20 Jahre: Die Kommissare vom Rhein

Dreh des Kölner "Tatorts"

20 Jahre: Die Kommissare vom Rhein

Zum Jubiläum WDR-Autor Christian Gottschalk besuchte für eine Set-Reportage die beliebten Ermittler an ihrem Arbeitsplatz: im Präsidium in Köln-Ehrenfeld.

Ungewöhnlich viele Menschen tummeln sich im Büro eines Kölner "Tatort"-Kommissars an diesem Sommermorgen. Kostümbildnerinnen und Maskenbildnerinnen fächern sich Luft zu. Regisseur und Regieassistentin schauen gebannt auf den Monitor, der das Bild der Kamera zeigt. Wie immer beim Film sind noch ein bis zwei Leute dabei, deren Aufgabe man nicht sofort erkennt. Sie murmeln gelegentlich in ihre Funkgeräte. Regisseur Sebastian Ko ruft: "Und bitte!". Kriminalhauptkommissar Alfred "Freddy" Schenk alias Dietmar Bär setzt sich im Flur in Bewegung und geht in den Konferenzraum, um mit dem langjährigen Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) darüber zu diskutieren, ob der Fall gelöst ist oder nicht. Komparsen und Komparsinnen in Zivil und in Uniform simulieren Präsidiumsalltag und laufen dekorativ durchs Bild. Holen sich Kaffee beispielsweise.

Eine Pathologie für zwei Teams

Dreh des Kölner "Tatorts"

Szene im Konferenzraum: Freddy Schenk (Dietmar Bär) ist nicht davon überzeugt, dass der Fall schon abgeschlossen ist.

Das Motiv "Präsidium" befindet sich in einem nicht ganz taufrischen Verwaltungsgebäude mit Gewerbegebiets-Charme. Das Haus beherbergt übrigens auch die Büros der Münsteraner Kollegen; beide Teams teilen sich die Pathologie im Keller.
Ganz am Anfang, vor 20 Jahren, war das Set mit dem auffälligen rückwärtig beleuchteten Stadtplan in Ballaufs Büro noch in einer ehemaligen Tiefgarage am Sachsenring in der Kölner Südstadt untergebracht. Der erste gemeinsame Fall von Schenk und Ballauf, "Willkommen in Köln", lief am 5. Oktober 1997 im Ersten und wird jetzt zum Jubiläum noch einmal im WDR Fernsehen gesendet. Man plane "zunächst 15 Folgen", so hatte der WDR damals verlauten lassen. Bis heute waren die beiden Helden 70 Mal zusammen auf Verbrecherjagd. Nur die Münchner können mehr Fälle vorweisen.
"Natürlich hat man eine Beziehung zu diesen Räumlichkeiten", sagt Klaus J. Behrendt, "wir haben hier so viele Folgen gedreht. Leichte Szenen, schwere Szenen, lustige und dramatische." In Ballaufs Büro befinden sich keine persönlichen Gegenstände. Das passt gut zu einer Figur, die jahrelang in Hotels und Pensionen gewohnt hat. Ein großer moderner Schreibtisch sagt: Ballauf ist Chef.
Bei Schenk dagegen stehen Automodelle auf dem Sideboard, diverse Pokale und eine Urkunde vom "22. Deutsch/Belgischen Polizeivergleichs-Schießen 1997". Erster Platz natürlich. Den Schreibtisch, ein grün überstrichenes Holzungetüm, kann Dietmar Bär nicht leiden. Nach 20 Jahren ist er doch etwas angeranzt.

Die Vorteile eines Nachtdrehs

"Es ist ein vertrauter Arbeitsplatz", meint der Schauspieler, "im Laufe der Jahre haben wir in dieser Kulisse den einen oder anderen Meter Film gedreht. Tagsüber oder nachts." Auch wenn man im Film Nacht simulieren kann: Besser wirkt es, wenn wirklich der Mond am Großstadthimmel scheint. 1997 hätte Bär nicht mit einer solchen Dienstzeit gerechnet. "So weit habe ich mit 36 Jahren nicht gedacht, nicht auf 20 Jahre im Voraus." Was er aber damals über seinen neuen Job dachte, lässt sich in einem Artikel der Kölner StadtRevue nachlesen, den der Autor dieser Zeilen damals verfasste. "Es ist natürlich ein Ritterschlag", erzählte der frischgebackene Kriminaloberkommissar 1997, "der Tatort ist eine Institution um Viertel nach acht am Sonntag." Auch Behrendt war stolz: "Das ist das Flaggschiff der ARD, auf das wir jetzt gesetzt worden sind. Wir werden unsere eigenen Figuren auf die Beine stellen und versuchen, dieses Schiff auf Kurs zu bringen."
Die vielen Dienstjahre gingen an diesen Figuren nicht spurlos vorbei. "Was die psychische Entwicklung angeht", sagt Klaus J. Behrendt, "ist Ballauf ruhiger geworden. Das geht einher mit einer wachsenden Menschenkenntnis. Eine Frage, die wir gerade in diesem Film thematisieren, ist: Wenn du gerufen wirst als Polizist, ist immer etwas Schlimmes passiert. Was macht das mit dir als Mensch? Entwickelst du dich zu einem verrohten Charakter? Ich glaube, dass Ballauf das schon im Griff hat, aber, es gibt Momente, in denen er schwankt. Er ist ja keine Maschine."

Bildergalerie: Fälle aus 20 Jahren Kölner "Tatort"

Der Kölner „Tatort“ feiert runden Geburtstag. Die Galerie zeigt einige besondere Fälle.

Bär und Behrend auf Regiestühlen mit ihrem Namen

Dietmar Bär (links) und Klaus J. Behrendt ermitteln seit 20 Jahren als Kommissare Freddy Schenk und Max Ballauf.

Dietmar Bär (links) und Klaus J. Behrendt ermitteln seit 20 Jahren als Kommissare Freddy Schenk und Max Ballauf.

Für Willkommen in Köln (1997, Regie Kaspar Heidelbach) sind Ballauf und Schenk (Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär, rechts) zum ersten Mal gemeinsam im Einsatz.

Ballaufs neue Sekretärin Franziska (Tessa Mittelstaedt, Die Frau im Zug, 2000, Regie Martin Gies) kommt später hinzu.

In der Folge "Rückspiel" (2002, Regie Kaspar Heidelbach) lässt sich das Team von Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch, ganz links) informieren.

Eine "Dienstreise" führt die Kommissare im Fall "Manila" (1998, Regie: Nikolaus Stein von Kamienski) auf die Philippinen.

Bereits vor zehn Jahren gab es einen Grund zum Feiern: Die Jubiläumsfolge "Nachtgeflüster" (2007) mit (v.l.) Klaus J. Behrendt, Joe Bausch (Dr. Joseph Roth), Anna Loos (Lizzy), Christian Tasche (Staatsanwalt von Prinz), Tessa Mittelstaedt (Franziska Lüttgenjohann) und Dietmar Bär.

Die legendäre "Wurstbraterei" muss manchmal auch für Dienstbesprechungen herhalten. Hier in "Ihr Kinderlein kommet" (2012, Regie: Thomas Jauch).

Vorsicht, Schusswaffengebrauch: Ballauf und Schenk in Ihr Kinderlein kommet (2012, Regie: Thomas Jauch)

Für die Folge "Dicker als Wasser" (2015, Regie: Kaspar Heidelbach) durfte es auch ein etwas spezielleres Auto sein.

Ein Blick zurück: Schenk und Ballauf beobachten, was sich bei den "Nachbarn" (2017, Regie: Torsten C. Fischer) eines Ermordeten tut.

Vom Ober- zum Hauptkommissar

Freddy Schenk hat die Cowboystiefel aus der ersten Folge schon lange abgelegt: "Man wird mit der Figur älter", so Bär, "wir sind keine Comic-Figuren, die alterslos bleiben, wie Spiderman oder Batman, um mal zwei berühmtere Kollegen zu nennen. Schenk steht schon für Beständigkeit. Die Kinder sind älter geworden. Die Familie ist vielleicht in den Jahren etwas in den Hintergrund gerückt. Wenn er eine Uniform tragen würde, hätte er jetzt ein Sternchen mehr." Tatsächlich wurde Schenk vom Kriminaloberkommissar zum Kriminalhauptkommissar befördert.
Von Anfang an folgten die Kölner der "Tatort"-Tradition, gesellschaftliche Konflikte im Krimiformat zu erzählen. Kinderhandel, Wehrmachtsausstellung, Landminen, Armut und Obdachlosigkeit – immer wieder stehen aktuelle Themen im Mittelpunkt. In einem Fall mit Folgen im realen Leben. Nach den Dreharbeiten zur dritten Folge "Manila" gründete das Team mit Dietmar Bär, Klaus J. Behrendt und "Gerichtsmediziner" Joe Bausch den Verein "Tatort – Straßen der Welt e.V". Gedreht wurde seinerzeit auch an Originalschauplätzen. Die Lebensumstände in den Slums der philippinischen Hauptstadt hatten Crew und Cast so beeindruckt, dass noch in Manila die Idee geboren wurde, eine Hilfsorganisation ins Leben zu rufen.

Der Job der Assis

Dreh des Kölner "Tatorts"

Drehtag im Präsidium: Klaus J. Behrendt (l.) im Gespräch mit Regisseur Sebastian Ko.

Natürlich kennt man die Räume aus den Filmen, aber hier am Set wird der Aufbau noch mal klarer. Die ab Hüfthöhe verglasten Büros von Schenk und Ballauf liegen sich gegenüber, und genau dazwischen steht der Schreibtisch der Assistentinnen oder Assistenten. Dieser Arbeitsplatz wurde ein paarmal neu besetzt, aber eigentlich war die Fluktuation eher gering. Die Erste, Anna Loos, hielt als Lissy zehn Jahre die Stellung. Franziska Lüttgenjohann, gespielt von Tessa Mittelstaedt, blieb sogar zwölf Jahre bis zu ihrem dramatischen Abgang 2014: ermordet mit Kabelbinder von Hinnerk Schönemann in der Rolle des Mehrfachmörders und Vergewaltigers Daniel Kehl. Es folgte mit Patrick Abozen als Tobias Reisser der erste schwule "Tatort"-Assistent. Spötter behaupten, die Assis und nicht die Kommissare seien es, die die Fälle lösen, weil sie immer im richtigen Moment über die entscheidende Information verfügen.
In dieser Folge, Arbeitstitel "Mitgehangen" (Redaktion Götz Bolten), hat es ein Mitarbeiter mit dem gelegentlich etwas raubeinigen Schenk nicht leicht. In der Szene, die an diesem Vormittag gedreht wird, entfernt er die Fotos und Hinweise von der Glaswand, denn er denkt, dass der Fall schon aufgeklärt ist. Dafür gibt es einen kleinen Einlauf vom Hauptkommissar. Für ihn stellt sich die Sache nicht so eindeutig dar.

Bildergalerie: Prominente Glückwünsche zum "Tatort"-Jubiläum

Der Kölner "Tatort" feiert runden Geburtstag. Promis gratulieren zum Jubiläum.

Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt halten Geburtstagkerzen in der Hand

Prominente gratulieren dem Kölner "Tatort"-Duo Dietmar Bär (links) und Klaus J. Behrendt zum 20-jährigen Dienstjubiläum.

Prominente gratulieren dem Kölner "Tatort"-Duo Dietmar Bär (links) und Klaus J. Behrendt zum 20-jährigen Dienstjubiläum.

WDR-Intendant Tom Buhrow (Bildmitte) zu "20 Jahre Kölner Tatort":
Ich bin großer Fan des Kölner "Tatorts". Ballauf und Schenk sind Kult – ihre Dialoge schlagfertig, ihre Ermittlerqualitäten exzellent und ihre Art erfrischend ehrlich. Im April habe ich Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär bei den Dreharbeiten zur Jubiläumsfolge an der "Wurstbraterei" zum 20-Jährigen gratuliert. Jetzt würde ich mich auf Currywurst und Kölsch zur "Silberhochzeit" in fünf Jahren freuen!"

Jörg Hartmann (Hauptkommissar Peter Faber im Dortmunder "Tatort"), gratuliert den "lieben Betriebskollegen aus der herrlichen Domstadt!":
20 lange Jahre ermittelt Ihr schon, doch Ihr seht immer noch frisch und knackig aus. Bis heute für jede Überraschung gut, vergingen die Jahre mit euch im Flug. Ermittlungstechnisch ein Beispiel und zwischenmenschlich ein unerreichtes Vorbild für mich, wünsche ich euch aus der nach Köln pittoreskesten Stadt Deutschlands noch viele gemeinsame Jahre und nur die schönsten, abgründigsten Mordfälle!
In Verehrung euer Parkaträger aus Dortmund

Anna Schudt (l.) und Aylin Tezel (Dortmunder "Tatort"-Ermittlerinnen Martina Bönisch und Nora Dalay):
Liebe Kölner! Wir würden uns freuen, wenn Ihr mal bei uns in Dortmund vorbeikommt und wir gemeinsam einen Fall lösen könnten.
Bis dahin alles Gute, Ihr macht das wunderbar!

Axel Prahl (Kommissar Frank Thiel im Münsteraner "Tatort"):
Lieber Klaus, lieber Dietmar,
nun sind es also tatsächlich schon 20 Jahre, die Ihr dabei seid? Wahnsinn! Ich erinnere
mich noch sehr gut, wie wir uns damals in Köln kennenlernten. Das war, glaube ich, 2004, zwei Jahre nach unserem Dienstantritt in Münster. Unser gemeinsamer Freund, Kaspar Heidelbach, führte Regie bei unserer Folge "Eine Leiche zu viel" und hatte uns einander vorgestellt. Ich war damals sehr fasziniert von Eurer Popularität, denn egal, ob in der Ubierschenke beim Fußball gucken, in Restaurants oder sonst irgendwo auf der Straße, überall strahlten Euch die Menschen an, grüßten Euch freudig: "Hallo Ballauf, hallo Schenk!" Die Leute lieben Euch und das, wie ich finde, zu Recht! Ihr seid aber nicht nur großartige Kollegen, sondern auch zwei wunderbare Menschen, die auch ich in mein Herz geschlossen habe.
Allerherzlichsten Glückwunsch zu Eurem Jubiläum! Und jetzt: einschenken und hoch die Tassen!

Schlager-Star Roland Kaiser lernte Bär und Behrend während seiner Rolle in der "Tatort"-Folge „Summ, Summ, Summ“ (2013) kennen.
Ich gratuliere dem gesamten Kölner "Tatort"-Team und dem WDR zum 20-jährigen Jubiläum. Es ist Ihnen gelungen, Fernsehunterhaltung auf dauerhaft höchstem Niveau zu produzieren, und durch die hohe Akzeptanz des Publikums haben Sie obendrein die scheinbaren Gegensätze von Quantität und Qualität miteinander versöhnt.

Drehtage im Präsidium

Die Szenen im Präsidium, vor allem die an der "Pinnwand", erfüllen einen dramaturgischen Zweck. "Es ist der Ort, an dem Sachen noch mal erklärt werden", sagt Behrendt. Die Kommissare rekapitulieren den Fall, machen die Handlung für den Zuschauer leichter nachvollziehbar. "Hier in den Büros werden längere Szenen, längere Verhöre gedreht", erklärt der Schauspieler, "die sind teilweise sehr textintensiv." Für die Produktion hat das ganz pragmatische ökonomische Konsequenzen: An den Drehtagen im Präsidium kann man Strecke machen. "Wir haben eine gewisse Minutenzahl Film, die wir an einem Tag schaffen müssen", erklärt Behrendt, "die wird hier in diesen Büros manchmal verdoppelt." So wird Zeit, die bei schwierigen Außendrehs verloren geht, im Präsidium wieder aufgeholt.
Es ist die letzte Folge, die in diesem Haus spielt. Der Mietvertrag läuft aus. Das Präsidium zieht um nach Köln-Marsdorf, dort werden dann Büros und die Pathologie für alle drei WDR-Tatorte – Köln, Münster und Dortmund – eingerichtet. Für die Zuschauer aber ändert sich nichts. Die gesamte Kulisse wird einfach andernorts wieder aufgebaut. Dietmar Bär hofft sehr, dass er dann wenigstens einen neuen Schreibtisch bekommt.

Am Dienstag, 3. Oktober zeigt das WDR Fernsehen anlässlich des Dienstjubiläums der Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) den Tatort „Nachbarn“ (20.15 Uhr), die Dokumentation „Die Kommissare vom Rhein“ (21.45 Uhr) und „Willkommen in Köln“ (22.30 Uhr), den ersten gemeinsamen Fall der beiden Ermittler. Danach folgen über den Oktober verteilt vier weitere Kölner Tatort-Folgen.

Dieser Artikel erschien zuerst in WDR print.
Text: WDR Presse und Information/Christian Gottschalk

Stand: 02.10.2017, 13:09