Verbraucherschützer fordern Algorithmen-TÜV

Eine Frau mit Einkaufswagen in Miniaturgröße steht auf einer Tastatur.

Verbraucherschützer fordern Algorithmen-TÜV

Von Jörg Brunsmann

Algorithmen sind Programme, die im Internet wichtige Entscheidungen treffen, zum Beispiel ob wir einen Kredit bekommen. Auf welcher Grundlage die Algorithmen entscheiden, bleibt aber in der Regel Geheimnis der jeweiligen Unternehmen.

Der heutige Montag (19.06.) ist der "Deutsche Verbrauchertag". Die Verbraucherzentrale Bundesverband hat diesen Tag ins Leben gerufen, in diesem Jahr steht er ganz im Zeichen des Bundestagswahlkampfs. Das Motto: "Verbraucher zählen, Verbraucher wählen". Eine der Forderungen, die man gerne durchsetzen will: Die Politik soll den Unternehmen, die mit unseren Daten zu tun haben, genauer auf die Finger schauen. Es geht vor allem um die Verarbeitung dieser Daten; die Verbraucherschützer fordern einen "Algorithmen-TÜV".

Verbraucherschützer fordern Algorithmen-TÜV

WDR 2 Servicezeit | 19.06.2017 | 03:07 Min.

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Bezahlung auf Rechung "leider gerade nicht verfügbar"

Warenkorb eines Online-Shops

Algorithmus ist eigentlich nur ein anderes Wort für Computer-Programm; die Verbraucherschützer meinen hier aber vor allem, dass im Internet zunehmend solche Programme eingesetzt werden, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Einer der Klassiker: Während des Online-Einkaufs läuft im Hintergrund ein so genannter "Scoring"-Algorithmus. Er versucht herauszufinden, wie vertrauenswürdig der Online-Einkäufer ist. Ein Ergebnis kann sein, dass einem am Ende des Einkaufs bestimmte Bezahlarten vorenthalten werden. Hält der Algorithmus einen für eher unzuverlässig, wird beispielsweise keine Bezahlung auf Rechnung angeboten.

Schlechte Wohngegend – schlechte Kreditwürdigkeit

Blick auf eine Hochhaussiedlung

Auch in anderen Bereichen spielen solche Algorithmen mittlerweile eine große Rolle. Sie bereiten wichtige Entscheidungen vor oder treffen diese sogar unabhängig vom Menschen. Die Gefahr: Wir als Betroffene erfahren gar nichts davon – sondern bekommen nur die jeweilige Entscheidung mitgeteilt. Ebenfalls gerne als Beispiel genannt: Ein Algorithmus, der der Bank bei der Vergabe eines Kredites hilft und die Wohngegend des Kunden in seine Entscheidung mit einbezieht. Wohnt man in einer Gegend, in der es viele säumige Schuldner gibt, entscheidet der Algorithmus schon aus diesem Grund gegen die Vergabe des Kredits oder hebt die Zinsen entsprechend an.

Auch Daten aus sozialen Netzen werden inzwischen erfasst

Soziale Netzwerke im Überblick

Nach deutschem Recht ist es verboten, die Wohngegend in die Entscheidung über die Kreditvergabe mit einfließen zu lassen. Nur: Wer kann wirklich überprüfen, ob Banken sich daran halten? Den Algorithmus, der einer Kreditentscheidung zugrunde liegt, kennen nur die Banken selbst. Davon abgesehen gibt es mittlerweile über praktisch jeden von uns so viele Daten, dass Algorithmen auch ohne die Daten der Wohngegend auskommen. Inzwischen werden auch Daten aus sozialen Netzen oder vom Online-Shopping mit einbezogen.

Sind Käufer von Filzgleitern bessere Schuldner?

Ein Beispiel für die Datennutzung: Hat der Antragssteller für einen Kredit Filzgleiter für seine Möbel gekauft, bekommt er leichter einen Kredit. Die Idee dahinter: Wer Filzgleiter kauft, nimmt auf seine Einrichtung besonders Rücksicht; er möchte nicht, dass die Stühle den Boden zerkratzen. Wer auf solche Details achtet, hat sein Leben auch sonst gut im Griff – und beantragt keinen Kredit, den er nicht zurückzahlen kann. Für die Verbraucherschützer ein Beispiel, dass wir dringend einen Algorithmen-TÜV brauchen – um Einblick in Entscheidungs-Prozesse zu bekommen.

Stand: 19.06.2017, 08:56