Big Brother Awards für Datenkraken verliehen

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Big Brother Awards für Datenkraken verliehen

Verfassungsschutz und Berliner Verkehrsbetriebe, IBM, eine Versicherung und eine Online-Plattform: Sie gehen miserabel mit Daten um, meint Digitalcourage. Der Bielefelder Verein hat ihnen am Freitag (22.04.2016) einen Big-Brother-Award verliehen. Sogar einer der "Preisträger" war vor Ort.

Die 16. Gala zur Verleihung der "BigBrotherAwards" bot eine Besonderheit. Gregor Hackmack, Deutschlandchef von Change.org, nahm den Negativpreis für sein Unternehmen persönlich entgegen. Normalerweise lässt sich keiner der gescholtenen Ausgezeichneten vom Publikum feiern. Wen wundert es, dass sie fern bleiben? Denn die Firmen machen Umsatz mit den Daten ihrer Kunden und selbst öffentliche Verwaltung und Politik sammeln alles, was sie über die Bürger speichern können. Digitalcourage kritisiert die widerrechtliche Nutzung von Daten, das Überwachen von Mitarbeitern oder Aushorchen von Versicherten.

Gegen die Daten-Sammelwut

Skulptur des Big-Brother-Awards

Der BigBrotherAward des Vereins Digitalcourage

Preisträger IBM entwickele jetzt ein betriebsinternes soziales Netzwerk, erklärt Jury-Mitglied Rena Tangens. Wer daran teilnimmt und häufig darin mit E-Mails und Likes kommuniziert, also etwas über sich preisgibt, sammelt Pluspunkte, erhöht seinen Social Score. Aber das Unternehmen gebe damit falsche Anreize. Die Datenschutz-Aktivistin sieht die Gefahr von Mobbing und Druck. Die Beschäftigten seien gezwungen, sich möglichst gut darzustellen. Deshalb bekommt IBM in diesem Jahr einen Big-Brother-Preis.

Datenschützer padeluun

Datenschützer padeluun

Drei weitere Datenkraken gehören 2016 ebenfalls in die Kategorie Wirtschaft. So verspreche die Generali-Versicherung ihren Kunden Bonuspunkte, wenn sie Daten über Fitness und Einkaufsverhalten mitteilen, sagt der Bielefelder Künstler padeluun: "Was hier passiert, ist eine weitere Gewöhnung an Überwachung – unter dem vermeintlichen Hinweis, dass man etwas billiger bekommt." Unter dem Strich aber wird der Kunde nur beschäftigt und stärker an die Versicherung gebunden. Es Sei letztendlich nur Marketing, warnt padeluun.

Gut überwacht mit den BVG durch Berlin

Gregor Hackmack, Deutschlandchef von change.org

Gregor Hackmack, Deutschlandchef von change.org

Wie sich die Berliner mit Bus und Bahn durch ihre Stadt bewegen, registrieren die Berliner Verkehrsbetriebe, beklagt die Jury des Big-Brother-Award. Sie sammelten mit einer neuen elektronischen Fahrkarte das Fahrverhalten ihrer Kunden. Alle Verkehrsunternehmen sollten besser herausfinden, wie man einen fahrscheinlosen ÖPNV einführen kann. Ganz perfide aber fand die Jury das Auftreten der Internet-Plattform Change.org. Sie komme alternativ daher, sammle Unterschriften für Umwelt- oder soziale Anliegen, sei aber ein ganz normales Unternehmen in den USA. Man gebe Daten der Kunden auch an andere weiter, kritisiert Rena Tangens. Change.org sei mitnichten eine gemeinnützige Bürgerbewegung, wie das Suffix "org" suggeriere.

Ein Preis für den Verfassungsschutz

 Rena Tangens

Netzaktivistin Rena Tangens

Den fünften Big-Brother-Award erhält in diesem Jahr schließlich der Verfassungsschutz – für seine Lebensleistung. Im 65. Jahr seines Bestehens bekomme er den Datenschutz-Negativpreis "für ein unkontrolliertes V-Leute-System, für die heillose Verflechtung mit der Neonazi-Szene und die Vertuschung illegaler Praktiken".

"Oscar für Datenkraken"

Die französische Tageszeitung "Le Monde" hat die "BigBrotherAwards" als "Oscars für Datenkraken" bezeichnet. Die Preisvergabe ist ein internationales Projekt: In bisher 19 Ländern wurden fragwürdige Praktiken mit diesen Preisen ausgezeichnet.

In der deutschen Jury sind Vertreter der unabhängigen Organisationen Digitalcourage e.V. (ehemals FoeBuD e.V.), Deutsche Vereinigung für Datenschutz (DVD), Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF), Förderverein Informationstechnik und Gesellschaft (Fitug), Chaos Computer Club (CCC), Humanistische Union (HU) und die Internationale Liga für Menschenrechte (ILMR).

Stand: 22.04.2016, 18:52