Wer westlich lebt, wird Außenseiter

Wer westlich lebt, wird Außenseiter

Erdoğan hat nun mehr Macht. Was bedeutet das für junge Türken in der Türkei aber auch in Deutschland? Eine 1LIVE Reportage liefert ein eindrucksvolles Stimmungsbild.

Die einstündige 1LIVE Reportage „Alle Macht für Erdogan?“ (19. April, 23 Uhr, 1LIVE Plan B) berichtet über die Stimmung in der Türkei nach dem knappen Referendum, das Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan nun mehr Macht verleiht. Wie fühlen sich die jungen Menschen in den Istanbuler Szeneclubs und Einkaufsstraßen? Und was denken die jungen Deutsch-Türken? Das konnten die WDR-Journalisten Sümeyra Kaya und Jonas Panning während ihrer Recherchen in der Türkei und in Deutschland unmittelbar erleben. Wie sich das Klima in der Türkei verändert hat, konnten Kaya und Panning schon beim ersten Interview auf dem Istanbuler Taksim-Platz erleben.

Offensives bis aggressives Vorgehen der Polizei

Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan

Dort warben Info-Stände für ein „Ja“ oder ein „Nein“ zur Verfassungsänderung. Das 1LIVE-Team suchte das Gespräch mit einer Erdoğan-Kritikerin und wurde daraufhin massiv von einem zivilen sowie einem uniformierten und mit MP bewaffneten Polizisten bedrängt. Das Interview wurde mit der Frage nach der journalistischen Akkreditierung gestoppt. Eine solche Akkreditierung sei in der Türkei aber so gut wie nicht zu bekommen, so Panning. Und Kaya weiter: „Dieses offensive bis aggressive Vorgehen der türkischen Polizei gegen westliche Journalisten ist seit längerem an der Tagesordnung. Das betrifft auch mich, denn obwohl ich Türkisch spreche, erkennt man, das ich nicht in dem Land aufgewachsen bin.“ Kaya und ihr Kollege mussten von dem Platz verschwinden, der im Sommer 2013 gemeinsam mit dem angrenzenden Gezi-Park das Zentrum der Proteste gegen die Erdoğan-Partei AKP war. „Uns war klar, dass so etwas passieren kann“, so Panning rückblickend. „Danach sind wir noch sensibler vorgegangen und konnten eine weitere solche Situation vermeiden.“

Doch nicht nur auf dem Taksim-Platz im liberal-westlich geprägten Stadtteil Beyoğlu zeigt der Staat viel Präsenz. „Man hat fast überall das Gefühl, dass viele Zivilpolizisten auf Streife unterwegs sind. Sicher soll dies dem Terror entgegenwirken. Aber es finden auch viele Kontrollen bei Journalisten statt.“ Viele Gesprächstermine hatte das Team allerdings schon von Deutschland aus vereinbart, unter anderem mit einem HDP-Politiker, der von massivem Druck vor Wahl berichtet.

Warum Kinoheld Erdoğan Hunde rettet

Viele junge Nordrhein-Westfalen, die Urlaub in der Türkei machen oder die türkische Nachbarn, Kollegen, Kommilitonen oder Freunde haben, merken derzeit, dass sich Deutsch-Türken oft etwas distanzierter verhalten als früher, sagt COSMO-Moderatorin Kaya. Obwohl in Deutschland aufgewachsen, fühle sich die junge türkischstämmige Generation als „nicht angekommen“. „Eine Rolle spielt das türkische Fernsehen, das auch in Deutschland viel geguckt wird. Und gerade junge Türken mit schwachem Selbstbewusstsein sehen einen starken Mann wie Erdoğan als Aufwertung.“ Dies erkläre auch die große Mehrheit aus Deutschland für die Verfassungsänderungen. In der Türkei dagegen fühle sich das Nein-Lager bevormundet von den Auslandstürken, die dem Regimedruck viel weniger ausgesetzt sind.

Interview in einem Boot auf dem Bosporus

WDR-Journalistin Sümeyra Kaya interviewt einen türkischen Staatsbürger, der in Dubai lebt und extra für das Referendum in die Türkei gekommen ist, um abzustimmen.

Sümeyra Kaya und Jonas Panning haben für die im Auftrag von 1LIVE entstandene Reportage (Redaktion: Natalie Szallies) viele Stimmen in NRW eingesammelt. Zum Beispiel im türkischen Konsulat in Hürth bei Köln, wo eine Stimmabgabe für das Referendum möglich war, beim Auftritt des türkischen Wirtschaftsministers in einem Hotel in der Kölner Altstadt und in einem ausverkauften Dortmunder Kino. Dort lief das Erdoğan-Bio-Pic „Reis - Der Anführer“. Ein zweifelhaft biografischer Film mit unzweifelhaft schwülstigen Szenen, so 1LIVE-Reporter Panning. Mal erzielt der noch junge „Anführer“ per Fallrückzieher Siegtore für sein Team, mal wird er per Telefon von einem kleinen Jungen zu Hilfe gerufen und rettet dessen Hund aus einem Brunnen. Dafür gab es Szenenapplaus. Und für die Reportage den O-Ton einer 21-jährigen Türkin: Sie habe sich jetzt umentschieden und werde mit „Ja“ stimmen.

Westlichen Lebensstil muss man regelrecht suchen

Überrascht hat die WDR-Journalisten auch das gewandelte, inzwischen sehr muslimische Bild an vielen Orten in der Türkei, die vorher stark westlich geprägt waren. Im Istanbuler Stadtbild gebe es nur wenige leger gekleidete Frauen und das „Partyleben“, das noch vor wenigen Jahren viele junge Europäer nach Istanbul gelockt hat, müsse man nun regelrecht suchen. „Alle haben das Gefühl, Außenseiter zu sein.“ Auch an „touristischen Hot Spots“ wie der Hagia Sophia herrsche „eine ziemliche Einöde“. „Es gibt kaum noch westliche Touristen, dafür viele Besucher aus dem arabischen Raum, die Frauen verschleiert.“ Besonders überrascht hat Sümeyra Kaya, dass „all das hingenommen wird“. Jonas Panning: „Die Angst, vielleicht auch die Resignation ist sehr viel größer geworden.“ Selbst auf dem Taksim-Platz war nach der Wahl nichts los. Nur ein hupender Konvoi von Befürwortern, der laut Kaya „wie bestellt“ wirkte: „Ich habe die Leute in den Autos angesprochen. Es waren Syrer, die sagten, Erdogan habe ihnen geholfen. Wahrscheinlich waren es Flüchtlinge. Denn viele Vertriebene aus Syrien haben schnell einen türkischen Pass bekommen und durften mitabstimmen.“

Mit "Türkei unzensiert" bietet der WDR eine Plattform für unabhängige Informationen aus dem Land.

Stand: 19.04.2017, 11:27