Psychischer Stress am Arbeitsplatz Immer unter Druck

Stress am Arbeitsplatz macht krank. Das ist bekannt. Die Arbeitsausfälle wegen psychischer Krankheiten werden mittlerweile zum ökonomischen Problem der Wirtschaft. Heute tagen Politiker, Gewerkschafter und Arbeitgeber in Berlin. Ein Interview mit dem Medizinsoziologen Johannes Siegrist über die gesundheitlichen Folgen von Arbeitsstress.

Der Stress im Job nimmt zu: Gut 50 Prozent von knapp 5.000 Beschäftigten sahen sich nach einer DGB-Umfrage 2012 starker bis sehr starker Arbeitshetze ausgesetzt. Zudem klagten 80 Prozent der Befragten über seit Jahren ständig steigende Leistungsanforderungen. Und: Psychische Erkrankungen werden für Arbeitgeber immer mehr zu einem Kostenfaktor: Etwa 53 Millionen Krankheitstage pro Jahr gehen nach Angaben aus dem Arbeitsministerium auf ihr Konto. Am Dienstag (29.01.2013) will Arbeitsministerin Ursula von der Leyen gemeinsam mit Vertretern von Arbeitgebern und Gewerkschaften über die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz reden. Die IG-Metall fordert sogar eine Anti-Stress-Verordnung.


Jeder Zweite im Arbeitsstress
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WDR.de: Die meisten Menschen haben schon immer viel gearbeitet. Etwa ein Bergmann aus dem Ruhrgebiet. Was ist an der heutigen Arbeit anders?

Professor Johannes Siegrist: Die Intensität der Arbeit hat sich in den vergangenen 20 Jahren in vielen Berufen gesteigert. Das Tempo, die Arbeitsmenge, die zu erledigen ist, und die Anforderungen an die Arbeit haben sich erhöht. Das zeigen mehrere Studien, die die Arbeit in den vergangenen 20 Jahren vergleichen. So muss in der vorgegebenen Arbeitszeit mehr erreicht werden. Das sind subjektive Daten, die durch Befragung der Arbeitnehmer ermittelt worden sind. Aber objektiv kann man feststellen, dass durch Personalabbau für bestimmte Gruppen die Arbeit mehr geworden ist. Wie etwa im Gesundheitsbereich oder derzeit bei Banken, wo enorm rationalisiert wird.

Johannes Siegrist
Porträt Johannes Siegrit

Johannes Siegrist, Jahrgang 1943, ist Seniorprofessor für psychosoziale Arbeitsbelastungsforschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er forscht seit vielen Jahren über den Zusammenhang von Stress im Erwerbsleben und Krankheit.

WDR.de: Warum ist die Arbeit stressiger geworden?

Siegrist: Eine Ursache ist der Personalabbau. Durch die Globalisierung ist die Konkurrenz größer geworden und damit der Druck zu Rationalisierungen. Die gleiche Arbeit muss mit weniger Leuten gemacht werden. Außerdem hat der Prozentsatz der Leute in manchen Berufen zugenommen, die mehr als 50 bis 60 Stunden in der Woche arbeiten. Dazu kommt noch die Vermischung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Durch Handys und E-Mails ist die Arbeit durchlässiger geworden und wird mit nach Hause genommen.

WDR.de: Was genau ist Stress?

Siegrist: Wir beschäftigten uns in der Wissenschaft mit krankheitswertigem Stress. Das ist etwas anderes als der Stress, von dem der Mann auf der Straße spricht: Das ist Hektik, viel zu tun im Moment. In der Arbeitsstressforschung sprechen wir von Stress, wenn Herausforderungen unbedingt gemeistert werden müssen, aber wenn nicht klar ist, ob man diese Aufgaben auch erfolgreich lösen kann. Diese Herausforderung geht oft mit dem Gefühl der Bedrohung einher. Auch das Beschäftigungsverhältnis insgesamt kann ein Gesundheitsrisiko sein. Etwa wenn ich zwar meine Aufgaben bewältigen kann, aber ich nicht weiß, was morgen passiert. Werde ich befördert? Kann ich meinen Arbeitsplatz behalten? Bekomme ich eine angemessene Entlohnung und Wertschätzung für meine Arbeit?

WDR.de: Welche Krankheiten verursacht der Stress?


Frau stützt Kopf auf ihre Arme
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Ausgelaugt im Job

Siegrist: Dieser Stress erhöht das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 40 bis 50 Prozent. Dazu zählen Herzinfarkt, Herzstillstand, aber auch Bluthochdruck. Das heißt natürlich nicht, dass jeder mit einer stressigen Arbeitssituation auch gleich Angst haben muss, dass er einen Herzinfarkt bekommen könnte. Mindestens das Gleiche gilt für psychische Störungen, speziell für depressive Störungen, die klinisch behandelt werden müssen. Da erhöht beruflicher Stress das Risiko um 70 bis 80 Prozent.

WDR.de: Die Gewerkschaften fordern eine Anti-Stress-Verordnung. Inwieweit kann Politik den Arbeitsstress reduzieren?

Siegrist: Ich bin dagegen, das deutsche Regelungsbedürfnis, jetzt noch sehr stark weiter zu strapazieren. Aber bestimmte Vorschläge wie die Arbeitszeitregelung der Anti-Stress-Verordnung finde ich schon sehr sinnvoll. Es gibt immer Arbeitgeber-Vertreter, die sich nicht an freiwillige Vereinbarungen halten. Mit einer Verordnung können auch gewerkschaftlich nicht so stark organisierte Branchen geschützt werden. Andere Länder wie Dänemark, Schweden, Finnland und die Niederlanden sind da schon viel weiter. Hier wird die psychosoziale Belastung am Arbeitsplatz erfasst. Die Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen sich mit den Befunden auseinandersetzen und es ist vorgeschrieben, dass etwas für die gesundheitsförderliche Arbeit getan werden muss. Da ist Deutschland deutlich im Rückstand.

WDR.de: Wie lässt sich beispielsweise regulieren, dass Arbeitnehmer immer stärker unter Zeitdruck arbeiten müssen?


Arbeiter am Schweißgerät in der Nacht
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Anstrengende Nachtschicht

Siegrist: Man kann mit Sicherheit extreme Situationen regulieren. Etwa durch die Vorgaben für die Akkordarbeit. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es beispielsweise eine Obergrenze dafür gibt, dass man über Jahre ununterbrochen in der Nachtschicht arbeiten sollte. Eine englische Studie zeigt, dass Menschen, die zehn Jahre lang mehr als elf Stunden pro Tag arbeiten, ein um 70 Prozent höheres Risiko für Herzinfarkte und schwere Depressionen haben.

WDR.de: Was mache ich denn als Arbeitnehmer, wenn der Chef mir kurz vor Feierabend eine Aufgabe erteilt mit dem Hinweis, diese soll am nächsten Tag fertig sein?

Siegrist: Darum geht es nicht in der Verordnung. Es geht hier nicht um einmalige Dinge. Regelmäßige Praktiken, die aus gesundheitlicher Sicht nicht zumutbar sind und regelmäßig verordnet werden, sollen durch Kontrollmöglichkeiten verhindert werden. Man muss natürlich sehr behutsam sein und schauen, wo kann man regulieren. Man muss hier auch die Kirche im Dorf lassen und kann nicht dort Vorschriften einbauen, wo vielleicht einfach der Mut der Betroffenen nötig ist, sich zu wehren. Man muss nicht alles über eine Verordnung regeln.

WDR.de: Wie kann man sich denn wehren, wenn man das Gefühl hat, die Arbeit ist zu stressig?

Siegrist: Je nach Betriebsgröße kann man sich anonym an bestimmte Beschwerdeinstanzen wenden, auch bei innerbetrieblichen Vertrauensleuten. Es gibt kein Allheilmittel. Aber wenn die Arbeitgeber einsehen, dass eine gesundheitsförderliche Arbeit nicht nur für die Mitarbeitenden etwas sehr Positives ist, sondern letztlich auch das Betriebsergebnis verbessert, dann würden sich viele Gedanken machen und sich stärker engagieren.

WDR.de: Braucht der Mensch nicht auch ein wenig Druck, um gute Leistung zu bringen und verfällt ohne Druck in Lethargie?

Siegrist: Es geht nicht darum, den Druck grundsätzlich zu verringern. Herausforderung ist wichtig, gefordert zu werden, kann kreativ sein, kann die Leute zu Lernanstrengungen führen. Das ist nicht der Punkt. Es geht vielmehr darum, eine langfristig gesunde und leistungsfähige Belegschaft zu haben. Mitarbeiter, die mit 50, 60 und darüber hinaus noch motiviert und in der Lage sind, aktiv beschäftigt zu sein. Es gibt Berufsgruppen, in denen sind die Leute mit 55 erschöpft und ausgelaugt. Es muss in einer alternden Belegschaft der Erhalt der Leistungsfähigkeit gezielt gefördert werden. Das ist auch ein Ziel einer Anti-Stress-Verordnung.

Das Gespräch führte Anke Fricke.


Stand: 29.01.2013, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (68)

letzter Kommentar: 31.01.2013, 16:27 Uhr

Erzliberaler schrieb am 31.01.2013, 16:27 Uhr:
War mal wieder klar, dass hier Minderleister Urständ feiern, wer nichts bringt, fliegt raus. So einfach ist das, es gibt in Europa genügend motivierte Arbeitslose. Brotkorb höher hängen, dann gehts uns besser!
Arbeiter schrieb am 30.01.2013, 22:51 Uhr:
Seit den Veröffentlichungen in den Krankenkassenzeitschriften, der Apotheken-Umschau und sonstigen Puplikationen ist Burn-out modern geworden. Ist nur schade, daß diese Krankheit nichts mehr für Rentner ist. Aber da wird die Apotheken-Umschau bestimmt demnächst eine Alternative finden. Den Burn-out Rentner.
Realist schrieb am 30.01.2013, 22:28 Uhr:
Es ist schon ein wenig merkwürdig. Privat schafft sich jeder den neuesten technischen Schnickschnack an. Nur im Büro möchte man dies nicht. Allerhöchstens eine Kaffemaschine. Und dann ein Schild an der Zimmertüre: Fürmeddachs geschlosse, Nohmeddachs zo. Damit man sich vom seinem privaten Stress erholen kann. Den Arbeitgebern einfach nur die Schuld zuzuweisen ist bequem, aber viel zu einfach.
Low Performer, 50 schrieb am 30.01.2013, 21:58 Uhr:
Die Todesspirale der Leistungsgesellschaft: Es muss die Leistung gesteigert werden, um Konkurenzfähig zu bleiben. Dadurch fallen Leute weg, weil sie nicht Leistungsfähig genug sind. Die Leistung muss von den verbliebenen alleine geschafft werden. Zusätlich müssen über Staat und Sozialabgaben die schon ausgefallenen finanziert werden, um politische Ruhe zu garantieren. Wegen der nun noch höheren Leistungsanforderungen fallen noch mehr Leute Weg... Und so dreht sich das ganze im Kreis. Eine Wirtschaft, die immer weiter wachsen muss, hat viel von einem Pyramidenspiel. Ich fürchte das Ende....
Pöstchen schrieb am 30.01.2013, 19:21 Uhr:
Man gebe in Deutschland aus einer Gruppe Arbeitnehmer dem faulsten das Kommando und schon fängt er an die Kollegen zu mobben,diese armen Teufel kann man mit ihren eigenen Waffen schlagen sind halt Waschlappen und ohne eigenem Charakter,einfach Schmierlappen.

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