Faktencheck zu Funkhaus Europa

Thomas Reinke ist Programmchef von Funkhaus Europa

Faktencheck zu Funkhaus Europa

Die bevorstehende Programmreform bei Funkhaus Europa wird kontrovers diskutiert. Programmchef Thomas Reinke greift in seinem Faktencheck die für ihn wichtigsten Fragen auf.

Warum muss das Sendeschema von Funkhaus Europa überhaupt verändert werden?

Wie alle Programme des WDR und die anderen Hörfunkwellen muss auch Funkhaus Europa intensiv sparen. Das hat selbstverständlich Auswirkungen auf alle Bereiche des Programms und auf die Zusammenarbeit mit unseren Partnern bei Radio Bremen und dem rbb.

Hinzu kommt, dass sich Funkhaus Europa – ebenfalls wie alle anderen Programme – immer wieder selbst hinterfragen und an die Gegebenheiten der Zeit anpassen muss. Aus diesem Grund wollen wir uns inhaltlich zum "jungen europäischen Kulturradio" weiter entwickeln und noch klarer unterscheiden zwischen den Anforderungen an ein Tagesbegleitprogramm und an Einschaltsendungen am Abend.

Stimmt es, dass die Musik von Funkhaus Europa weniger abwechslungsreich sein soll als bisher?

Diese im Internet aufgestellten Behauptungen stimmen nicht und werden auch durch Wiederholungen nicht wahrer.

Fakt ist, dass Funkhaus Europa das mit Abstand abwechslungsreichste Musikprogramm aller Sender in Nordrhein-Westfalen, womöglich sogar in Deutschland spielt. Unsere Musikfarbe des "Global Pop" ist im Laufe der letzten Jahr immer weiter verfeinert worden, so dass sie – wie wir hoffen  – den Wünschen unserer Zielgruppe entspricht, die wir in den vergangenen Jahren immer wieder erfragt haben.

Fakt ist aber auch, dass wir zur Erfüllung unseres gesetzlichen Auftrags ("Ein Programm, das sich den Themen des interkulturellen Zusammenlebens widmet") natürlich Relevanz oder, schlicht gesagt, genügend Hörer brauchen und nicht nur eine kleine, eingeschworene Fangemeinde. Deshalb muss gerade die Musik immer wieder die richtige Balance zwischen Fremdem und Vertrautem suchen – wir machen das nicht für uns selbst oder für Produzenten und Künstler, sondern für das gesamte Publikum.

Was hat es mit der Abschaffung von 17 Musiksendungen auf sich, von der immer wieder gesprochen wird?

Diese Addition ist ebenso simpel wie falsch. Denn die wichtigen Musiksendungen des Tagesprogramms am Wochenende, wie "Globalista" oder "Indigo", gehen in einer neuen täglichen Strecke für Musik und Popkultur  auf (montags bis freitags von 18 bis 20 Uhr)  und haben damit mehr und bessere Sendezeit. Dort soll auch Raum sein für Musikautoren und Moderatoren, die ihr spezielles Know-How bisher woanders einbringen. Am Samstagabend wird darüber hinaus eine ganz neue Fläche für Musikinhalte geschaffen, in der – ebenfalls zu besseren Sendezeiten als bisher – Platz sein kann z.B. für internationale DJs oder für wertvolle Konzertmitschnitte.

Aber es gibt auch nichts zu beschönigen: Wir haben uns entschieden, die schrumpfenden Ressourcen nicht mehr in den reichweitenarmen Zeiten in der Nacht einzusetzen, sondern ausschließlich am Tag und am Abend. Deshalb fallen in der Nacht einige sehr spezielle Formate weg, die aber – allen anders lautenden Behauptungen zum Trotz – nur wenig Resonanz hatten. Darunter auch einige Übernahmen von anderen europäischen Sendern, die man inzwischen längst im Internet hören kann.

Warum verändern sich Sendezeiten und –längen der Sprachensendungen?

Wir sind der Überzeugung, dass wir in einer digitalen Welt den geänderten Nutzungsgewohnheiten für Einschaltformate Rechnung tragen müssen. Aus diesem Grund sollen in Zukunft alle unsere Sprachensendungen von einer zeitgleichen Ausstrahlung um 18 Uhr im Internet-Livestream profitieren, was für die allermeisten dieser Sendungen eine bessere Sendezeit als bisher (zwischen 18 und 22 Uhr) bedeutet.

Anschließend stehen die Sendungen "On-Demand" – künftig also auch viel früher – zum Nachhören bereit und werden ab 20 Uhr zusätzlich im linearen UKW-Programm ausgestrahlt. Parallel dazu wollen wir die Präsenz unserer Sprachenredaktionen in den sozialen Netzwerken ausbauen, um eine größere Reichweite ihrer Inhalte zu ermöglichen.

Für eine zeitgemäße digitale Verbreitung eignen sich kompaktere journalistische Audio-Formate nach aller Erfahrung besser als längere Produktionen mit Musik. Dies ist der wichtigste Grund für unsere Entscheidung, die Sprachensendungen an den Werktagen von bisher 60-minütige Formaten mit vergleichsweise hohem Musikanteil auf 30-minütige Sendungen mit weniger Musik zu verdichten - eine Form und Länge, in der die meisten unserer Sprachen-Sendungen am Abend bis 2010 ohnehin ausgestrahlt wurden.

Insofern ist es aus unserer Sicht möglicherweise naheliegend, aber dennoch nicht richtig, allein die Sendzeiten nach Minuten zu vergleichen. Journalistisches Wort, seriöse Nachrichten und unabhängige Informationen für die Zielgruppen bzw. Sprachgruppen bleiben auf jeden Fall in ausreichendem Umfang erhalten,

Gibt es Sprachen, die besonders von den Veränderungen betroffen sind?

Man sollte nicht drumherum reden: Ja, es gibt unterschiedliche Auswirkungen der Reform, die damit zu tun haben, dass wir uns wegen der knapper werdenden Ressourcen sehr weitgehend aus den Aktivitäten am Wochenende zurückziehen müssen. Davon betroffen ist vor allem unsere türkische Sendung, die bisher - anders als die restlichen täglichen Formate - auch samstags und sonntags stattfindet. Das können wir uns schlicht nicht mehr leisten, deshalb erhalten die türkische Redaktion künftig ebenso viel Sendezeit wie Italiener, Südosteuropäer, Russen und Polen.

Eine unserer wichtigsten Neuerungen, die wir aus einem Teil der Einsparungen finanzieren wollen ist der Ausbau einer täglichen neuen arabische Sendung mit einem festen Platz an den Abenden der Werktage statt wie bisher nur einmal wöchentlich am Sonntag. Damit wollen wir die dramatisch veränderte gesellschaftliche Situation abbilden und einen neuen, erweiterten Sendeplatz für das im September 2015 erfolgreich gestartete Projekt "Refugee Radio" finden.

Stand: 07.03.2016, 17:19