalen Kommunikation berät. Die "Dialogkultur" sei wesentlicher Bestandteil von Twitter. "Und die Dialogkultur wird bei diesen Accounts offenbar nicht gelebt." Der Experte spricht von "Alibi-Accounts". "Gerade von Digitalministern würde man sich eine Vorreiterrolle wünschen."

Als er den Empfängerkreis hört, hakt Fuchs ein: "Brigitte Zypries hat mir gerade vor zehn Minuten auf einen Tweet geantwortet." Auch persönliche Profile würden häufig von Teams betreut, erklärt der Experte. Die WDR-Tweets mit den User-Fragen seien offensichtlich als unwichtig eingestuft worden, möglicherweise weil es sich um internationale Fragen handelt.

"Reine Sendestation"

Aber wozu haben die Minister dann Twitter-Accounts, wenn sie den Dialog nur gelegentlich ernst nehmen? "Das ist eine reine Sendestation, zum Beispiel für Pressemitteilungen", sagt Fuchs. "Das hat mit der Logik von Twitter aber nichts zu tun."

Anmerkung: Der WDR hatte ursprünglich auch Axelle Lemaire aus Frankreich angetwittert. Sie ist allerdings seit Ende Februar 2017 nicht mehr Digitalministerin, deswegen taucht sie in diesem Bericht nicht auf. Sie hat auf die WDR-Anfrage auch nicht geantwortet.

Stand: 05.04.2017, 14:30