Neues Gesetz gegen Glücksspiel: Spielerkarte gegen Automatensucht
"Einarmige Banditen" sollen nur noch mit Zugangsticket bedient werden dürfen. Zur Bekämpfung der Spielsucht plant die Bundesregierung die Einführung einer Spielerkarte für Glücksspielautomaten. Suchtexperten in NRW warnen vor "Pseudo-Prävention".
Hunderttausende Menschen sind laut Zahlen von Gesundheitsschützern abhängig vom Spielen an Automaten. Die Bundesregierung will deshalb die Benutzung der bunten Glücksspielgeräte in Spielhallen und Kneipen beschränken. Eine "personenungebundene Spielerkarte" soll per Gesetzentwurf eingeführt werden.
Wie ein Schlüssel müsse die Karte benutzt werden, um ein Geldspielgerät in einer Spielhalle oder Gaststätte nutzen zu können, teilte ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums am Dienstag (21.08.2012) mit. Die Karte erwerbe der Spieler vom Aufsichtspersonal der Spielhalle oder beim Gastwirt. Der Gesetzentwurf der schwarz-gelben Bundesregierung liegt derzeit im Bundesrat. Wann darüber entschieden wird, ist noch unklar. Eine weitere Verordnung soll laut Medienberichten regeln, dass nur noch bis zu 200 Euro pro Tag und Spielstätte verspielt werden dürfen. Das Ministerium bestätigte das 200-Euro-Limit zunächst nicht. Suchtexperten halten das Modell insgesamt für unausgegoren.
Marktführer aufgeschlossen
Die Glücksspielwirtschaft begrüßt den Plan, der offenbar eng mit den Unternehmen abgestimmt ist. "Wir als Marktführer können uns eine personenungebundene Spielerkarte vorstellen und sind dafür zu technischen Nachrüstungen unserer Geräte bereit", sagte der Sprecher des Automaten-Herstellers Gauselmann, Mario Hoffmeister. Es ist sei ein "Anliegen" für das Unternehmen, "krankhafte Spieler und Jugendliche zu schützen". Eine Personalisierung der Daten sei aber aus Datenschutzgründen unzulässig. "In diesem Zusammenhang muss bedacht werden, dass, wenn man die Kontrollschraube überdreht, die Spieler ins völlig unkontrollierte Internet abwandern, woran niemand Interesse haben kann", warnte Hoffmeister.
Die Automaten lohnen sich für das ostwestfälische Familienunternehmen. 2011 steigerte die Firma ihren Umsatz um 95 Millionen auf 1,07 Milliarden Euro. Der Gewinn bewegte sich nach Angaben von Gauselmann im oberen einstelligen Prozentbereich. Im Geschäftsjahr 2011 betrieb das Unternehmen allein in der Bundesrepublik 237 Spielhallen. Gauselmann führt seit Jahren einen Dauerkampf gegen schärfere Glücksspielgesetze.
Forderung nach "Abrüstung"
Suchtexperten halten nicht allzu viel von den Plänen der Bundesregierung. "Das ist doch Pseudo-Prävention", sagte die Leiterin der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW, Ilona Füchtenschnieder, zu WDR.de. Eine solche Karte bringe "gar nichts", denn der Schutzeffekt sei leicht zu umgehen, da die Spielkarte nur für eine Spielstätte gelte. Es sei auch ein "höchstproblematisches Signal", wenn der Staat per Glücksspielticket tägliche Limits von bis zu 200 Euro legitimieren würde, kritisierte Füchtenschnieder. Sie forderte von den Spielotheken eine "Abrüstung" der Geräte. Die Automaten würden harmlos als "Unterhaltungsgeräte" beworben, dabei könne man damit in zwei Tagen ein Monatsgehalt verspielen.

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Spielautomaten versprechen große Gewinne gegen kleines Geld
Bedenken meldet auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln an. "Sinnvoll ist eine Zugangskarte nur dann, wenn sie personalisiert ist wie die Identifikationskarten für Zigarettenautomaten", sagte Anne Pauly, Referentin für Suchtprävention bei der Bundeszentrale. Vorher müssten aber technische und datenschutzrechtliche Fragen geklärt werden. Pauly rügte die "weite Verbreitung" von Glücksspielautomaten. "Die Geräte stehen ja nicht nur in Spielotheken, sondern auch in Imbissbuden, Kneipen und Autobahn-Raststätten. Da müssen Süchtige schon einen sehr starken Willen haben, um dem dauerhaft zu widerstehen", sagte die Expertin.
Das Bundeswirtschaftsministerium hält sich zur Forderung nach einer personalisierten Karte zur Kontrolle der Spielsüchtigen noch bedeckt: "Vermutungen zur künftigen Ausgestaltung einer solchen personengebundenen Spielerkarte sind Spekulation, zu der wir keine Stellung nehmen", sagte Sprecher Stefan Rouenhoff.
Spieler sind meist Männer über 30
Bundesweit gibt es etwa 250.000 Automatensüchtige, mindestens 40.000 sollen es allein in NRW sein. "Oftmals handelt es sich um Männer über 30 Jahre, zum Teil arbeitslos. Es gibt auch eine relativ hohe Zahl von Migranten unter den Süchtigen", sagte Pauly und mahnte mehr Jugendschutz an. "Obwohl die Automaten für Jugendliche unter 18 verboten sind, gibt es auch hier Süchtige." In vielen Pommesbuden und Kneipen wird offenbar zu wenig darauf geachtet, wer sein Kleingeld in die Automaten wirft.
Stand: 21.08.2012, 13.31 Uhr
Kommentare zum Thema (20)
letzter Kommentar: 22.08.2012, 12:42 Uhr
- andrea schrieb am 22.08.2012, 12:42 Uhr:
- Soll doch jeder seiner Lieblingssucht nachgehen. Warum muß es wieder gesetzlich geregelt werden? Wenn jemand sein Moos verzocken will, bitte. Die zweite Therapie sollte nur nicht bezahlt werden von der Krankenkasse.
- Coloni schrieb am 22.08.2012, 10:13 Uhr:
- Und wieso entstehen überall neue Spielhallen? Wer mal mit offenen Augen durch die Städte geht, entdeckt an allen möglichen und unmöglichen Ecken neue Spielhallen. Mal auf einer Etage, mal ganz groß und im Gewand eines ufoähnlichen Neubaus (gegenüber des Centro in Oberhausen), in der Nachbarschaft von Auto-Waschanlagen oder sonstigem Kleingewerbe. Aber die angeblich zunehmende Suchtgefahr, insbesondere von Jugendlichen, beklagen. Das ist schon pharisäerhaft. Einerseits die Einnahmen aus diesem Gewerbe (= Steuern etc.) haben wollen, andererseits aber medienwirksam beklagen, wie schädlich, krank und gefährlich das alles ist. Und am Ende zahlt der nicht spiel– und auch sonst nicht Süchtige über seine Steuern und Krankenkassenbeiträge die Folgen. Denn Spielsucht ist (angeblich) eine Krankheit und dafür ist ja dann bekanntlich die Allgemeinheit zuständig, z.B. über die Krankenkassen.
- Observer schrieb am 22.08.2012, 07:51 Uhr:
- Die meisten Betreiber von Spielotheken hier in Deutschland sind Ausländer (Türken, Albaner usw.). Und da die bekanntlich in diesem Land Sonderechte haben - muss man auch keine Bange haben, dass da was verboten oder eingeschränkt wird!
- spacedrummer schrieb am 22.08.2012, 07:47 Uhr:
- Bevormundung von Bürgern - darin sind Politiker groß. Und das Volk läßt sich von diesen Verbrechern gängeln, statt sie am nächsten Laternenpfahl auf zu knüpfen!
- Merkur schrieb am 22.08.2012, 00:20 Uhr:
- In den Medien werden die Spielotheken oftmals mit den großen Spielcasinos verwechselt. Das erkennt man schon daran dass die Aussagen bebildert werden mit Geräten, die nur in Spielcasinos vorkommen. Nur dort kann man - Glück vorausgesetzt - Gewinnkombinationen erzielen, die Tausende von Euro bringen. In den Spielautomaten der Spielotheken bzw. der Gaststätten ist dagegen der maximale Gewinn gedeckelt. Auch schalten sich die Geräte nach 60 Minuten Dauerspiel zwangsweise ab. Das wird in der Berichterstattung kaum erwähnt. Wenn ein Spieler nur an einem Gerät spielt, kann er gar nicht pro Tag 1000 Euro verspielen, wie immer behauptet wird. Spielt ein Spieler jedoch an 2 oder gar 3 Geräten gleichzeitig, steigert sich natürlich der tägliche Verlust. Wenn man also einem Spieler auch wirklich nur eine Karte gibt, die er in ein Gerät einschieben muss, wird der große Verlust vermieden. Der Automatenbetreiber muss also in die Pflicht genommen werden, auch nur eine Karte auszugeben.
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