"Lügenpresse" hat keine Mehrheit

Plakat mit der Aufschrift "Lügenpresse halt die Fresse"

Umfrage zur Glaubwürdigkeit der Medien

"Lügenpresse" hat keine Mehrheit

Mit dem alten Nazi-Kampfbegriff "Lügenpresse" bringen die Anhänger der "Pegida"-Bewegung gerne ihre Verachtung für die Medien zum Ausdruck. Der überwiegende Teil der Bundesbürger sieht das anders. Das ergab eine Studie des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap.

Ganz anders als die islam- und fremdenfeindlichen "Pegida"Aktivisten hält nur etwa jeder zehnte Deutsche die Qualität der Medien in Deutschland für schlecht. 88 Prozent bewerten das Informationsangebot von Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen und Internet als gut oder sehr gut. Das ist das Ergebnis einer Studie des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap für das Medienmagazin "Töne, Texte, Bilder" der Hörfunkwelle WDR 5. Infratest dimap hatte dafür am Donnerstag und Freitag dieser Woche 750 Bundesbürger befragt.

20 Prozent denken an "Lügenpresse"

So teilen auch 72 Prozent den Vorwurf der "Lügenpresse" nicht - ein nationalsozialistischer Schmäh- und Kampfbegriff, der vor allem bei den "Pegida"-Protesten verwendet wird. 20 Prozent gaben an, dass sie persönlich von "Lügenpresse" sprechen würden, wenn sie an Zeitungen, Radio und Fernsehen in Deutschland denken, in der Gruppe der AfD-Wähler sind es insgesamt 53 Prozent und unter den Nichtwählern 39 Prozent.

Konfliktforscher: Orientierungslosigkeit befördert Propaganada

Diese 20 Prozent stellen für den Konfliktforscher Prof. Andreas Zick "einen relativ hohen Wert" dar. Der Direktor des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung sagte dazu dem WDR: "Die Bezeichnung 'Lügenpresse' ist ein sehr hartes Urteil aus dem rechtspopulistischen Raum. Diese Menschen sind von den etablierten Medien eindeutig nicht mehr zu erreichen und orientieren sich woanders. Sie befinden sich im Zustand der Orientierungslosigkeit - und in diesem Zustand greift Propaganda. Diese 20 Prozent sind für Populisten durchaus noch ausbaufähig."

Öffentlich-Rechtliche am glaubwürdigsten

52 Prozent der Befragten allerdings halten die Informationen in den deutschen Medien alles in allem für glaubwürdig. Etwa vier von zehn Befragten und damit 42 Prozent haben daran Zweifel und antworteten mit "nicht glaubwürdig". Deutliche Unterschiede offenbart allerdings der Blick auf einzelne Medien. Die höchste Glaubwürdigkeit bescheinigten die Deutschen demnach dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk: 77 Prozent halten ihn für glaubwürdig, beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind es 71 Prozent.


Boulevardpresse bildet Schlusslicht

Nur 31 Prozent halten das Privatfernsehen für glaubwürdig, etwas besser sind die Werte für private Radiosender mit 45 Prozent. Auch Tageszeitungen genießen ein vergleichsweise großes Vertrauen, hier antworteten 68 Prozent mit "glaubwürdig". Deutlich fiel dagegen das Urteil über die Boulevardpresse aus: Nur sechs Prozent der Befragten hält sie für "glaubwürdig", 89 Prozent antworteten mit "weniger glaubwürdig". Das Internet ist für 31 Prozent der Befragten ein glaubwürdiges Medium, 53 Prozent der Deutschen bezweifeln dies.

Konkrete Vorbehalte gibt es, was den Einfluss der Politik auf die Berichterstattung der Medien betrifft. Der Studie zufolge gehen 42 Prozent der Deutschen davon aus, dass es politische Vorgaben für die Medien gibt, 54 Prozent glauben das nicht.

Stand: 31.10.2015, 14:55