Streiks an NRW-Flughäfen "Schlangenbekanntschaften" am Airport

Von Martina Züger

Die Reisenden murren kaum, obwohl sie bis zu vier Stunden in der Schlange stehen: Dutzende Flüge sind am Flughafen Düsseldorf am Donnerstag (24.01.2013) ausgefallen oder starten verspätet. Einige Passagiere zeigen Verständnis. Andere trauern um jede Urlaubsminute. Auch am Freitag (25.01.2013) soll gestreikt werden.

"London? London? Nach vorn", ruft ein Mitarbeiter des Flughafens in grellgelber Warnweste. Er läuft an einer Schlange von Fluggästen entlang, die sich über fünfhundert Meter durch die Terminals des Düsseldorfer Flughafens zieht. Die Schlange funktioniert so: Man stellt sich im Bereich des Terminals C an und arbeitet sich langsam, sehr langsam bis zum Terminal AB vor. Das dauert zwischen zwei und vier Stunden - und das wird auch den ganzen des Tag so bleiben.

Insgesamt knapp 400 Sicherheitsmitarbeiter streiken an den beiden Flughäfen Köln/Bonn und Düsseldorf. Nur fünf Prozent der eingeplanten Mitarbeiter sind am Donnerstagmorgen (24.01.2013) um vier Uhr in Düsseldorf zum Frühdienst erschienen. Deswegen sind laut Bundespolizei von normalerweile 20 bis 24 Kontrollstellen nur sieben bis acht besetzt. Flüge vom Terminal C werden ebenfalls im Bereich AB abgefertigt.

"8,23 Euro Stundenlohn, man kann nur Verständnis haben"


Glücklich also, wer nach London reist. Weil der Flughafen London Heathrow Drehkreuz mehrerer Fluggesellschaften ist, werden Flüge dorthin bevorzugt abgefertigt, ebenso wie Langstreckenflüge nach Amerika. Alle anderen müssen warten - wie Simone Kelly und Fiona Kaalu - Reiseziel Dublin -, die sich vor zweieinhalb Stunden einreihten. Doch Wut sieht anders aus. "8,23 Euro Stundenlohn, man kann nur Verständnis haben", sagt Fiona. "Sicherheit ist wichtig: Das ist viel zu wenig Geld für diesen Job", ergänzt Simone. Durch den Lautsprecher erklingt derweil die Ansage, es komme zu Verzögerungen bei der Abfertigung. Die meisten Passagiere haben ihre Jacken ausgezogen; die Flughafenmitarbeiter reichen Wasserflaschen und Stühle für die Älteren und Schwächeren.

Nur ein unheimliches Wort bereitet Simone, Fiona und anderen Sorgen: annulliert. "So lange dieses Wort nicht an der Anzeigentafel aufleuchtet, bleibe ich entspannt", sagt Fiona Kaalu. Von 530 Flügen sind bis Mittag immerhin 121 ausgefallen, bis zum späten Nachmittag sind es 190. Zum Vergleich: Am Flughafen Köln/Bonn wurden von 88 Abflügen 26 gestrichen, von 83 Landungen fielen 22 aus.

Streik geht auch am Freitag weiter


Und auch am Freitag (25.01.2013) wird es wieder eine riesige Schlange geben. Im angrenzenden Flughafenhotel haben alle wichtigen Fernsehsender ihre Kameras aufgebaut, als Andrea Becker - Verdi-Verhandlungsführerin in Sachen Sicherheitspersonal - sagt, wie es weitergeht. "Wenn mich im Laufe des Tages kein Anruf erreicht, dass der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft an den Verhandlungstisch zurückkehrt, rufen wir morgen zu weiteren Streiks auf", sagt Andrea Becker und hofft, dass erneut bis zu 95 Prozent der Mitarbeiter ihre Arbeit niederlegen.

Und tatsächlich: Der Streik des Sicherheitspersonals an den Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn soll auch am Freitag fortgesetzt werden. Das sagte ein Verdi-Sprecherin am Donnerstagnachmittag (24.01.2013). Die Arbeitgeber hätten die Frist für ein verbessertes Angebot verstreichen lassen und seien nicht an den Verhandlungstisch zurückgekehrt. In Düsseldorf soll am Freitag bis 22 Uhr, in Köln/Bonn bis 20 Uhr gestreikt werden. Germanwings hat bekanntgegeben, dass am Freitag 18 Flüge von Köln/Bonn (Stand: 24.01.2013, 20:30 Uhr) ausfallen werden. Die Lufthansa streicht 34 Flüge (Stand: 24.01.2013, 20:46 Uhr), die von Düsseldorf starten sollten.

Die Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern um höhere Löhne für die Beschäftigten im Wach- und Sicherheitsgewerbe in NRW waren zuvor gescheitert. "Wir wollen die Branche aus dem Niedriglohnsektor herausholen. Mitarbeiter im Bereich Sicherheit müssen endlich von ihrem Lohn leben können", sagt Becker, die sehr zufrieden ist mit der Resonanz. Mit einem Stundenlohn von 8,23 Euro - oder selbst 12,36 Euro, wie ihn rund die Hälfte der Flughafen-Sicherheitsmitarbeiter in Köln/Bonn und Düsseldorf erhält, könne man keine Familie ernähren.

Lesen, träumen, kennenlernen


Nicht nur Simone und Fiona, auch die anderen Menschen in der Warteschleife sind diszipliniert und entspannt: Man liest Bücher, man träumt vor sich hin, man nimmt Kontakt auf zu Vorder- oder Hintermann. "Schlangenbekanntschaft" ist das zweite große Wort unter den Reisenden. Franz Buhl, Reiseziel Antalya, wägt mit anderen ab, ob Borussia Dortmund die Deutsche Meisterschaft nochmals holen kann. "Natürlich war ich bedient, als ich die Länge der Schlange gesehen habe. Die Zeit, die ich hier verbringe, geht von meinem Urlaub ab. Doch richtig verärgert bin ich nicht." Selbst ein Geschäftsmann, der um 14 Uhr einen Termin in Birmingham hat, lächelt gegen Mittag: "Noch glaube ich daran, pünktlich zu sein." Da hat er noch mindestens 300 Meter Schlange-Stehen vor sich.

Service-Hotlines für Reisende

Betroffen von dem Streik sind nicht nur Reisende, die auf den Abflug warten, sondern auch ankommende Reisende. "Viele Flüge funktionieren im Rotationsbetrieb, eine Maschine fliegt also hin und zurück. Ist der Hinflug bereits verspätet, verzögert sich auch der Rückflug nach Düsseldorf", erklärt die Düsseldorfer Flughafensprecherin.

Die Flughäfen haben Service-Hotlines für Reisende eingerichtet: Für Düsseldorf die 0211-4210, für Köln/Bonn die Nummer 02203-404000. Der Flughafen Düsseldorf rät allen Reisenden, sich bei den Airlines oder Reiseveranstaltern über den Status ihrer Flüge zu informieren.


Stand: 24.01.2013, 20.46 Uhr


Kommentare zum Thema (31)

letzter Kommentar: 26.01.2013, 00.19 Uhr

solidarisch schrieb am 26.01.2013, 00.19 Uhr:
Lutz B: bin vollkommen deiner meinung Vielflieger schrieb heute, 14:23 Uhr: stimme ihnen zu dieser aussage zu. die arbeit kennt man nicht und sollte dies auch nicht als einfache arbeit darlegen, die auch noch sehr wichtig ist. sicherheitsbereich ist nun mal eine gefährlich arbeit, die einem das leben kosten könnte, die menschen lernen erst wenn es zu spät ist. die sicherheit ist nicht so wichtig wie der gewinn kennen wir doch alle, oder? Bordpersonal und Piloten haben sie schwere arbeit zu verrichten? bei solchen löhnen ist eine bestechlichkeit( meiner meinung nach)vorprogrammiert, und sollte und zu denken geben, vorher, nicht wenn es zu spät ist. denke auch nicht das jemand der dran denken muß, ob oder wie man nächsten monat über die runden kommt, auch richtig konzentriert genug ist, da nützt auch ein nebenjob nicht
Vielflieger schrieb am 25.01.2013, 14.23 Uhr:
@ Analytiker: Ich darf annehmen, dass Sie nicht aus dieser Branche kommen? Bereits vor mehreren Jahren wurde das komplette Bodenpersonal mit wenigen Ausnahmen "outgesourced" und ist ausschließlich bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. Die freundliche junge Dame am Check in, die fließend mehrere Sprachen spricht, der nette Herr von der Sicherheitskontrolle, der dafür Sorge trägt, dass Ihnen Ihr Sitznachbar kein Messer an den Hals hält, Ramper, Loader etc. erhalten definitiv keine 12,36€ und können sich nur mit Nebenjobs über Wasser halten. Außerdem werden schon seit Jahren keine Vollzeitverträge mehr vergeben, sondern nur noch 40-120 Stundenverträge. So können die Zeitarbeitsfirmen ganz legal das unternehmerische Risiko auf die Mitarbeiter abwälzen, ganz nach Bedarf Überstunden anordnen und im Urlaubs- bzw. Krankheitsfall natürlich nur das spärliche Grundgehalt zahlen. Die Schichtzulagen betragen übrigens 15-30 Cent pro Stunde! DAS ist die Realität!!
Anonym schrieb am 25.01.2013, 13.23 Uhr:
Analytiker ..... aus deinem kommentar kann man lesen - wie wenig du von der wirklichkeit weißt und wie dumm du doch bist ....selbst wenn nach deiner rechnung 1000 euro netto übrigbleiben ... nun zieh mal nur die miete ab ...telefon ..und eine autoversicherung ... nimm noch eine tankfüllung dazu ...denn morgens um drei fährt keine bahn oder buss zum flughafen ...und was dann noch vieleicht übrigbleib .. das ist dann zum leben .... bist sicher ein politiker .. der mit zwanzig mille im monat überhaupt nicht mehr weiß ..wie der kleine mann über die runden kommen soll ... ich finde es gut und richtig , wenn diese leute sich zur wehr setzen ...und mehr lohn fordern
Es lebe Verdi schrieb am 25.01.2013, 12.10 Uhr:
Der Streik ist super geil, endlich wieder saubere Luft. Den Luftverkehr ganz einstellen, das wäre die Lösung. Allerdings auch für VIPs in Politik und Medien. Das Sicherheitspersonal kann eingesetzt werden bei Bussen, Bahn und öffentlichen Veranstaltungen. Grün ist die Zukunft.
Kein verdi! schrieb am 25.01.2013, 10.12 Uhr:
...ich hoffe die Arbeitgeber bleiben standhaft! ...ich wünschte es gäbe Möglichkeiten die scheiß verdi-Sozis so zu bestreiken, so wie sie es jetzt schon den 2. Tag mit den Reisenden tun!

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