"Eine gute Art, in der Gesellschaft anzukommen"

Pflegefamilien für junge Flüchtlinge

"Eine gute Art, in der Gesellschaft anzukommen"

Am Dienstag (29.09.2015) traf sich in Münster die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, um über ihre neue Mammut-Aufgabe zu sprechen - die Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Dabei setzen die Ämter auch auf Pflegefamilien, die Starthilfe in der neuen Heimat geben wollen.

Landesweit sind nach Schätzung der Bezirksregierung Arnsberg in diesem Jahr 5.000 junge Menschen ohne Familie nach NRW gekommen. Als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden offiziell Menschen bezeichnet, die noch nicht volljährig sind und ohne sorgeberechtigte Begleitung aus ihrem Heimatland in ein anderes Land flüchten oder dort zurückgelassen werden. Sie werden zunächst vom örtlich zuständigen Jugendamt in Obhut genommen. Meist wohnen die Jugendlichen dann bis zum 18. Lebensjahr in einer sozialpädagogischen Wohngruppe. Für die Betreuung sind unter anderem die Diakonie und die Caritas zuständig. Im Düsseldorfer Raum sucht die Diakonie nun gemeinsam mit der Stadt nach Familien, die einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling bei sich aufnehmen. Wir sprachen mit Helga Siemens-Weibring, von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe.

WDR.de: Frau Siemens-Weibring, wie viele minderjährige unbegleitete Flüchtlinge betreut die Diakonie in NRW denn zur Zeit ?

Helga Siemens-Weibring: Wir haben etwa 750 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in unseren Einrichtungen, sowohl in den Notaufnahmen als auch auf regulären Plätzen. Wir haben aber das Gefühl, dass wir erst am Anfang einer Entwicklung stehen.

WDR.de: Und für einige von diesen jungen Menschen suchen Sie jetzt Pflegefamilien Wie ist da das Prozedere? Wie bei den herkömmlichen Pflegefamilien, die ein Kind aus Deutschland aufnehmen?

Helga Siemens-Weibring

Helga Siemens-Weibring von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe

Siemens-Weibring: Es ist das ganz normale Prozedere, das auch bei den Jugendlichen aus Deutschland durchlaufen wird. Als interessierte Pflegefamilie muss man sich erst einmal beim Jugendamt melden. Die schauen dann, ob die Familie geeignet ist – also man prüft die Räumlichkeiten und den Hintergrund der Familie. Man muss sagen: Bei jungen Flüchtlingen sind Pflegefamilien eine gute Art, in der Gesellschaft anzukommen. Diese Menschen haben besondere Bedürfnisse.

WDR.de: Was meinen Sie genau mit besonderen Bedürfnissen?

Siemens-Weibring: Die minderjährigen Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben eine sehr lange Fluchtgeschichte hinter sich. Das heißt: Sie waren lange komplett auf sich allein gestellt. Daher sind sie also durchaus sehr eigenständig - es ist ja ein Riesenschritt, das Land und die Familie zu verlassen. Andererseits sind sie durch die Erfahrungen, die sie gemacht haben, häufig sehr traumatisiert. Und sie haben überhaupt keinen Anker hier. Den benötigen sie aber, gerade auf Grund ihrer Erfahrungen.

WDR.de: Bekommen die Familien daher auch eine besondere Unterstützung? Eine, die sie auch auf solche Themen wie Traumatisierung besser vorbereitet?

Siemens-Weibring: Was das Finanzielle angeht: Die monatliche Unterstützung ist genauso hoch wie bei anderen Pflegefamilien. Aber es gibt eine besondere Begleitung. Jeder unbegleitete minderjährige Flüchtling bekommt einen Vormund, einen Amtsvormund oder einen privaten Vormund, der zusammen mit der Familie all die Stadien durchlaufen wird, die notwendig sind – zum Beispiel beim Asylverfahren oder bei einem Antrag auf humanitären Aufenthalt. Außerdem begleiten die jeweiligen Träger wie die Diakonie beispielsweise die Familien auch, indem sie Fortbildungen anbieten. Es gibt auch Gruppen, in denen die Pflegefamilien sich über das Erfahrene austauschen können. Es findet also eine kontinuierliche Begleitung statt. Anders ginge es auch gar nicht.

WDR.de: Inwiefern weiß man, ob die Jugendlichen überhaupt für eine Aufnahme in einer Familie geeignet sind?

Siemens-Weibring: Ich glaube, dass nicht jeder Jugendliche dafür geeignet ist. Aber einige sind in Familien tatsächlich besser aufgehoben. Sie können sich in der geschützten Umgebung einer Familie besser entwickeln als in einem Heim oder in einer Wohngruppe. Man muss auch sagen, dass es bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen so ist, dass man vieles erst im Laufe der Zeit erfährt. Viele sind zu Beginn nicht besonders auskunftsfreudig – was man auf Grund der Geschichte auch verstehen kann. Daher muss man schon wissen, dass die Aufnahme eines solchen Jugendlichen sehr betreuungsintensiv sein kann. Es sind pubertierende Jugendliche, meist im Alter zwischen 16 und 17 Jahren, die ganz normale Liebesbedürfnisse haben, die Zuwendung und Geborgenheit suchen. Aber auf Grund ihrer Fluchterfahrung haben sie eine hohe Eigenständigkeit. Das birgt Konfliktpotenzial. Daher sollten es tolerante Eltern sein, mit pädagogischem Geschick und Einfühlungsvermögen.

WDR.de: In Notfällen kann man sicher auch einen Therapeuten zu Hilfe ziehen, oder?

Siemens-Weibring: Auf alle Fälle. Da sieht sich das Jugendamt auch in der Pflicht, einen Therapieplatz mit zu organisieren. Generell muss man sagen: Gerade wenn man ein älteres Kind aufnimmt, kann es belastend werden. Hinzu kommt, dass man die soziale Herkunft nicht genau kennt, dass die Sprache unbekannt ist, dass die Religion eine andere ist - und dass man nicht weiß, in welcher Situation die Eltern hinterlassen wurden. Die Lebensplanung ist zudem recht unsicher. Denn selbst, wenn man als Asylsuchender anerkannt ist, gilt dies erstmal nur für drei Jahre.

WDR.de: Gibt es rechtliche Aspekte, die man beachten muss?

Siemens-Weibring: Es ist wie bei allen Pflegefamilien: Die Pflegeeltern sind nicht vollverantwortlich. Grundentscheidungen werden zusammen mit dem Jugendamt und dem Vormund getroffen – zum Beispiel, was die schulische und berufliche Ausbildung angeht. Bei normalen Alltagsentscheidungen sind die Pflegeeltern aber für die Jugendlichen die Hauptansprechpartner.  

WDR.de: Haben Sie bereits Erfahrungen mit Pflegefamilien machen können?

Siemens-Weibring: Es gibt erste Erfahrungen in Norddeutschland und im Raum Nürnberg. In NRW sind wir mit die ersten, die für die jungen Flüchtlinge nach Pflegefamilien suchen. Die Stadt unterstützt das auch, weil wir insgesamt am Rande unserer Kapazitäten sind – mit unseren Heimplätzen und den Notunterkünften.  

Das Gespräch führte Nina Giaramita.

Stand: 29.09.2015, 06:00