Hauptversammlung von Thyssen-Krupp: Stunde der Wahrheit für Cromme
In letzter Zeit produzierte Thyssen-Krupp ausschließlich Negativschlagzeilen. Einziger Lichtblick ist ein Kaufangebot für das Stahlwerk in Alabama. Die Hauptversammlung am Freitag (18.01.2013) könnte die letzte für Aufsichtsratschef Gerhard Cromme werden.

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Kein Erfolg, kein Anstand, keine Dividende: Thyssen-Krupp steckt in der Krise
- Audio: Hauptversammlung von Thyssen-Krupp [WDR 5] Jörg Marksteiner
An Protestbanner und Sprechchöre sind die Aktionäre von Thyssen-Krupp gewöhnt, wenn sie auf dem Weg zur jährlichen Hauptversammlung die Halle Ruhr-Congress in Bochum betreten. Mal demonstrierten brasilianische Fischer gegen Umweltschäden rund um das Stahlwerk bei Rio de Janeiro, mal politische Aktivisten gegen Geschäfte mit dem Iran, mal deutsche Stahlarbeiter gegen Jobverlust. An diesem Freitag (18.01.2013) dürfte die Stimmung nicht vor, sondern in der Halle hochkochen. Den Vorstand und den Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp erwartet die wahrscheinlich härteste Hauptversammlung in der Unternehmensgeschichte.
Misserfolg und persönliche Verfehlungen
Kein Erfolg, kein Anstand, keine Dividende – auf diese Formel lässt sich die massive Kritik der Aktionäre bringen. Statt dessen ein Rekordverlust von fünf Milliarden Euro, die in den neuen Stahlwerken in den USA und Brasilien versenkt wurden; saftige Strafzahlungen und noch nicht absehbare Schadenersatzforderungen wegen des Schienenkartells; Korruptionsvorwürfe bei Bauprojekten, Luxusreisen auf Firmenkosten, die sich ein Vorstandsmitglied und ein Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat gegönnt haben.
Selbst die einzige positive Nachricht der letzten Wochen ist bei genauerem Hinsehen zweischneidig: Am Donnerstag (17.01.2013) berichtete das "Wall Street Journal", der Stahlkonzern Arcelor-Mittal wolle das Stahlwerk in Alabama für 1,5 Milliarden US-Dollar kaufen. Wettbewerber "Nucor" habe ein Angebot in gleicher Höhe vorgelegt; außerdem biete die brasilianische Siderurgica Nacional insgesamt 3,8 Milliarden US-Dollar für das Werk in Alabama sowie eine Beteiligung an dem Werk in Brasilien. Der Verkaufsprozess geht also voran, was für Thyssen-Krupp gut ist. Schlecht ist, dass die Gebote weit unter den Erwartungen liegen. Thyssen-Krupp wollte zumindest den Buchwert beider Werke, rund sieben Milliarden Euro, erlösen. Realistisch erscheint nun nur etwa die Hälfte.
Unmut im eigenen Lager

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Das Ruhr-Congress-Zentrum in Bochum
Neben dem Topmanagement gerät immer mehr das oberste Kontrollgremium in die Schusslinie – vor allem Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Am Montag (14.01.2013) übte die Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD) öffentlich Kritik an Cromme. Er werde seiner Vorbildfunktion nicht gerecht und solle sein Amt niederlegen. Die VARD – erst 2012 gegründet und knapp 100 Mitglieder stark – ist keine besonders wichtige Stimme der Wirtschaft, wohl aber eine, die für Crommes eigene Zunft spricht. Zuvor hatten bereits die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Düsseldorf, und der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, Köln, den Chefkontrolleur von Thyssen-Krupp ins Visier genommen. Beide Vereine wollen auf der Hauptversammlung gegen die Entlastung des Vorstands und des Aufsichtsrats stimmen. Auch die US-Aktionärsberatung (ISS) empfiehlt ihren Kunden, den Aufsichtsrat nicht zu entlasten.
Der Dachverband der Kritischen Aktionäre verlangt Crommes Rücktritt, die DSW ist zurückhaltender: "Wir haben nie gesagt, Cromme solle den Aufsichtsratsvorsitz niederlegen. Wir haben nur gefragt, ob man allein den Vorstand für die Vorfälle bei Thyssen-Krupp verantwortlich machen könne", sagt Geschäftsführer Thomas Hechtfischer. Die eher moderaten Töne erklären sich durch ein neues Gutachten, wonach der Aufsichtsrat im Hinblick auf die Fehlinvestitionen in den USA und Brasilien seinen Verpflichtungen nachgekommen ist. Anders ausgedrückt: Der Milliardenverlust geht nicht auf das Konto von Cromme & Co.
Eingespieltes Duo

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Berthold Beitz und Gerhard Cromme
Doch es gibt auch andere Meinungen. Cromme und sein Mentor Berthold Beitz, der die Krupp-Stiftung und damit den größten Einzelaktionär von Thyssen-Krupp vertritt, ziehen seit Jahrzehnten die Fäden im Unternehmen. Das Desaster in den USA und Brasilien hätten sie kommen sehen müssen. "Die Rolle im Zusammenhang mit Steel Americas könnte man durchaus hinterfragen, da bei den massiven Problemen mit den Stahlwerksneubauten ein aktiverer Part des Aufsichtsratsvorsitzenden gefragt gewesen wäre", meint Rochus Brauneiser, Stahlanalyst bei Kepler Capital Markets in Frankfurt am Main.
Noch schwieriger ist es, die Rolle der Kontrolleure hinsichtlich der Corporate-Governance-Verstöße zu bewerten. Gemeint sind Praktiken von Thyssen-Krupp, die gegen Gesetze oder gegen die ungeschriebenen Regeln einer guten Unternehmensführung verstoßen. Hier macht Cromme keine gute Figur. "Was das Schienenkartell anbelangt, legen wir besondere Maßstäbe an den Aufsichtsrat und dessen Vorsitzenden an", sagt DSW-Geschäftsführer Hechtfischer. "Thyssen-Krupp ist seit der Beteiligung am Aufzugkartell gewissermaßen vorbestraft. Außerdem verfügt Herr Cromme über umfangreiche Erfahrungen mit solchen Problemen aus seiner Zeit bei Siemens. Herr Cromme hat einen sehr großen Corporate-Governance-Hut auf, nicht umsonst trug früher die Regierungskommission, die einen deutschen Verhaltenskodex für Unternehmen erarbeiten sollte, seinen Namen. Da hätte er besser aufpassen sollen."
Chefkontrolleur auf Abruf

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Kritik an Cromme
Thyssen-Krupp braucht dringend gute Nachrichten. Der Bericht im "Wall Street Journal" war ein Anfang. Vorstandschef Heinrich Hiesinger hat zumindest gezeigt, dass er den Zeitplan für den Verkauf der Stahlwerke in den USA und Brasilien noch halten kann. "Wir sind überzeugt davon, dass wir für diese Werke bis Ende des Geschäftsjahres 2012/2013 neue Lösungen gefunden haben werden", hatte er auf der Bilanzpressekonferenz am 11. Dezember versprochen.
"Der Ausstieg aus Steel Americas erscheint konsequent, die scheinbare Alternativlosigkeit der Strategie kann man aber durchaus hinterfragen", sagt er. So wie Thyssen-Krupp sich einst ohne Wenn und Aber der Stahlproduktion verschrieb, so wird jetzt das Industriegeschäft, also Aufzüge, Maschinen- und Anlagenbau, vorangetrieben. Ziel ist es, den Konzern wieder in die Gewinnzone zu steuern und Schulden abzubauen.
Wie lange Cromme diesen Weg noch als Aufsichtsratschef mitgehen wird, weiß niemand. Der 69-Jährige steht praktisch auf Abruf bereit, um Berthold Beitz, 99 Jahre, an der Spitze der Krupp-Stiftung abzulösen. Allerdings darf sich Cromme keinen Patzer mehr bei Thyssen-Krupp erlauben, weil ihn das für die neue Aufgabe disqualifizieren würde. "Er muss jetzt durchhalten, komme was da wolle", sagt ein Branchenkenner. Der Aufsichtsratschef kann auf die Unterstützung von Beitz setzen, wie dieser im Dezember gegenüber dem "Handelsblatt" betonte. Damit hat Cromme immerhin bereits 25,33 Prozent des Aktienkapitals – so hoch ist der Anteil der Krupp-Stiftung an Thyssen-Krupp – hinter sich, wenn auf der Hauptversammlung der Tagesordnungspunkt 3 aufgerufen wird: "Beschlussfassung über die Entlastung der Mitglieder des Aufsichtsrats".
Stand: 18.01.2013, 09.44 Uhr
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Kommentare zum Thema (4)
letzter Kommentar: 18.01.2013, 14:19 Uhr
- Karl schrieb am 18.01.2013, 14:19 Uhr:
- da hilft nur Laden dicht machen! Weg mit den Stahlbaronen!
- MäckRR schrieb am 18.01.2013, 13:40 Uhr:
- @Anonym 10:30h: Definieren Sie doch bitte "Sozenkompromiß". Würden Sie gerne nach Werkvertrag bezahlt werden oder wollen Sie gerne einfach für alle einen abschließen?
- Anonym schrieb am 18.01.2013, 11:22 Uhr:
- Lt. NTV verzichtet, der Aufsichtsrat auf einen Großteil seines Gehaltes... Wo ist da eigentlich Nachricht, stehen die am Montag Morgen vor mir in der ALG II Schlange beim Jobcenter?
- Anonym schrieb am 18.01.2013, 10:30 Uhr:
- Raus mit der IGM aussem Aufsichtsrat. Die schaukeln sich eh nur die Eier... Neue Tarifstruktur Werkverträge für die Arbeitnehmer, so kriegt man den Laden wieder saniert. Alles anderer ist schon wieder so ein idiotischer Sozenkompromiß. Arbeiten klappe halten, Schüppe in die Hand. Alllenfalls ein CGB Mindestlohn mit Abschlägen.... Gibt genügend Arbeitslose in Europa.
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