Wann geht der "Bröckel-Reaktor" ans Netz?

Risiken des belgischen Atommeilers

Wann geht der "Bröckel-Reaktor" ans Netz?

  • Maroder Atommeiler in Belgien soll am Montag (14.12.2015) wieder hochgefahren werden
  • über 3.000 Risse im Reaktorbehälter
  • Proteste auch in Deutschland

Der umstrittene Reaktor Tihange 2 soll am Montag (14.12.2015) um 21.30 Uhr wieder ans Netz gehen. Das teilte der Betreiberkonzern Electrabel mit. Ursprünglich war geplant, den Reaktor bereits am Freitag in Betrieb zu nehmen, dann wurde der Start mehrfach verschoben - aus technischen Gründen, wie die Firma zunächst angab. Zuletzt hatte es geheißen, der Reaktor gehe Sonntagmittag ans Netz. Doch wegen anhaltenden Probeversuchen wurde dann Sonntagnacht als neuer Zeitpunkt ausgegeben. Auch dieser Termin konnte nicht eingehalten werden.

Das Kraftwerk Tihange mit seinen qualmenden Türmen.

Atomkraftwerk in Tihange - tickende Zeitbombe?

Auch der Atommeiler Doel 3 bei Antwerpen sollte ursprünglich am Freitag wieder ans Netz gehen. Auch dieser Termin wurde verschoben: Aktuell ist offenbar geplant, den Meiler am 25.12.2015 wieder in Betrieb zu nehmen. Beide Reaktoren waren für anderthalb Jahre still gelegt worden. Der Grund: Es gab Sicherheitsbedenken wegen tausender Haarrisse im Reaktordruckbehälter. Vor drei Wochen hatte die belgische Atomkontrollbehörde grünes Licht für die Wiederinbetriebnahme gegeben und damit auch in Deutschland Proteste ausgelöst.

Katastrophenübung in Aachen

Denn von einem Störfall in Tihange wären je nach Ausmaß des Unfalls auch Gebiete bis weit nach NRW hinein betroffen. Das NRW-Innenministerium hatte daher schon vor einem Jahr die Kommunen in diesem Bereich aufgefordert, einen entsprechenden Katastrophenschutzplan vorzulegen. Spektakulär machte die Stadt Aachen erst am Montag auf die möglichen Gefahren durch den nur 60 Kilometer entfernten Reaktor aufmerksam. Der Krisenstab der Aachen simulierte einen Störfall im Reaktor inklusive der Verteilung von Jodtabletten an die Bevölkerung. Die Absicht, Tihange 2 trotz der Haarrisse wieder hochzufahren, sei bedrohlich und unverantwortlich, sagte Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU). Möglichkeiten, die Inbetriebnahme mit rechtlichen Schritten noch abzuwenden, gibt es offenbar nicht. Wie die Stadt Aachen dem WDR am Freitag mitteilte, habe man diese Option erfolglos geprüft.

Atomkraftwerk Tihange

Tihange soll wieder hochgefahren werden.

Auch der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) kritisierte den Weiterbetrieb der Kernkraftwerke scharf. "Diese gefährlichen Reaktoren müssen vom Netz", so Duin. Weitere Laufzeitverlängerungen seien "unverantwortlich". Auch sein Kabinettskollege Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) fand deutliche Worte für die Pläne der Belgier. "Ich fordere unsere Nachbarn auf, die Sicherheitsvorsorge höher zu gewichten als die schnelle Dividende für den Betreiber. Schalten Sie die Bröckel-Reaktoren endlich ab", kommentierte Remmel die Anschalterlaubnis der Atombehörde.

Über 3.000 Risse in der Druckbehälterhülle

Tihange 2 ist bereits 40 Jahre alt und war bereits mehrfach wegen Störfällen in den Schlagzeilen. Vor drei Jahren wurden dort Risse im Druckbehälter endeckt, der Reaktor wurde daraufhin stillgelegt. Im Dezember 2014 gab die belgische Atomaufsicht bekannt, dass die Schäden dort stärker seien als zunächst angenommen: In dem Behälter befinden sich nach aktuellem Stand 3.149 Risse, der längste von ihnen soll über 6 cm lang sein. Der Druckbehälter ist aus Stahl, in ihm befinden sich der Reaktorkern sowie hochradioaktiver Kernbrennstoff. Untersuchungen zeigten, dass die ständige radioaktive Strahlung während des laufenden Betriebs den Stahl im Reaktorbehälter unerwartet brüchig gemacht hat. Das Problem: Genau diese Stahlhülle soll bei einer möglichen Explosion im Inneren des Reaktors den Austritt von Radioaktivität verhindern. Da die Risse offenbar schon während des Baus des Kraftwerks durch Fehleinschlüsse von Wasserstoffflocken entstanden sind, wertet die Aufsichtsbehörde ihr Auftreten als unbedenklich. Die Betriebserlaubnis für den Kraftwerksblock endet 2023.

Stand: 14.12.2015, 18:31