Meine Stadt Detmold

Über 400 Jahre alte Fachwerkhäuser machen neben dem Schloss den Reiz Detmolds aus. Dort einzukaufen oder zu essen, das hat was, sagt Jens-Olaf Buhrdorf, hier in der Adolfstraße.

WDR-Redakteur Jens-Olaf Buhrdorf

Meine Stadt Detmold

Wie lebt es sich in einer Stadt, die mitten in ihrem Zentrum ein Schloss beherbergt und über die Hermann, der Cherusker wacht? Jens-Olaf Buhrdorf, Redakteur des WDR-Büros im Kreis Lippe, berichtet davon in der Januar-Ausgabe von WDR-Print.

"Nun mach hier mal keinen Hermann!", sagen die Detmolder, wenn ihnen einer zu hektisch daher kommt. In der Residenzstadt geht es nämlich eher gemütlich zu. Den Hermann darf hier nur einer machen: der alte Cherusker selbst, der oberhalb von Detmold auf seinem Sockel steht.

Zum ersten Mal erklimmt Jens-Olaf Buhrdorf den Hermann von innen – mit Hilfe von von dem professionellen Kletterer Michael Knost.

Zum ersten Mal erklimmt Jens-Olaf Buhrdorf den Hermann von innen – mit Hilfe von von dem professionellen Kletterer Michael Knost.

Gefühlte 50 Mal hab ich schon über das Denkmal aus Kupfer und Stahl berichtet. Aber über schmale Eisenleitern und durch enge Luken bis in den Kopf der 27 Meter langen Statue hinein zu klettern: das ist auch für mich etwas ganz Besonderes. Die mit Kupfer und Eisen verkleideten Stahlröhren, unzählige Nieten und rote Rostschutzfarbe sogen dafür, dass Detmolds Wahrzeichen seit fast 140 Jahren Wind und Wetter standhält.

Nicht weit vom Hermann entfernt graben Archäologen die Wiege Lippes jetzt wieder aus. Die Falkenburg am Rande Detmolds, auf einem der vielen Hügel im Teutoburger Wald, ist heute nur noch eine Ruine.

Die Falkenburg am Rande Detmolds, einst die Wiege Lippes, ist nur noch eine Ruine, allerdings bietet sie einen atemberaubenden Blick über den Teutoburger Wald.

Die Falkenburg am Rande Detmolds, einst die Wiege Lippes, ist nur noch eine Ruine, allerdings bietet sie einen atemberaubenden Blick über den Teutoburger Wald.

Im 12. Jahrhundert hatten die Fürsten ihr Reich gut im Blick – bis ein Brand die Burg zerstörte. Von den imposanten Burgmauern geht mein Blick über den Teuto und seine tiefgrünen Wälder in Richtung Detmold. Klare Luft und kein Geräusch, das stört - das ist einer meiner Lieblingsplätze!

"Die Kö hier ist kürzer, aber gemütlicher!"

Geschichte begegnet mir auf Schritt und Tritt in Detmold: Das Schloss liegt mitten in der Stadt, direkt zwischen Marktplatz und Landestheater. Im Ahnensaal mit Filzpuschen übers Parkett zu gleiten, gehört sicher zu den Dingen, die ein Nordrhein-Westfale einmal gemacht haben muss! Im Schloss wohnt das Prinzenpaar Armin und Traute zur Lippe. Die promovierten Biologen pflegen den schönsten Barockgarten Detmolds. Für die Klatschspalten bieten die beiden keinen Stoff. Jeder kann Prinz und Prinzessin treffen, wenn sie regelmäßig mit Enkelkindern und Hund über den Wochenmarkt gehen. Die beiden "Durchlaucht" gehören zur Stadt dazu. Wer sie grüßt, bekommt einen freundlichen Gruß zurück.

Ein wenig Glamour hat Detmold allerdings doch zu bieten. Die meisten Reporterinnen würden sicher gern mit mir tauschen, wenn ich mal wieder über Europas größten Damen-Schuhhersteller berichte. Von der Firma Wortmann haben wahrscheinlich die wenigsten gehört, aber die Marke "Tamaris" kennen viele.

Stiefel, High-Heels, Ballerinas: Europas größtes Schuhregal steht in Detmold! Firmengründer Horst Wortmann ging nach dem Krieg mit Schuhen von Tür zu Tür, heute ist er Branchenprimus. Aus Detmold verschickt seine Firma 30 Millionen Paar im Jahr - aus dem modernsten Logistikzentrum seiner Art. Und trotzdem prahlt Horst Wortmann nicht mit seinen Erfolgen. Immer schön bescheiden bleiben – so ist er halt, der Detmolder!

Braumeisterin Friederike Strate zeigt Jens-Olaf Buhrdorf wie der Brauvorgang in den Kupferkesseln gesteuert wird.

Braumeisterin Friederike Strate zeigt Jens-Olaf Buhrdorf wie der Brauvorgang in den Kupferkesseln gesteuert wird.

Ganz bodenständig geht es auch in der Strate-Brauerei zu. Denn hier brauen drei Frauen: Mutter Renate und ihre zwei Töchter Simone und Friederike garantieren "handgebraute" Bier-Qualität. Und weil ihre Brauerei direkt gegenüber vom WDR-Büro in Detmold liegt, behaupten meine Kollegen im Studio Bielefeld bis heute, es gäbe eine unterirdische Bierleitung. Das stimmt nicht! Ich trinke das Detmolder Bier am liebsten auf der Terrasse vom "Berghof Stork". Von dem Ausblick über Detmold bis fast nach Bielefeld ins hügelige Lipperland bekomme ich nie genug!

Shopping-Malls und große Einkaufszentren vermisse ich nicht in Detmolds City, die die Detmolder ihre "Kernstadt" nennen. Einkaufen und Essen in über 400 Jahre alten Fachwerkhäusern: das hat was! Bei meinem Lieblingsbäcker zum Beispiel werden ausschließlich Schrot und Korn aus der Region verwendet. Wenn ich wenig Zeit habe und zu Fuß zum Interview ins Rathaus gehe, liegt Meffert auf der Strecke. Und ein "Studentenbrötchen" mit vielen Nüssen und Rosinen passt immer!

Auf Detmolds „Kö“ trifft der WDR-Redakteur Detmolds Bürgermeister Rainer Heller.

Auf Detmolds „Kö“ trifft der WDR-Redakteur Detmolds Bürgermeister Rainer Heller.

"Die Kö ist hier zwar kürzer –aber viel gemütlicher", sagt der selbstbewusste Lipper über seine Einkaufsstraße. Hier gibt es tatsächlich noch Geschäfte, die Mittagspause machen.

Ehrenmord in der Provinz

Natürlich ist Detmold nicht nur Idylle pur. Auch hier gibt es das "echte" Leben und menschliche Tragödien. Hier wurde 2011 Arzu Özmen, die junge Kurdin jesidischen Glaubens, von ihren Geschwistern entführt und ermordet. Sie liebte einen jungen Mann, der nicht der Religion ihrer Eltern entsprach. Eine Sternstunde der Justiz war das Urteil des Detmolder Landgerichts, das Arzu Özmens Geschwister wegen Mordes zu langjährigen Haftstrafen verurteilte. Auch die Eltern, die diesen Mord offensichtlich unterstützten, wurden bestraft. Der Richter sprach ausdrücklich von einem „Ehrenmord“. All das mitten in der beschaulichen "Provinz".

Wer – wie ich – in Braunschweig geboren ist, in Köln beim WDR gelernt, in Dortmund studiert hat und schließlich in Detmold gelandet ist, wird am Anfang von den "Ur-Lippern" kritisch beäugt. Aber 17 Jahre im WDR-Büro in der Palaisstraße und am Stadtrand im eigenen Haus reichen immerhin für den Titel "Beutelipper". So nennen die Detmolder jemanden wie mich, der in ihren Augen nicht nur auf der Durchreise ist.

Jens-Olaf Buhrdorf (55) leitet das WDR-Büro in Detmold seit seiner Eröffnung im Jahr 1996. Zusammen mit seinen freien Kolleginnen und Kollegen beliefert er das Studio Bielefeld und alle ARD-Anstalten mit Fernseh- und Hörfunkbeiträgen über Ereignisse aus dem Kreis Lippe.

Stand: 05.01.2014, 16:48