07:51 Min. – Einsatz von wissenschaftlichen Expertisen

07:51 Min. – Einsatz von wissenschaftlichen Expertisen

Filmtext:

Schwarz-Friesel

Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel

Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel:

"Sie werden kaum erleben, dass ein Antisemit öffentlich, vor dem Rathaus oder bei der Presse oder in einer Talkshow sagt: "Ja, ich bin Antisemit, ich habe etwas gegen Juden, Juden sind ganz schlimme Menschen." Das macht ja niemand.

Da sie aber trotzdem diese Ideen, diese Vorstellungen und diese Gefühle im Kopf haben, und es nicht lassen können, denn zu Antisemitismus gehört eine große Obsessivität, also eine Besessenheit eigentlich mit dem Thema, das sehen wir immer wieder bei unseren Recherchen, weichen sie aus auf sogenannte indirekte Sprechakte. Das heißt sie benutzen Paraphrasen.

Sie sagen nicht Juden sind das Übel der Welt, sie sagen Israel ist das Übel der Welt. Sie sagen nicht: Juden kontrollieren die Finanzwelt, sie greifen auf jüdisch-klingende Namen zurück: Rothschild, Goldman-Sachs.

Sie verkürzen uralte Phrasen: Hieß es noch vor 45 noch das internationale Judentum, nehmen sie "Juden" raus und sagen: das internationale Finanztum. Sie sagen nicht "Juden", sie sagen "jene einflussreichen Kreise". Sie sagen nicht "Juden", sie sagen "Bänker von der Ostküste". Sie sagen nicht "Juden", sie sagen "die Zionisten", "die Israel-Lobby", also es gibt sehr, sehr viele Möglichkeiten, auf Juden zu referieren, ohne ein einziges mal den Terminus "Jude" tatsächlich in den Mund zu nehmen."

Anmerkungen dazu:

Die Linguistin Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel wird zu ihrer Studie zur "Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert" interviewt. Diese Studie hat sie gemeinsam mit Jehuda Reinharz 2012 publiziert.

Darin untersuchten die Wissenschaftler über 14.000 Zuschriften an den Zentralrat der Juden in Deutschland und an die Israelische Botschaft in Deutschland. Die Studie befasste sich folglich mit dezidiert antisemitischen Schriftstücken.

Stand: 21.06.2017, 12:00