Zweite Arztmeinung als Selbstverständlichkeit

Zweite Arztmeinung als Selbstverständlichkeit

Von Inga Thiede

Wenn ein Arzt zur Operation rät, rätselt der Patient: Ist der Eingriff nötig oder sind wirtschaftliche Interessen im Spiel? Eine zweite ärztliche Meinung kann Aufschluss geben.

Muss ich mit der Bandscheibe wirklich unters Messer, ist ein künstliches Kniegelenk wirklich die beste Lösung? Ärzte müssen vor bestimmten Operationen ab sofort darauf hinweisen, dass Patienten eine sogenannten „Zweitmeinung" einholen können. Die Krankenkassen müssen die Begutachtung durch einen zweiten Arzt bezahlen. So steht es im Versorgungsstärkungsgesetz.

Servicezeit vom 07.01.2016

Was klingt, als würde es hohe Kosten verursachen, soll im Gegenteil Kosten sparen. Politik und Krankenkassen erhoffen sich einen Rückgang unnötiger Operationen. Besonders bei umstrittenen Eingriffen zum Beispiel an Rücken, Hüfte und Knie könnte das Gesetz massive Auswirkungen haben. Eine Krankenkasse fand in einer Studie heraus: Mehr als 60 Prozent aller orthopäischen Eingriffe lassen sich abwenden, wenn ein zweiter Arzt den Patienten berät.

Zweiter Arzt darf nicht operieren

Eine Medizin frei von wirtschaftlichen Interessen - das ist die Vision. In der Umsetzung hat das Tücken. Denn wenn ein Patient zu einem zweiten Arzt geht, wie kann man sicher sein, dass der nicht seine eigenen Interessen verfolgt, vielleicht sogar zum Zweitmeinungsspezialist aufsteigt und massenhaft Patienten abfischt? Die Politik hat folgende Lösung ins Gesetz geschrieben: „Die Zweitmeinung kann nicht bei einem Arzt oder einer Einrichtung eingeholt werden, durch den oder durch die der Eingriff durchgeführt werden soll“.

Ein Arzt analysiert ein Röntgenbild.

Ärzte müssen jetzt vor bestimmten Operationen darauf hinweisen, dass Patienten eine Zweitmeinung einholen können.

Vorteil für die Ärzte: Sie müssen nicht befürchten, ihren Patienten an den Arzt, der die Zweitmeinung abgibt, zu „verlieren“.

Nachteil für den Patienten: Geht man für die zweite Meinung zum Beispiel zu einem Spezialisten in eine nahegelegene Klinik, dann darf man sich dort nicht operieren lassen, egal, wie überzeugend und vertrauenserweckend der medizinische Rat ist. Für Patienten ist das ein echter Pferdefuß des Gesetzes. Denn gerade in ländlichen Regionen kann es schwierig werden, einen dritten Arzt in der Nähe zu finden, der die vorgeschlagene Therapie umsetzt.

Die Zukunft heißt: Telemedizin!

Telemedizin soll bei der Zweitmeinung in Zukunft eine größere Rolle spielen. Sie steht ausdrücklich im Gesetz. Schon jetzt haben manche Krankenkassen Ärzte und Arztzentren unter Vertrag, die man zur Einholung einer Zweitmeinung anrufen kann. Ein anderes Modell: die Zweitmeinung aus dem Internet. Einige kleinere Kassen arbeiten bereits mit Online-Zweitmeinungsportalen zusammen. Die Patienten füllen im Internet einen ausführlichen Fragebogen aus und senden alle bisherigen Befunde, Röntgenbilder etc. an eine Firma, die die Informationen auswertet und zur Begutachtung an Spezialisten schickt. Die kooperierenden Ärzte geben eine Therapieempfehlung ab.

Der Nachteil: Zwischen Patient und Arzt gibt es keinen persönlichen Kontakt. Hat der Arzt Nachfragen, gibt die Firma diese an den Patienten weiter. Klingt sehr anonym, doch Verfechter dieses Modells sagen: Im Klinikalltag begutachten Spezialisten die Patienten oft auch nicht persönlich, sondern bekommen ihre Informationen aus zweiter Hand vom Assistenzarzt. Außerdem würden beim Online-Modell nur ausgewiesene Spezialisten mit der Erstellung einer zweiten Meinung betraut.

Noch offen: Für welche Operationen gilt das Gesetz?

Im Sommer wurde im Bundestag beschlossen, dass das Versorgungsstärkungsgesetz am 1.1.2016 in Kraft tritt. Unklar ist noch, bei welchen Beschwerden Ärzte ihren Patienten eine zweite Meinung empfehlen sollen. Das hätte der sogenannte „gemeinsame Bundesausschuss“ längst festlegen sollen, die Entscheidung steht aber noch aus. In dem Ausschuss sitzen Ärztevertreter, Vertreter von Krankenhäusern und Krankenkassen.

Stand: 07.01.2016, 09:00