Thyssen-Krupp: Keine Zeit zum Verschnaufen

Heinrich Hiesinger vor dem im November 2015 vorgestellten neuen Thyssen-Krupp-Logo

China-Krise belastet Stahlbranche

Thyssen-Krupp: Keine Zeit zum Verschnaufen

Von Christoph Stehr

  • Bis auf Steel Americas machen alle Sparten Gewinn
  • Flaute in China wirkt sich negativ auch auf das Industriegeschäft aus
  • Ausstieg aus dem Stahlgeschäft wird wieder diskutiert

Der harte Sanierungskurs, den der Essener Industrie- und Stahlkonzern Thyssen-Krupp seit 2011 unter Heinrich Hiesinger fährt, zeigt Wirkung. Das Geschäftsjahr 2014/15 schloss mit einem operativen Gewinn von 1,7 Milliarden Euro ab. Wichtiger war dem Vorstandsvorsitzenden aber das Erreichen einer anderen Zielmarke: Erstmals seit 2005/2006 war der Mittelzufluss aus dem Tagesgeschäft, der sogenannte Free Cashflow vor Desinvestitionen, wieder positiv. "Wir haben geliefert, was wir versprochen haben. Wir haben Thyssen-Krupp stabilisiert und die Integration des Konzerns weiter vorangetrieben", sagt Hiesinger.

Die Aktionäre dürften dem Management auf der Hauptversammlung am Freitag (29.01.2016) im Ruhr Congress Bochum also einen freundlichen Empfang bereiten. Die wenigen kritischen Stimmen, die sich in Gegenanträgen niederschlagen, betreffen nicht die Geschäftsentwicklung, sondern Dauer-Themen wie Rüstungsexporte oder Menschenrechtsverletzungen bei ausländischen Zulieferern. Die Erhöhung der Dividende von elf auf 15 Cent je Aktie dürfte die Stimmung zusätzlich heben. Trotzdem wird es Hiesinger nicht leicht fallen, die Gewinnprognose von 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro für 2015/16 zu verteidigen.

Erste Werksschließungen

Das größte Problem für Thyssen-Krupp ist die Schwäche der chinesischen Wirtschaft, die immer noch wächst, aber langsamer als jemals zuvor in den vergangenen 25 Jahren. Die Stahlindustrie bekommt das unmittelbar zu spüren. "In den letzten Jahren sind riesige Überkapazitäten in China aufgebaut worden sind, die nun zu Dumpingpreisen Stahl auf die Weltmärkte liefern“, sagt Gerhard Bittner, Branchenexperte der Managementberatung A.T. Kearney in Wien. "Erste Auswirkungen der chinesischen Stahlschwemme zeigen sich bereits in Europa: Tata Steel hat die Schließung von Standorten in Großbritannien angekündigt. Es sind auf europäischer Ebene weitere Werksschließungen beziehungsweise Restrukturierungen verschiedener Unternehmen zu erwarten."

Thyssen-Krupp macht da keine Ausnahme. Im Dezember 2015 veröffentlichte die Stahlsparte ihr Strategieprogramm "One Steel", das für eine stärkere Kunden-Orientierung, mehr Effizienz in der Herstellung und eine straffere Produktpalette sorgen soll. "One Steel" löst "Best-in-class Reloaded" ab, ein klassisches Kostensenkungsprogramm von 2013, das 600 Millionen Euro einsparen half. Nur so konnte die europäische Stahlsparte, die bundesweit noch knapp 27.600 Mitarbeiter, davon 20.000 in Duisburg, hat, im Geschäftsjahr 2014/15 einen operativen Gewinn von 492 Millionen Euro erwirtschaften und sich auf Augenhöhe mit den Sparten Aufzüge, Maschinenteile, Anlagenbau und Werkstoffe präsentieren. Sorgenkind bleibt das amerikanische Stahlgeschäft, das separat geführt wird und nach wie vor rote Zahlen schreibt.

Alarm in allen Sparten

Fest steht, dass Hiesinger nicht nur eine Lösung für die Stahlsparte braucht. Denn die Schwäche der chinesischen Wirtschaft trifft nicht nur das Geschäft mit Roh- und Grundstoffen, sondern den gesamten Industriesektor: Wenn weniger Fabriken in Fernost hochgezogen werden, sinkt auch der Absatz von Maschinen, Infrastruktur- und Ingenieurleistungen. Dagegen müssen alle Sparten von Thyssen-Krupp kämpfen, sogar die erfolgsverwöhnte Aufzugtechnik. Auf der Hauptversammlung in Bochum ist Hiesinger folglich gezwungen, den Aktionären eine Strategie für den gesamten Konzern vorzulegen

Stand: 29.01.2016, 11:53

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