Hauptversammlung von Thyssen-Krupp Scharfe Kritik an der Konzernspitze

Milliardenverluste, Missmanagement und Affären - bei der Hauptversammlung von Thyssen-Krupp am Freitag (18.01.2013) hatten die Aktionäre reichlich Grund, ärgerlich zu sein. Vor allem Aufsichtsratschef Cromme stand im Kreuzfeuer - und wurde am Ende doch entlastet.

Aufatmen beim ThyssenKrupp-Vorstand und dem Aufsichtsrat. Nach fast zwölfstündiger Hauptversammlung erteilten die Aktionäre am späten Freitagabend (18.01.2013) den Managern die Entlastung, wenn auch nicht mit glänzendem Ergebnis. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der im Mittelpunkt der Kritik stand, kam auf rund 69 Prozent. Konzernchef Heinrich Hiesinger musste sich mit einer Zustimmung von 70,76 Prozent zufriedengeben.

Aktionärsschützer: "Angemessenes" Ergebnis

"Das war eine Watschen für Herrn Cromme", sagte der Geschäftsführer der deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Marc Tüngler. Das schlechte Ergebnis für Cromme sei "angemessen" angesichts der aktuellen Situation des Konzerns, sagte der Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, Markus Dufner.

Aufsichtsrat will auf Geld verzichten

"Ja, wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können", räumte Cromme Fehler des Aufsichtsrats ein. Aber das Gremium habe immer dann konsequent gehandelt, wenn entsprechende Fakten dies ermöglicht hätten. "Wir haben die Kraft gehabt, Fehler zu erkennen, zu korrigieren und die Weichen für die Zukunft zu stellen", sagte Cromme den Aktionären im Bochumer Ruhr Kongress. Er kündigte an, dass der Aufsichtsrat nachträglich auf die Hälfte seiner Bezüge in Höhe von 1,4 Millionen Euro verzichten werde. Das bezeichnete Cromme als Geste der Betroffenheit und Solidarität mit den Anteilseignern.

"Verheerendes" Bild des Konzerns

Er reagierte damit auf die Kritik, die bereits im Vorfeld des Aktionärstreffens von Thyssen-Krupp laut wurde und während der Versammlung erneuert wurde. Angesichts eines Fehlbetrags von fünf Milliarden Euro sprachen viele Aktionäre in Bochum von einem Desaster. Thomas Hechtfischer, Geschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) nannte das Bild des Konzerns "verheerend", viele Aktionäre seien entsetzt. Viele Anteilseigner forderten während der bis zum späten Nachmittag dauernden Aussprache, dem Aufsichtsrat einen Denkzettel zu verpassen und ihm die Entlastung zu verweigern, einige forderten den Rücktritt Crommes.

Der konnte sich allerdings prominenter Unterstützung sicher sein. Berthold Beitz, der Ehrenvorsitzende des Aufsichtsrates von Thyssen-Krupp, hatte sich zusammen mit Cromme demonstrativ vor der Presse gezeigt. Der 99-jährige Firmenpatriarch war überraschend auf der Aktionärsversammlung erschienen.

"Lassen Sie sich nicht beirren"

Die in der Öffentlichkeit geäußerte Kritik bezeichnete Cromme als "bisweilen auch unberechtigt". Was in den Medien stehe, sei letztlich nicht maßgeblich, meinte er. An die Aktionäre appellierte der Aufsichtsratschef: "Lassen Sie sich nicht beirren."

Erste Erfolge der Umstrukturierung seinen bereits erkennbar. Trotz aller Anstrengungen sei es in der Vergangenheit jedoch nicht gelungen, Fehlentwicklungen im Stahlgeschäft in Übersee zu verhindern. "Rechtlich korrekte Entscheidungen bedeuten nicht zwangsläufig auch gute unternehmerische Entscheidungen", so Cromme.

Schulterschluss vor der Kamera


Durch massive Probleme bei den Stahlwerken in den USA und in Brasilien war Thyssen-Krupp im zurückliegenden Geschäftsjahr mit einem Verlust von fünf Milliarden Euro tief in die roten Zahlen gerutscht. Vor dem Hintergrund von Kartell- und Korruptionsfällen betonte Cromme, dass derartige Verstöße vom Aufsichtsrat "mit Nachdruck" verurteilt werden. "Dem Aufsichtsrat ist es außerordentlich wichtig, dass Verantwortung und persönliche Integrität unumstößliche, unverrückbare Maßstäbe in unserem Unternehmen sind und bleiben", so Cromme.

Seilschaften kennzeichneten die Führungskultur

Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger hat sich ebenfalls hinter Aufsichtsratschef Gerhard Cromme gestellt. Es sei der Aufsichtsrat unter der Führung Crommes gewesen, der den derzeitigen Wandel bei dem Unternehmen eingeleitet habe, sagte Hiesinger am Freitag in Bochum. Weil der Aufsichtsrat mit der Kultur bei ThyssenKrupp nicht zufrieden gewesen sei, habe man ihn von außen an die Konzernspitze geholt.


Der Konzernchef räumte ein, bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren sei ihm nicht annähernd bewusst gewesen, wie tief greifend der nötige Veränderungsprozess sein werde. "Unsere alte Führungskultur war an vielen Stellen von Seilschaften und blinder Loyalität gekennzeichnet. Fehlentwicklungen wurden lieber verschwiegen als korrigiert", sagte der Manager. Der eingeleitete Erneuerungsprozess sei schmerzhaft. Doch gebe es dazu keine Alternative. "Wer dabei nicht mitzieht, hat bei uns nichts zu suchen", sagte Hiesinger.

Neue Konzernstruktur angekündigt

Bereits im Oktober dieses Jahres werde der Konzern in einer neuen Struktur arbeiten, kündigte der Vorstandschef an. Mit der Neuordnung im Vorstand habe das Unternehmen bereits den Anfang gemacht. Nach dem Ausscheiden von drei Vorstandsmitgliedern sei nicht geplant, den Vorstand wieder auf sechs Mitglieder aufzustocken.


Stand: 19.01.2013, 11.56 Uhr


Kommentare zum Thema (16)

letzter Kommentar: 23.01.2013, 07.23 Uhr

hajo schrieb am 23.01.2013, 07.23 Uhr:
Thyssen und Krupp waren mal Glanzlichter der deutschen Wirtschaft. Die Vorstände und Aufsichtsräte kannten die Unternehmen, ihre Produkte und unternehmerischen Potentiale. Dann kam die Verschmelzung beider Unternehmen, maßgeblich betrieben von Herrn Cromme. Warum? Unternehmerische Notwendigkeit oder Größenwahn? Unvorstellbar, dass Projekte, wie die Stahlwerke in den USA und Brasilien so aus dem Ruder laufen können. Da hat die Projektleitung und das Controlling auf allen Ebenen versagt. Ein Aufsichtsrat, der solche für ein Unternehmen elementaren Projekte nicht zur Chefsache macht, taugt nichts. Dass Herr Cromme trotz erwiesener Unfähigkeit im Amt bleibt, kann er nur Herrn Beitz verdanken. Wie geht Herr Beitz eigentlich mit dem Krupp-Erbe um?
Deregulierte Aktienunternehmenskultur schrieb am 20.01.2013, 10.22 Uhr:
Den deutschen Aktienunternehmen ging es relativ gut als die deutschen Banken und Versicherungen noch überall Beteiligungen hatten, die Stabilität unabhängig von Zockern und Interessen der Managernetze ins deutsche Wirtschaftsfundament gossen. Ausgerechnet(oder besser gesagt :wer denn sonst als dies selbsternannten Gerechtigkeitsapostel ohne Sinn für Gerechtigkeit) SPD-Grüne(zusammen mit DGB und ver.di!?) begünstigten mit ihren Gesetzesänderungen den Ausstieg, letztendlich kam es DOT.Com-Blase zum Squeeze out per Bafin, als diese die "hochspekulativen" Restaktienbestände bei den Versicherungen monierte und den DAX auf ein Jammertief für alle Renten und Pensionen trieb, eine Delle die viele Pensionsfonds und nicht nur Aktionäre in der Kasse verspürten! Nun haben wir ein Netz von Managern, welches allzeit den Zockerbanken ohne Widerstand in die Arme spielen kann?
Werner Günther schrieb am 19.01.2013, 13.40 Uhr:
Ich kann mich noch gut an jubelnde Aktionäre erinnern als ihnen viele Millionen Euro Dividende gezahlt wurde,dass es gleichzeitig einen Abbau von vielen tausend Arbeitsplätzen gab hatte da nicht zu Protesten der Aktionöre geführt! Im Gegenteil,am liebsten hätten sie ihren Helden Cromme noch eine neue Villa Hügel gebaut ! Die Arbeiter haben ihre Arbeit verloren,sie meine lieben Aktionäre nur ihre Jährliche Dividende auf ihr Vermögen! Nun muß man so etwas aber auch akzeptieren,wer soll den ihre ausstehende Dividende zahlen wenn der Gewinn sich in Verlust gewandelt hat? Die Restbelegschaft,etwa durch weiteren Lohnverzicht? Die Aktionäre sollten sich schämen und beruhigen,die Dividende wird wiederkommen. Die abgebauten Arbeitsplätze allerdings nicht!Aber deswegen haben sie sich ja auch nicht geäergert.
Sabinchen schrieb am 18.01.2013, 20.07 Uhr:
Also es ist immer wieder das Gleiche. Die Manager, also die Elite, baut totalen Bockmist und der kleine Malocher muss die Suppe auslöffeln. Wie wäre das wenn diejenigen die den ganzen Bockmist verursacht haben auch mal zur Kasse gebeten werden.
@Erzkonservativer schrieb am 18.01.2013, 18.39 Uhr:
Ist ja interessant wie sie eklatante Managerfehler ausgleichen wolle. In China wird doch das Selbe passieren weil die Manager dieselben sind.

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