Vivaldi Experiment – Das Finale

Vivaldi Experiment – Das Finale

"Le quattro stagioni" – die Jugendlichen, die sich am "Vivaldi Experiment" beteiligt haben, denken dabei in Zukunft nicht mehr nur an Pizza. Denn Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ standen bei dem gigantischen Musik-Vermittlungs-Projekt der ARD im Mittelpunkt. Der WDR betreute die Aktion und das finale Live-Event am 30. September federführend. Mit dabei: das WDR FUNKAUSORCHESTER KÖLN unter der Leitung von Wayne Marshall, die junge Stargeigerin Mariella Haubs und der Rapper MoTrip.

"Ich fand es so krass, dass die Solistin nie aus dem Takt gekommen ist“, sagte die 15-jährige Helen, die mit ihrer Klasse extra aus Zwickau angereist war. "Es wurde nie langweilig, weil man immer so viel zu sehen hatte. Da waren Tänzer, auf der Leinwand war was los und das Orchester …“. Helen geht auf ein musisches Gymnasium, klassische Musik ist für sie daher kein Neuland. Doch einige der über 400 Schülerinnen und Schüler im Fernseh-Studio auf dem WDR-Gelände in Bocklemünd haben heute zum ersten mal in ihrem Leben ein Orchester live erlebt.

"Es ist eine falsche Auffassung, wenn man sagt, klassische Musik sei etwas Elitäres", sagt Wayne Marshall, Chefdirigent des WDR FUNKHAUSORCHESTER KÖLN. Es sei nur wichtig, Kinder und Jugendliche an die Musik heranzuführen, denn im Konzert seien sie auf ganz andere Weise mit dem Klang konfrontiert, als im Fernsehen oder auf YouTube. Deshalb ließ der Brite sich gerne auf das experimentelle Zusammenspiel mit dem Rapper MoTrip ein, der zu den Klängen von Vivaldi den Track "Auserwählt" schrieb. Beim Finale des "Vivaldi-Experiments" präsentierte er den Song zusammen mit dem WDR FUNKAUSORCHESTER KÖLN und der Star-Geigerin Mariella Haubs.

Klassik und Rap. Warum nicht?

Fremde Musik sampeln – eigentlich ein alltäglicher Vorgang im HipHop. Doch nur selten nehmen sich die Rapper dazu die Klassik vor. MoTrip sah das Vivaldi Experiment als Chance, mit Vorurteilen über HipHop und Klassik aufzuräumen. Seine Lyrics zur Musik eines vor 275 Jahren verstorbenen Komponisten zu schreiben und zu rappen – das sei eine Herausforderung gewesen, aber auch sehr inspirierend, so der Rapper: "Man hat weniger Grenzen gespürt als sonst. Es fühlt sich gut an, sich selber auszuprobieren zu einer Musik, die so groß und so bekannt und so bewegend ist.“

Jugendliche dazu zu bringen, offen für alles und experimentierfreudig sein – das sei das Allerwichtigste an dem Projekt, meint Maximilian Stössel, Redakteur für Musikvermittlung beim WDR. Als "Warm-Upper" stimmte er die Kids auf die große Abschluss-Show ein, übte mit ihnen nochmal den Refrain. Doch den kannten alle, schließlich hatten viele von ihnen auf der Web-Seite des Vivaldi-Experiments ein Video hochgeladen, in dem sie den Refrain einsangen. Auf zwei Leinwänden wurden alle Einreichungen als virtueller Backgroundchor zur Unterstützung MoTrips eingespielt. Doch bevor es so weit war, erwartete das junge Publikum ein fulminantes Programm.

Zur Einstimmung gab es MoTrips Megahit "So wie du bist" begleitet von der Sängerin Lary, einem Live-DJ, dem Orchester und Mariella Haubs an der Violine. Schon da zeigte sich, dass hier zwei Welten aufeinandertreffen, die wunderbar zusammenpassen. Vivaldis "Die vier Jahreszeiten" und die multimediale Geschichte "Anna Maria & der Vivaldi Effekt“ von und mit Moderator Peter Saurbier führten das Programm fort. Die märchenhafte Erzählung über ein Findelkind, das durch Vivaldis Förderung Karriere als Geigerin machte, basiert auf wahren Begebenheiten: Der Komponist engagierte sich für unterprivilegierte Kinder.

Experiment geglückt!

"Ist das mal 'n geiler Musikunterricht?", fragte Chris Tall, und brachte das Publikum mit Geschichten über seine Schulzeit zum Lachen. Mit seinem YouTube-Video "Chris Tall vergeigt" hatte der Stand-Up-Comedien im Vorfeld die Werbetrommel für das Event gerührt. Der Auftritt des Elektro-Duos "dyrtbyte" und der mehrfachen deutschen Breakdance-Meister "Reckless Crew" lösten Begeisterungsstürme aus. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der Konrad-Adenauer-Schule Bad Honnef hatten die Tänzer eine Choreografie auf Vivaldis "Sommer" erarbeitet.

Und dann war es endlich so weit. MoTrip rappte den Song "Auserwählt", um den es bei diesem Event ging: "… Zeit um endlich aufzusteh'n, jeder Mensch ist auserwählt ...". Dazu sang der virtuelle Chor und das Publikum stand auf und sang mit – Gänsehaut pur. Außerdem auf den Leinwänden zu sehen: Videos der zahlreichen Workshops und Projekte zur Musik Vivaldis, die an Schulen in ganz Deutschland und in Kooperation mit den anderen ARD-Anstalten und deren Klangkörpern stattfanden. Da wurde komponiert, getrommelt, geflötet, getanzt, gedichtet, geslamt und gebloggt.

"Wir haben uns im Projektteam sehr genau überlegt, wie es funktionieren kann, dass die Crossover-Show zum Vivaldi-Experiment im Fernsehen, im Radio und online gelingen kann", sagte Projektleiterin Walburga Fleischer. "Ich bin glücklich über das Ergebnis." Das Experiment sei geglückt und die ARD habe sich erneut als großer Musikvermittler bewiesen, urteilte die sichtlich bewegte WDR-Hörfunkdirektorin Valerie Weber. "Zeigen, wo die Brücken in der Musik liegen“, sei das Ziel des "Vivaldi-Experiments" gewesen. Dazu müsse man den Kids entgegengehen, sich nicht nur in Konzerträumen verschanzen. Eins hat das Experiment mit Sicherheit bei allen Beteiligten erreicht: Es hat Vivaldis "Die vier Jahreszeiten" zum Ohrwurm gemacht. Und bestimmt hat es bei einigen auch die Lust auf mehr Klassik geweckt.

Stand: 30.09.2016, 16:00