NRW sieht Problem-Atomreaktor als Gefahr

Belgien fährt Tihange hoch

NRW sieht Problem-Atomreaktor als Gefahr

  • Belgien fährt umstrittenen Atomreaktor Tihange wieder hoch
  • Sorgen in Grenzregion um Störfall
  • Landesregierung will Druck auf Belgien ausüben

Nach mehrtägigen Verzögerungen ist der belgische Atomreaktor Tihange 2 wieder hochgefahren. Das rund 70 Kilometer westlich von Aachen gelegene Kraftwerk sei am Montagabend (14.12.2015) um 21.21 Uhr ans Netz gegangen, teilte der Betreiber Electrabel im Internet mit. Die Wiederinbetriebnahme sei vollkommen sicher gewesen.

Der Reaktor war im März 2014 wegen Sicherheitsbedenken abgeschaltet worden, nachdem tausende Haarrisse an den Reaktorbehältern gefunden worden waren. Inzwischen ist klar: In dem Behälter befinden sich aktuell 3.149 Risse, der längste von ihnen soll über sechs Zentimeter lang sein. Vor drei Wochen hatte die belgische Atomkontrollbehörde AFCN aber grünes Licht für die Wiederinbetriebnahme gegeben und damit auch in Deutschland Proteste ausgelöst. Die Atomaufsichtsbehörde AFCN erklärte seinerzeit, Electrabel habe bei den Untersuchungen zeigen können, "dass die Mikroblasen in den Wänden der Reaktorbehälter keinen unannehmbaren Einfluss auf die Sicherheit" hätten.

Er halte es für einen großen Fehler, die umstrittenen Kraftwerksblöcke wieder ans Netz zu geben, sagte Wirtschafts- und Energieminister Garrelt Duin (SPD) am Dienstag (15.12.2015) in Düsseldorf. "Diese Kraftwerke genügen nicht im Geringsten unseren Sicherheitsanforderungen und stellen eine Gefährdung für die Bürgerinnen und Bürger in Nordrhein-Westfalen dar." Die Bundesregierung solle deshalb Druck auf die belgische Regierung ausüben, forderte Duin. Auch NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) erneuerte seine Kritik. "Seit Jahren nehmen die Probleme in der Anlage zu, zeitweise konnte sogar radioaktives Wasser durch Mikrorisse an einem Abklingbecken entweichen", erklärte er.

Region prüft rechtliche Möglichkeiten

Atomkraftwerk Tihange

3.149 Risse - "kein unannehmbarer Einfluss auf die Sicherheit"

Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) forderte eine internationale Sicherheitsüberprüfung von Tihange. "Es gibt ein Kraftwerk mit offensichtlichen Mängeln und keine schlüssige Antwort darauf, dass es 100 Prozent ungefährlich ist", sagte Philipp. Die Aachener Region prüfe auch rechtliche Möglichkeiten. Auch das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie hält den Reaktor für "außerordentlich gefährlich". Ein Netz aus Bürgerinitiativen aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland hatte für eine Petition an den belgischen Innenminister mehr als 100.000 Unterschriften gegen ein Wiederanfahren gesammelt.

Katastrophenübung in Aachen

Von einem Störfall in dem 40 Jahre alten Reaktor wären je nach Ausmaß des Unfalls auch Gebiete bis weit nach NRW hinein betroffen. Das NRW-Innenministerium hatte daher schon vor einem Jahr die Kommunen in diesem Bereich aufgefordert, einen entsprechenden Katastrophenschutzplan vorzulegen. Die Stadt Aachen simulierte einen Störfall im Reaktor inklusive der Verteilung von Jodtabletten an die Bevölkerung.

Stand: 15.12.2015, 14:59