Forscherin will Tierversuche reduzieren

Versuchsmaus wird gespritzt

Tierversuchsfreies Zentrum in Düsseldorf

Forscherin will Tierversuche reduzieren

In Düsseldorf kann jetzt das tierversuchsfreie Zentrum offiziell seine Arbeit aufnehmen. Das NRW-Wissenschaftsministerium unterstützt die Initiative bis 2019 mit insgesamt einer Million Euro.

Wir sprachen mit Professorin Ellen Fritsche. Sie leitet das Centrum für Ersatzmethoden zum Tierversuch (CERST) am IUF - Leibniz Institut für umweltmedizinische Forschung.

WDR: Was genau erforschen Sie in ihrem Labor?

Ellen Fritsche

Ellen Fritsche

Ellen Fritsche: Wir untersuchen, wie Chemikalien und Medikamente auf Ungeborene und Kleinkinder wirken. Es gibt viele Medikamente, die in der Schwangerschaft fatale Auswirkungen auf den Fötus haben können. Diese Präparate testen wir – ohne Tiere. Wir benutzen dafür aus Hautzellen generierte Stammzellen. Die kommen in eine Petrischale und die Chemikalien werden dazu gegeben. Dann beobachten wir, ob Missbildungen an den Zellen entstehen.

WDR: Liefern Tierversuche denn nicht genauere Ergebnisse als die Forschung in der Petrischale?

Versuchsmäuse

Tierversuche führen oft nicht zu guten Ergebnissen in der Forschung

Fritsche: Das Problem bei Tierversuchen ist, dass sie nicht vollständig auf den Menschen übertragen werden können. Es kann funktionieren, muss es aber nicht. Wenn Forscher zum Beispiel Medikamente an Tieren testen, kann das später ganz andere Nebenwirkungen beim Menschen haben. Nehmen wir das Beispiel Contergan. Ratten und Mäuse haben eine weitaus geringere Empfindlichkeit als der Mensch Mißbildungen hervorzurufen. Diese Katastrophe hat erstmals gezeigt, dass es Unterschiede in der Anwort auf Arzneimittel zwischen verschiedenen Spezies gibt.

WDR: Welche Tierversuche könnten durch ihre Forschung ersetzt werden?

zwei Finger halten eine Petrischale mit Bakterien

Menschliche Hautzellen sollen Tiere ersetzen

Fritsche: Bisher werden die Auswirkungen von Chemikalien auf Ungeborene an schwangeren Nagetieren getestet. Die Tiere werden mit der Substanz belastet und dann werden später die Organe der Nachkommen untersucht. Unsere Tests in der Petrischale können diese Tests nicht sofort ersetzen. In der Petrischale passiert natürlich viel weniger als in einem vollständigen Organismus. Erstmal müssen wir deshalb Tierversuche und unsere Forschung miteinander kombinieren.

WDR: Wann rechnen Sie mit einer vollkommen tierversuchsfreien Forschung?

Fritsche: Langfristig wollen wir die Tierversuche natürlich abbauen. Aber das wird uns nicht in den nächsten drei Jahren gelingen. Das braucht mehr Zeit. Wir müssen die Tests in den Petrischalen mit Computer-Modellen verknüpfen. Außerdem brauchen wir weltweite Daten aus Krankenhäusern, die wir mit unserer Arbeit zusammenführen. Unsere Forschung ist ein wichtiger Anfang. Sonst werden wir Tierversuche nie ersetzen können. 

Das Interview führte Meriem Benslim.

Stand: 13.10.2015, 11:47