Anti-Kriegs-Spiele: Eine seltene Gattung

Eine Spielszene aus "This War of Mine"

Anti-Kriegs-Spiele: Eine seltene Gattung

Von Tobias Nowak

  • Anti-Kriegs-Spiele sind selten in der martialischen Szene
  • Ausnahmen: "This War of Mine", "Spec Ops: The Line", "Defcon: Everybody Dies"
  • Gewalt kann abschrecken , wenn sie abstrakt oder eindrücklich genug ist

Vor kurzem ist eine Erweiterung herausgekommen für das 2015 mit vielen Preisen ausgezeichnete Anti-Kriegs-Spiel "This War of Mine": "The Little Ones" stellt das Schicksal von Kindern in Kriegsgebieten ins Zentrum der Geschichte. Das Spielerlebnis ist erschütternd und lässt die allabendlichen Nachrichtenbilder zerstörter Straßenzüge in syrischen Städten lebendig werden: Wie lebt, wie überlebt man in solcher Umgebung? Die Ausgangssituation ist einfach: Ein halb zerstörtes Haus, kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Medizin, aber drei Erwachsene und ein Kind harren hungrig aus. In "This War of Mine" kämpft der Spieler ums Überleben dieser Menschen in einer kriegsversehrten Stadt, aber nicht mit Waffen, sondern indem man z.B. Ruinen plündert, mit anderen Flüchtlingen handelt oder hilflose Mitmenschen ausraubt − stets darauf bedacht, keine Verletzungen zu riskieren, denn Verbandszeug ist sehr selten. Die Spiele-Erweiterung "The Little Ones" bringt nun auch Kinder ins Spiel − Kinder, die sich genau unter diesen Rahmenbedingungen langweilen, Dummheiten anstellen, depressiv oder krank werden und den Spieler damit vor neue Herausforderungen stellen.

Schießereien sind eine ideale Spielmechanik

Eine Spielszene aus "This War of Mine"

Die Spielfigur Katja aus "This War of Mine" kampft ums Überleben

Angesichts der martialischen und heroischen Kriegs-Szenarien, die in Computerspielen üblich und verbreitet sind, stellen wahrheitsgetreuere Anti-Kriegs-Spiele eine Seltenheit dar. Verständlich ist das schon, denn die Grausamkeit des Krieges kann − wenn nicht abstrahiert, gestylt, oder kaschiert – keinen Spaß machen. Aber Spaß erwarten die meisten Menschen von Games. Dennoch: So wie Literatur sich häufig auf aufklärerische Art mit Krieg befasst, können das auch Spiele tun.

Natürlich sind Schießereien als Spielmechanik äußerst interessant – weshalb Schneeballschlachten auch von Pazifisten gerne ausgefochten werden. Und ganze Bürogemeinschaften haben mit größtem Vergnügen Moorhühner abgeschossen. Aber die grausamen Konsequenzen kriegerischer Schusswechsel werden dem Gamer in der Regel vorenthalten.

Scala Netzkultur - Anti-Kriegsspiele

WDR 5 Scala - Netzkultur | 04.03.2016 | 07:05 Min.

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"Spec Ops: The Line" schockiert mit drastischen Bildern

Eine Spielszene aus "Spec Ops: The Line"

"Spec Ops: The Line" versucht zum Nachdenken anzuregen

Doch es geht auch anders, wie zum Beispiel das vielfach preisgekrönte Spiel "Spec Ops: The Line" aus der deutschen Spieleschmiede Yager in Berlin zeigt. "Spec Ops" wirkt auf den ertsen Blick wie fast alle, heute modernen, auf Hochglanz polierten, fotorealistisch aussehenden, waffenstarrenden Blockbuster-Shooter à la "Call of Duty" oder "Battlefield". Aber innerhalb weniger Minuten wird deutlich, dass die drastischen Bilder in "Spec Ops: The Line" keinen Platz für Kriegsromantik lassen. − Macht das diesen Titel zum Anti-Kriegs-Spiel? Yager-Geschäftsführer Timo Ullmann zeigt sich auf dem Youtube-Kanal Wartime Dignity unideologisch: "Ich weiß nicht, ob es Antikriegsspiele überhaupt gibt. Jedenfalls war es unsere Absicht, das Genre der Militärspiele in eine neue Richtung zu führen. Wir wollten nicht diesen Hurra-patriotischen Weg einschlagen – der ja schon ausgetreten ist –, sondern wollten in diesem Genre etwas Neues liefern und eine Geschichte erzählen, die den Spieler auch psychologisch und emotional auch sehr stark packt".

Und das tut sie, die Geschichte: Einen packen und ordentlich durchschütteln. Die Bilder sind so schlimm wie das, was uns die Nachrichten jeden Abend nicht mehr zeigen. Die extremen Darstellungen der Folgen militärischer Gewalt – also nicht nur des Moments der Wirkung − sorgten dafür, dass "Spec Ops" erst ab 18 Jahre erhältlich ist.

"Defcon: Everybody Dies": Die Abstraktion kriegerischer Zerstörung

Den entgegengesetzten Weg, nämlich den der maximalen Abstraktion, geht "Defcon: Everybody Dies". Auch dieses Spiel – inzwischen zehn Jahre alt, aber konzeptionell weiterhin höchst elegant − problematisiert Krieg und instrumentalisiert ihn nicht nur. Dieses kleine Indie-Game ist ein transmediales Produkt. Der Film: "War Games" aus dem Jahr 1983 dient als Vorlage. In "War Games" hackt sich der blutjunge Matthew Broderick als Computer-Freak – ohne es zu wissen – in den Rechner des US-amerikanischen Atom-Verteidigungskommandos. Online spielt der Junge nun mit seinem "Spielpartner" das Spiel "Thermonuklearer Krieg". Die Moral des Films lieferte am Ende der Supercomputer: "Ein seltsames Spiel. Der einzig gewinnbringende Zug ist, nicht zu spielen."

Eine Spielszene aus "Defcon: Everybody Dies"

Im Strategiespiel "Defcon: Everybody Dies" ist das Ende der Welt unausweichlich

"Defcon" ist dem Spiel aus dem Film nicht nur inhaltlich, sondern auch äußerlich nachempfunden: Die Spieloberfläche ist ein nur noch aus Gittergrafik bestehender Globus, mit Symbolen für Atom-U-Boote, Abschlusssilos und Großstädte. Gestartete Atomraketen werden als dünne, leuchtende Linien angezeigt, die sich langsam über den Globus bewegen. Nukleare Explosionen sind nur noch ein kurzes weißes Aufflackern, gefolgt von der Millionen-Zahl der jeweiligen Opfer.

Und das Ziel des Spiels? Wie der Titel schon sagt, "everybody dies", denn gewonnen hat der, der die wenigsten Todesopfer zu beklagen hat. Der Spieler führt Krieg – und löscht die Menschheit aus. Medienspielpädagoge Horst Pohlmann von der Akademie Remscheid hat beobachtet, dass das Spiel trotz seiner Nüchternheit tief berührt: "Abermillionen von Zivilbevölkerung im Spiel erledigen zu müssen, das ist tatsächlich auch ein Tabuthema unter Gamern und hat bei uns – also wir haben es mit Jugendlichen einige Male ausprobiert – dafür gesorgt, dass die Gamer sich wirklich völlig irritiert über den Spielinhalt geäußert haben."

Das "Zivilisationsproblem Krieg" im Computerspiel

Eine Spielszene aus "This War of Mine"

Charakterprotrait von Sergej aus dem Spiel "This War of Mine"

Die extreme Abstraktion von "Defcon" verstärkt also die Wahrnehmung des ethischen Problems und menschlichen Leidens im Krieg. "Spec Ops" hingegen schockiert Spieler mit den grausamen Ergebnissen militärischer Konflikte. Und "This War of Mine" bringt den Spieler an die Quellen der heutigen Flüchtlingsströme aus Kriegsgebieten.

Digitale Kriegsspiele können sich also, entgegen verbreiteter Meinung, durchaus auch inhaltlich mit dem "Zivilisationsproblem" Krieg befassen, anstatt ihn nur als Blaupause für Konfliktmodelle und Kampfmechaniken zu nutzen.

Stand: 04.03.2016, 12:50