Gysi zum Ordensritter "wider den tierischen Ernst" geschlagen

Gysi zum Ordensritter "wider den tierischen Ernst" geschlagen

Von Richard Derichs

Am Samstagabend (12.02.2017) wurde Gregor Gysi in Aachen mit dem "Orden wider den tierischen Ernst" ausgezeichnet. Seine Ritterrede widmete er Hornochsen, Donald Trump und Europa.

Als er am Ende seiner Rede einfach "danke" sagte, hatte Gregor Gysi den Saal längst für sich gewonnen. Der 69-jährige Berliner ist der erste Linke, der zum Ordensritter "wider den tierischen Ernst" geschlagen wurde.

Mit der Entscheidung hatte sich der konservative Aachener Karnevalsverein anfangs etwas schwer getan. Jetzt aber rettete Ritter Gregor eine eher durchwachsene Festsitzung, bei der die ganz große Prominenz fehlte.

Durchgestrichen, überschrieben, ergänzt

Dass Gysi vorher tagelang nervös war, war keine Koketterie. Gregor Gysis Redemanuskript war zwar irgendwann mal sauber ausgedruckt worden, aber dann doch immer wieder von Hand durchgestrichen, überschrieben und ergänzt worden. "Da im Käfig kann ich das nachher nicht entziffern", fürchtete Gysi, als er mit Tochter Anna im Saal Platz nahm.

Singende Politiker und Showprofis

Bis zu seinem Auftritt sah Gysi Politkollegen, die es in der Bütt schwer hatten, und andere, die Zugabe-Rufe ernteten: Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hatte allerdings auch nicht gesprochen, sondern "Hurra, wir leben noch" gesungen.

Ordensritter: Von Königen, Plagiaten und XXL-Humor

Von Katja Goebel

Der "Orden wider den tierischen Ernst" zeichnet Menschen mit "Humor und Menschlichkeit im Amt" aus. Am Samstag erhielt ihn Gregor Gysi. Er reiht sich damit ein in eine Reihe prominenter Ritter. Eine Auswahl.

Der Ordensritter 2016: Markus Söder

2016 - Markus Söder: Eines der schrillsten Kostüme in der Geschichte der Ordensverleihung trug der Bayerische Finanzminister (CSU). Er tauchte als König Ludwig II in Aachen auf. Sein Ritterschlag war nicht ohne Murren über die Bühne gegangen. Seine damaligen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik hatten der Verleihung auch Kritik eingebracht.

2016 - Markus Söder: Eines der schrillsten Kostüme in der Geschichte der Ordensverleihung trug der Bayerische Finanzminister (CSU). Er tauchte als König Ludwig II in Aachen auf. Sein Ritterschlag war nicht ohne Murren über die Bühne gegangen. Seine damaligen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik hatten der Verleihung auch Kritik eingebracht.

2014 - Christian Lindner: Auch der FDP-Parteichef durfte im den Aachener Narrenkäfig bereits Platz nehmen. Seine Rede hielt der Politiker damals komplett in Versform.

2012 - Ottfried Fischer: Humor in XXL- der Berufskabarettist und Schauspieler halte den Menschen heiter und hintergründig den Spiegel vor, lautete damals die Begründung für den Ritterschlag.

2011 - Karl Theodor zu Guttenberg: "Ich bin lediglich das Plagiat!", so stellte sich der Bruder des eigentlichen Ordensträgers am Abend der Verleihung unter lautem Gelächter des Publikums vor. Der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg war während der rund dreistündigen Feier lediglich als Pappfigur auf der Bühne zugegen.

2009 - Mario Adorf: Der Schauspieler wechselte bei seinem Auftritt gleich mehrmals das Outfit, bewies Witz und Schlitzohrigkeit und sang schließlich auch noch.

2008 - Fürstin Gloria von Thurn und Taxis: Sie hielt vor den Karnevalisten eine launige Rede über Gleichberechtigung. "Welcome Powerfrau - Schneewittchen ade!"

2005 - Karl Lehmann: Der Mainzer Kardinal stieg als Hirte verkleidet auf die Aachener Bühne. Heiterkeit und Gelassenheit seien Gaben, die ein Christ haben müsse, hatte Lehmann im Vorfeld der Verleihung betont.

2004 - Henning Scherf: Der damalige SPD-Bürgermeister von Bremen hatte sich zur Ordensverleihung gleich standesgemäß ins Ritterkostüm geworfen - blonde Lockenperücke inklusive. "Allüren sind dem Nordlicht fremd", urteilte der Aachener Karnvevalsverein.

1979 - Hans-Dietrich Genscher: Auch der ehemalige Außenminister bekam 1979 die närrische Trophäe. Das Bild zeigt ihn bei einer Festsitzung in Aachen im Jahr 2008.

1978 - Ephraim Kishon: Der Israelische Schriftsteller hielt damals in Aachen eine satirische Rede zum Verhältnis zwischen Bürgern und Behörden.

Seit 1950 wird der Orden von der Aachener Karnevalsgesellschaft verliehen. Die Idee dazu hatte Jacques Königstein, damaliger Präsident des Aachener Karnvevalvereins. (Das Bild zeigt ihn bei einer Rede 1959) Erster Ordensritter war übrigens ein britischer Militärstaatsanwalt, der einen Verurteilten über die Karnevalstage aus der Haft entlassen hatte.

Bühnenprofis wie Ingo Appelt und Bernd Stelter setzten routiniert ihre Pointen, Schlagerlegende Wencke Myhre holte das "knallrote Gummiboot" hervor und Aachener Karnevalsgrößen gaben der Sitzung Lokalkolorit. Was wäre schließlich eine Ordensverleihung ohne Prinz, Gardetanz und Öcher Liedgut.

Weniger Prominenz als sonst üblich

Gewöhnlich ist Aachen aber auch ein Gipfeltreffen für amtierende Bundesminister und Landesfürsten, die die TV-Sitzung nutzen, um sich dem Wahlvolk fröhlich zu präsentieren. Ausgerechnet eine Wahl aber hielt die Mandatsträger diesmal aus Aachen fern: Die des Bundespräsidenten in Berlin sorgte für Terminprobleme. Auch frühere Ritter machten sich rar: Nur sechs von ihnen waren im Saal.

Gemeinsamkeit mit Markus Söder

Der Laudator Markus Söder (CSU) wird auf einer Videoleinwand zugeschaltet

Markus Söder auf der Videoleinwand

Unter ihnen fehlte sogar einer, der eigentlich die Laudatio auf Gregor Gysi hätten halten müssen: Markus Söder. Der Vorjahresritter und bayrische Finanzminister fand immerhin per Videobotschaft Gemeinsamkeiten mit dem politischen Gegner. Im Trachtenanzug erklärte er, wie Gysi leidensfähig zu sein. Dieser habe es mit Oskar Lafontaine bewiesen, er mit Horst Seehofer.

Ein Lob bekam Gysi auch von der ersten Frau im Aachener Ritterkonvent: Gertrud Höhler, Ordensträgerin von 1988, nannte Gregor Gysi einen wahren Narren, "weil er lächelt, während er die Wahrheit sagt".

Urkomisch, hintergründig: Die Ritterrede

Gregor Gysi im Narrenkäfig bei der Ordensverleihung "wider den tierischen Ernst"

Gregor Gysi im Narrenkäfig

Ob er diese Wahrheit am Ende mit dem verkritzelten Manuskript kund tat oder frei von der Leber weg, wird Gregor Gysis Geheimnis bleiben. Jedenfalls traf er den Nerv des Aachener Publikums. Als junger Mann Facharbeiter für Rinderzucht gelernt zu haben, sei ideal für die Politik: "Ich kann ausmisten, melken und mit Hornochsen umgehen."

Den Europäern empfahl er, "rotzfrech" zu Donald Trump zu sein: "Wenn er sein Land abschottet – müssen wir eigentlich ihn einreisen lassen?" Für das geeinte Europa plädierte der Ritter so leidenschaftlich, als spräche er woanders in Aachen, beim Karlspreis nämlich.

Als Preuße im Rheinland angekommen

Am Ende war er einfach froh, als Linker und Preuße im rheinischen Karneval angekommen zu sein: "Wir haben alle ein bisschen zueinander gefunden, wir haben's geschafft, ich bin etwas stolz darauf, deshalb einfach danke."

Stand: 12.02.2017, 09:53